Braune Gäste

Was der wahre Grund dafür war, dass Köbes in kürzester Zeit zu einem glühenden Anhänger der Nationalsozialisten wurde, blieb allen Beteiligten unklar und wurde in späteren Zeiten von der Familie sorgfältig ignoriert. Tatsache war, dass ein halbes Dutzend Männer in Braunhemden nach ihren Parteiversammlungen gern auf ein abschließendes Bier im Sebastianus-Hof einliefen. Dort nahmen sie immer am selben Tisch Platz, redeten leise miteinander, tranke nur Bier und keinen Schnaps, benahmen sich ordentlich, und die übrigen Gäste nahmen keinen Anstoss. Einer von Ihnen, der spätere stellvertretende Gauleiter Hermann-Josef Donk, war es, der irgendwann im Sommer 33 den Wirt ansprach, ob er sich zu ihnen setzen wolle. Und so hockte Köbes zwischen den Siegern der Geschichte und hörte sich an, was diese zur politischen Weltlage zu sagen hatten. Besonders angetan hatte es ihm ein untersetzter Kerl unbestimmten Alters, der ein Bärtchen trug wie der Reichskanzler und besonders gern gegen die Kirche hetzte. Es gäbe, so dieser Mann namens Joseph Heimanns, nicht nur die jüdische Weltverschwörung, sondern auch eine christliche. Und die sorge dafür, dass der von der Vorsehung gewollte Kampf der Völker nicht mit der freien Entfaltung der Kräfte stattfinden könne. Und damit, so Heimanns, meine er vor allem die schändliche Rolle der Papisten bei der Kolonialisierung der primitiven Völker. Das entsprach zum Teil den Ansichten, die auch Jakob Greiper seinerzeit entwickelt hatte und die von der Kirche weggetrieben hatten. Bald identifizierte er sich auch mit anderen Teilen des Gedankenguts, und am 12. Oktober 1933 wurde er Parteimitglied.

Ob es auch geschäftliche Gründe waren, die ihn dazu bewogen, lässt sich nicht beweisen. Jedenfalls avancierte der Sebastianus-Hof rasch zum Stammlokal der Nazis. Köbes ließ den Saal renovieren, der ab dem Frühjahr 1934 an mindestens zwei Abenden die Woche von der lokalen NSDAP-Gruppe oder einer anderen Organisation gebucht wurde. Das brachte enorme Umsätze, und Sofia als Wirtin musste drei Leute für die Küche und vier weitere Bedienungen einstellen.
Als Tünn in seinem selbstgewählten Exil im Vorort davon erfuhr, dass Köbes sich den Braunen angeschlossen hatte, brach er den Kontakt zu seinem Sohn ab. Bis zu seinem Tod sah er ihn nie wieder. Auch Hedwig war schockiert. Aber sie konnte und wollte ihre Enkelkinder nicht aufgeben und reiste jede Woche quer durch die Stadt an, um Sofia und die Kinder zu besuchen. Mit Köbes sprach sie allerdings so gut wie kein Wort mehr.

Bald trug Köbes nur noch die Uniform der SA und machte ein bisschen Karriere in der Partei. Und wurde irgendwann im Winter 1936/37 Vorsitzender der örtlichen Sektion der Vereinigung deutscher Gastwirte, einer gleichgeschalteten Organisation. Zwar wurde aus ihm weder ein großer Redner, noch war er durch sein Amt und die damit verbundene Prominenz wesentlich geselliger geworden, aber der Laden brummte, das Geld floss, und Sofia und er wurden in kurzer Zeit recht wohlhabend. So konnte er dem fernen Vater auch pünktlich zu dessen siebzigstem Geburtstag die vollständige Summe zurückzahlen, die dieser dem Sohn als Starthilfe für die eigene Existenz geliehen hatte. Hedwig ließ Sofia wissen, dass dies völlig unnötig gewesen wäre, den schließlich verfügten Tünn und sie inzwischen über ein nennenswertes Vermögen. Bis auf den Stammsitz am Platz hatten sie alle Immobilien verkauft und ihr gesamtes Geld in Gold angelegt, das zum überwiegenden Teil in Vlissingen bei der örtlichen Bank lagerte und von Tünns uraltem Freund und Geschäftspartner Olav verwaltet wurde.
Nachdem er den Kontakt zu Jakob abgebrochen hatte, war Antonius Jeroen Greiper geborener Grijpstra zudem zu Anwalt Siepenkothen gegangen und hatte seine letzte Verfügung ändern lassen. Die neue Version besagte nun, dass auch nach seinem Tod Olav Harkonsen, Inhaber der Firma Grijpstra & Cie Handelshuis b.v. m it Sitz in Vlissingen, das gesamte Vermögen treuhänderisch zu verwalten habe, und zwar mit der Maßgabe, für die Kinder der Sofia und des Jakob Greiper zu sorgen, um diesen eine optimale Ausbildung zu gewährleisten. Zudem solle der Treuhänder dafür Sorge tragen, dass es der geliebten Ehefrau Hedwig bis zu deren Tod an nichts mangeln möge und er ihr finanziell realisierbare Wünsche jeglicher Art umgehend zu erfüllen habe.

Niemand konnte ahnen, wie schnell sich dieses Testament als vollkommen sinnlose erweisen würde.

publiziert am 07.03.12 in Völkerwanderung ¦ 669x gelesen ¦ noch kein Kommentar