Williams‘ Geständnis

Die Brise ist aufgefrischt, beinahe kalt ist der Wind auf der Haut, die über Wochen Hitze gespeichert hat. Robert geht ziellos durchs Viertel. Das Wetter macht die Menschen hektisch. Das erinnert ihn an einen Spätsommer seiner späten Kindheit. Er watet durch Zeitschichten: jetzt, vor fünf Jahren und damals. Über den Bahndamm hinweg sieht er die Klinker der ehemaligen Süßigkeitenfabrik. Der Duft von Lakritz. Für einen Groschen Waffelbruch. Kaubonbons zum halben Preis beim Pförtner. Tanklastwagen mit Melasse. Der Getränkehandel im Hinterhof, den man Bierverlag nannte. Es war so heiß, und er war so durstig. Ging rein zu Onkel Jochen, der ihm eine eiskalte Sinalco schenkte. Trank die aus, trat wieder in die Hitze und kotzte alles aus. Die Kabelgräben neben der neu angelegten Durchgangsstraße. Teerbinden um die Rohre, rochen wie verbranntes Fleisch. Nachts die Petroleumleuchten. Ein Schupo im weißen Gummimantel auf der Kreuzung. Mutti gab ihm eine Flasche Sprudel für den Polizisten. Er hat die Straße erreicht, wo er in die Volksschule gegangen ist. Schichtunterricht, eine Woche vormittags, eine Woche nachmittags. Zu viele Schulen noch in Trümmern, zu wenige neu erbaut. Und biegt dann ab zum Platz. Gerade kommt William Williams im dunkelblauen Dreiteiler an der Eisdiele von Stefano vorbei. Überquert den Fahrstreifen und strebt seinem Laden zu. „Williams“, ruft Robert, „warten Sie!“

Der schwere Afrikaner erschrickt und bleibt stehen. Der Hauptkommissar außer Dienst reicht ihm die Hand. Williams ignoriert das. „Gehen wir ein paar Schritte?“ Der Import-Export-Unternehmer nickt. Sie überqueren den Platz. „Was ist denn jetzt mit Cooka Jones?“ Sein Begleiter schaut an ihm vorbei während sie am Bolzkäfig vorbeikommen. „Wo ist der? Wer ist der? In welchem Verhältnis stehen Sie zu dem?“ Williams bleibt stehen. „Herr Kommissar, ich habe ein Geständnis.“ Er holt tief Luft. Robert sieht ihm in die schwarzen Augen. „Es gibt kein‘ Cooka Jones. Hab ich mir ausgedacht.“ – „Was?“ Der Ermittler ist überrascht, fast geschockt. Seine Intuition, Elle hat ihn ja animiert, sie zu nutzen, hat ihm gesagt, dieser geheimnisvolle Dummschwätzer, wie Williams ihn genannt hatte, müsste der Täter sein. „Können wir in mein‘ Laden gehen? Ich mach Kaffee und dann erzähl ich. Okay?“ Robert stimmt zu.

Dann hat er einen ordentlichen deutschen Bohnenkaffee aus einer ordentlichen deutschen Kaffeemaschine vor sich. Ordentlich mit Dosenmilch geweißt und mit ordentlichem Zucker gesüßt. Williams sitzt in seinem Bürostuhl hinter dem repräsentativen Schreibtisch. „Bei uns zuhause ist Cooka Jones ein Symbol. Also, es gibt keinen Cooka Jones. Aber wenn ein Typ viel erzählt, viel Quatsch, dann ist er ein Cooka Jones. Man sagt hier: Einer der sich um Hals und Kragen redet, nicht?“ – „Kopf und Kragen“, korrigiert Robert. „Ja, gut. Da ist dann so junger Kerl, der läuft rum, im Café, auf dem Markt, erzählt, hat dies und das gesehen und gehört, aber stimmt alles nicht. Das ist ein Cooka Jones.“ Er rührt den Kaffee in seinem Becher, auf dem die schwarze Silhouette des afrikanischen Kontinents auf schwarz-gelb-grünem Grund abgebildet ist.
„Hab ich verstanden. Aber warum haben Sie mir denn diese Geschichten über einen Cooka Jones vorgelogen? Was ist der Grund?“ Williams sieht auf einmal sehr alt aus, gedrückt von schweren Sorgen. „Wegen Ocho.“ – „Wegen ihrem Sohn? Was ist mit ihm?“ – „Ist kein schlechter Junge. Ist klug, fleißig und freundlich. Aber faul. Sagt immer: Wer für Geld arbeitet, ist dumm. Macht Geschäfte und führt Aufträge aus. Für den und den. Auch für Kriminelle. Also, kriminelle Aufträge. Weiß ich aber nicht genau.“ Robert holt tief Luft: „Moment, Sie haben mir einen Cooka Jones aufgebunden, um ihren Sohn zu schützen. Heißt das, das Ocho direkt mit dem Anschlag auf die Bombar zu tun hat?“ Der besorgte Vater schüttelt den schweren Schädel mit den kurzgeschorenen Haaren: „Ich weiß nicht. Hatte einen Verdacht. Reden Sie mal mit ihm. Wäre ein großer Gefallen für mich, ja?“

Später sitzt Robert in einem Touristencafé an der Promenade am Fluss und trinkt stilles Mineralwasser. Er wäre jetzt gern Pensionär und müsste sich nicht mehr Tag für Tag mit dem Bösen auseinandersetzen.

publiziert am 05.02.12 in Völkerwanderung ¦ 934x gelesen ¦ noch kein Kommentar