Armer Örtzel

Bevor Branko anfangen kann, ihn mit Schnaps zu betäuben, geht Robert. Der Niederschlag hat nicht nachgelassen, nur sind jetzt die Tropfen dicker und ihre Flugbahnen weiter auseinander. Er verharrt einen Moment im Eingang der Kneipe und sieht rüber auf den menschenleeren Platz. Das Sandparadies ist zur Matschwüste geworden, vom Dach der öffentlichen Toilette läuft das Wasser in einem dicken Strahl und gräbt ein Loch in die Erde. Früher stand dort eine dicke Ulme, da drunter haben Robert und die anderen Kindern mit Murmeln gespielt. Eine flache grube, handtellegroß, wurde gescharrt, und es galt, die eigenen Glaskugeln von einer Markierung aus da hinein zu schnipsen. Wer die meisten schaffte, gewann alle anderen Murmeln im Spiel. Dötzen nannten sie das Spiel damals. Und wie er so schaut, schiebt sich von links eine vertraute Gestalt ins Blickwinkel. Robert erkennt ihn am Gang, diesem Watscheln mit kurzen Schritten. Die Gestalt kommt rüber zu ihm. Trägt einen blauen Turban schief auf dem Kopf, ein Auge ist mit einem Stück Mull verklebt, Pflaster im Gesicht, der eine Mundwinkel zugenäht.

Das ist der Örtzel, und er muss aus dem Krankenhaus geflohen sein. Der kleine, dicke Mann trägt einen viel zu engen, türkisfarbenen Damenmantel, der weit aufklafft, sodass darunter ein altmodischer Pyjama zu sehen ist. Immerhin hatte er feste Lederschuhe an. Schlimm ist der aus; wer immer ihn und die Bande überfallen hat, kannte keine Gnade. Nun baut er sich vor Robert auf. Ganz aufgeregt scheint der Örtzel zu sein und versucht zu sprechen: „Iwei jet. Weh wah“, sagt er mit seiner piepsigen Stimme: „Omm! Omm!“ Zerrt an Roberts Ärmel und will ihn mitschleifen. Dann greift er seine Hand und umklammert sie mit festem Griff. Der Hauptkommissar muss folgen. Wird durch den schweren Regen geschleift, in Richtung der ausgebombten Häuserecke.
Rechts herum in die Straße, die vom Platz aus wegführt zum Präsidium. Der Örtzel brabbelt vor sich hin und marschiert zielstrebig weiter. Plötzlich bleibt er stehen und starrt Robert mit seinen hellblauen Augen an. Der sieht wie die Pupillen verschwimmen, merkt, dass der Kerl ihn loslässt, sich dreht. Kann ihn gerade noch halten. Fasst ihn unter den Armen und setzt ihn auf den Stufen eines Hauseingangs ab. Der Schwerverletzte scheint bewusstlos geworden zu sein. Greiper holt das Handy raus und wählt den Notruf.

Da öffnet sich die Haustür, und Walter Hinz tritt hinaus. „Was ist denn hier los?“ sagt er. Und zu Robert: „Und was machst du denn hier, Jung?“ Wartet die Antwort gar nicht ab, sondern wendet sich nach rechts. „Halt“, brüllt Robert, „halt, Herr Hinz. Sie sind verhaftet!“ Hinz dreht sich halb um, und sagt über die Schulter hinweg „Das wüsst ich aber.“ Geht weiter. Der Hauptkommissar außer Dienst kann ja den Örtzel nicht einfach so liegen lassen und lässt den alten Mann ziehen, der selbst jetzt im starken Regen einen qualmenden Zigarrenstummel im Mund hat.

publiziert am 14.03.12 in Völkerwanderung ¦ 696x gelesen ¦ noch kein Kommentar