Besuch

Der Niederschlag hat zugenommen. Alle Farbe ist aus der Stadt gewichen. Fußgänger fehlen völlig. Die Autos werfen meterhohe Wellen, wenn sie durch die Pfützen donnern. Scheibenwischer schaffen es kaum, freie Sicht zu erzeugen. Am Platz vor der Kirche trifft Robert auf eine einzelne Radfahrerin im pinken Regenüberwurf. Sie singt laut vom Regen, der auf unsere Köpfe fällt. Das Wasser läuft ihm konstant in den Kragen, an den Spitzen seines Schnäuzers bilden sich Tropfen, die er unwillkürlich aus den Mundwinkeln leckt. Er nimmt den anderen Weg nachhause, am Bach entlang, der dieser Stadt den Namen gibt. Die Enten und Blesshühner haben sich unter Büschen versammelt. Schlamm rinnt die Böschung herab. Dann biegt er in den Parkplatz am Ende der Straße ein, und ein paar Schritte weiter hat er die Haustür erreicht. Jetzt erst spürt er, das er nicht nur nass, sondern regelrecht durchgefroren ist. Geht oben erstmal unter die Dusche.

Robert ist gerade dabei, sich abzutrocknen, da klingelt es. Er tritt hinaus auf die Terrasse, kann den Besucher allerdings nicht sehen, weil der sich dicht an die Wand gedrückt hat. Aber er kann ihn riechen. Der Gestank vom billigen Stumpen zieht hoch bis in die sechste Etage. Der Täter kommt ihn besuchen.

Robert hebt die Gegensprechanlage ab: „Ja?“ – „Ich bin’s, Jung. Kann ich raufkommen?“ – „Wenn Sie einen Moment warten. Ich stand gerade unter der Dusche.“ Walter Hinz antwortet: „Kein Problem. Ich warte.“ Der Hauptkommissar trocknet sich ab und zieht sich an. Kramt seine private P9 raus, checkt das Magazin und steckt die Waffe hinten in den Hosenbund. Den Mini-Taser verstaut er in der Hosentasche. Kommt sich aber komisch dabei vor, sich so vor einem 80-jährigen schützen zu müssen. Es klingelt wieder. „Sag mal, willst du mich verarschen? Ich steh jetzt hier schon ne Viertelstunde. Du wolltest mich doch verhaften, jetzt komm ich frei Haus…“ Robert drückt den Summer. Hört wie sich die Aufzugtür schließt und sich der Lift in Bewegung setzt. Dann steht der alte Mann vor ihm. In einen Wettermantel gekleidet, der fast so aussieht wie die Klepper-Mäntel, die Robert aus seiner frühen Kindheit kennt. Die trugen meist die Kriegsversehrten, denen ein Arm oder ein Bein fehlte, die immer schlechtgelaunt aussahen und auf ihren Sitzplatz in der Straßenbahn bestanden.

„Da bin ich“, eröffnete Hinz das Gespräch, „Kann ich reinkommen?“ Der Hauptkommissar macht eine einladende Handbewegung; sein Gast geht gleich durch in den den Wohnraum. „Ganz schön groß hast du es hier, Jung, und ganz schön leer. Deine Alte ist ja abgehauen, was man so hört…“ Robert ignoriert das. Der Mann wendet ihm den Rücken zu und scheint den Mantel aufzuknöpfen. Dann dreht er sich um. Er trägt eine Jagdweste drunter, und aus jeder der vielen Taschen kommt eine gelbe Zündschnur; alle laufen zusammen in einem schwarzen Kästchen mit einem roten Knopf, den Hinz vor sich in der Hand hält: „Damit die Gesprächsbedingungen schon mal klar sind. Und komm nicht auf das schmale Brett, das wären Attrappen. Sind es nicht. Du siehst ungefähr zwei Kilo Semtex vor dir. Also verhalte dich entsprechend. Und als erstes könntest du mir mal aus dem Mantel helfen. Dann ein Bier, wenn welches da ist…“

publiziert am 31.03.12 in Völkerwanderung ¦ 854x gelesen ¦ noch kein Kommentar