Ganz Ohr – Teil 3

Greiper überlegte kurz, dem Heranstürmenden mit Hilfe seines Dienstausweises den Schwung zu nehmen, aber da war Elle schon von Bord und nahm den potenziellen Gegner in Empfang. Das Schiff, so lernten sie, gehöre dem Flecki, das sei bekanntlich der Bassist der Harten Hände, einer über die Stadtgrenzen hinaus weltbekannten, ehemaligen Punkband, die inzwischen massenkompatibel geworden war und ein größeres Musikimperium betrieb. Sie wüssten sicher, dass das Unternehmen namens Rollis Albumfabrik in der alten Futtermühle sein Hauptquartier habe, und er sei der leitende Sicherheitsmitarbeiter. Der Hauptkommissar setzte kurz an, dem Kerl mitzuteilen, dass man ihm das ansähe, reichte ihm aber stattdessen die Hand und stellte sich vor.
Name und Titel schienen den Bodyguard zu beeindrucken, außerdem gefiel ihm offensichtlich die scharfe Alte, die vor wenigen Augenblicken das heilige Deck entweiht hatte. Man kam ins freundliche Gespräch. So erfuhren Robert und seine zukünftige Lebensgefährtin, dass Flecki bislang wenig unternommen hatte, den Kahn bewohnbar machen zu lassen, zumal er jetzt auch mit Geli auseinander wäre, die ja eigentlich die treibende Kraft gewesen wäre, und seine Neue, die Trischa eher wasserscheu sei. Zum Schluss kam man überein, dass der Personenschützer vorsichtig nachfragen würde, ob das Hausboot nicht doch abzugeben sei.

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So landete der Fall beim zweiten Kommissariat, dem auch Robert Greiper zugeteilt war. Dr. Schimmer, sein unmittelbarerer Vorgesetzter, bewies Humor, indem er ihn mit den Ermittlungen betraute mit der Begründung, Greiper sei ja zur Zeit ohnehin mit Möbeln beschäftigt, da passe die Sache doch gut. Leider brachte er seinen Hauptkommissar damit in beziehungstechnische Schwierigkeiten.

Als Elle und er sich vor einem Jahr in einer lauen Mittsommernacht am Strand des Flusses unterhalb der neuen Arena, die aussah wie die sie umgebenden Messehallen, nahe gekommen waren und jeder für sich erkannt hatte, dass sie ein Paar sein müssten, da hatte sie ihm erklärt, dass er jederzeit mit ihr über seine Arbeit reden könne, sie habe da Verständnis, aber er möge sie nicht mit unappetitlichen Details behelligen, insbesondere wolle sie nichts von den Verletzungen der Mordopfer oder abgetrennten Körperteilen hören. Aber das konnte Dr. Schimmer ja nicht wissen. Jedenfalls nahm Greiper die Mappe mit den Ermittlungsnotizen nach einer kurzen Erklärung seitens seines Chefs in Empfang und hatte das Gefühl, diesen Fall müsse er durchziehen, ohne mit seiner Geliebten darüber zu sprechen.

Wenige Tage später brachten sie den Deal über die Bühne. Der Musiker war dankbar, Abnehmer für die marode Schaluppe gefunden zu haben, und es stellte sich heraus, dass er den Kahn für einen symbolischen Preis von einem Euro übernommen hatte samt Liegenerlaubnis für die nächsten zehn Jahre, sodass er mit einem Abstand in Höhe von zweitausend Euro zufrieden war. Auf eine gemeinsame Besichtigung verzichteten sie, einen Schlüssel zu irgendetwas gab es nicht, nur der wachsame Sicherheitsmensch wurde darüber informiert, dass da jetzt andere Leute auf dem Deck herumturnen dürften.
Ein erster Rundgang brachte erfreuliche Ergebnisse. Robert hatte seinen alten Kumpel Jaczek engagiert, den Allzweckhandwerker, und der meinte nach eingehender Prüfung, der Rumpf sei nach allen Seiten dicht, die Anschlüsse für Strom und Wasser funktionsfähig. Man müsse das Schiff also nur schönmachen und etwaige Unterdeckumbauten vornehmen. Elle hatte die grandiose Idee, die Küche im ehemaligen Steuerhaus unterzubringen, aus dem Inneren einen einzigen großen Raum zu machen und auf dem Deck einen richtigen Garten anzulegen, mit Rasen, Beeten und allem Drum und Dran.
Und so begannen Anfang Juli Schwarzarbeiter verschiedener Nationalität damit, den Kahn zu entrosten und zu streichen, die Holzteile aufzuarbeiten sowie Küche und Bad zu installieren. Anfang Dezember sollte das Hausboot bezugsfertig sein.

***

Nach seiner zweiten Scheidung war Robert einfach in der ehelichen Wohnung, die auf eine Familie mit Vater, Mutter und zwei Kindern ausgelegt war, geblieben. Die Vorstellung umzuziehen hatte ihn in Panik versetzt. Und da die Miete für einen Hauptkommissar, der weder ein Auto besaß, noch je in Urlaub fuhr oder andere nennenswerte Ausgaben zu bestreiten hatte, tragbar war, richtete er sich auf den gut hundert Quadratmetern ein. Susanne, seine Gattin Nummer Zwei, hatte ihn nicht einfach verlassen, sondern hatte bei der Gelegenheit die Wohnung ratzekahl ausgeräumt. Als er von einer einwöchigen Schulung zurückkehrte, fand er die Räume frei von allen Möbeln. Eine Matratze hatte sie ihm gelassen, einen Campingtisch samt Klappstuhl sowie den Fernseher und seine altgediente Stereoanlage, aber anstelle der hochwertigen Einbauküche fand er nur eine alte Kommode und den rostigen Zweiplattenkocher vor, auf dem er vor Jahren phantasievolle Mahlzeiten für Susanne gekocht hatte, nachdem sie zu ihm in seine Junggesellenbude gezogen war.

Eigentlich ging das für Robert auch so in Ordnung so, denn die Mutter seiner Kinder würde das Mobiliar im neuen Heim eher brauchen als er. Außerdem hatte ihm das Zeug, das Susanne vorwiegend im Alleingang erworben hatte, ohnehin nie gefallen. Zu verspielt, zu viel Blau, zu viele Kissen, Teppiche und Ziergegenstände, das war ihm manchmal so auf die Nerven gefallen, dass er heimlich das eine oder andere Teil entsorgte, was natürlich deutliche Eheprobleme nach sich zog.
Dann war er auf AMEK gestoßen und hatte an einem einzigen Tag eine kom-plette Wohnungseinrichtung im Stil der Möbelkette erworben. So, fand er, war wenigstens sichergestellt, dass alles zueinander passte. Und Weiß, Beige und Schwarz waren sowieso seine Lieblingsfarben.

„Eins sag ich dir, mein Lieber“, eröffnete Elle das erste Planungsgespräch nach Unterzeichnung des symbolischen Mietvertrags für das Hausboot, „von diesem glatten Billigkram will ich in unserem gemeinsamen Heim kein Stück sehen. Kein Stück.“
„Aber“, versuchte er hineinzugrätschen, „die Sachen sind doch noch gut. Die kann ich doch nicht einfach wegwerfen.“
„Die Sachen sind nicht gut und waren es auch nie. Die sind aus gepresstem Müll und stinken nach Chemie. Ich will den Duft von Holz in der Hütte.“
Robert nahm einen weiteren Anlauf: „Ich finde diese klaren Linien schön, diese einfachen Farben, diesen Stil.“
„Ästhetisch sind die AMEK-Dinger sowieso eine Katastrophe. Das sind doch alles mehr oder weniger Raubkopien bekannter Bauhaus-Stücke, bloß nicht so gut gearbeitet. Ich brauche Schönheit in meiner Lebensumgebung. Deshalb“, setzte sie mit einem charmanten Lächeln hinzu, „habe ich ja auch dich gewählt, du schöner Mann.“
Dem hatte Robert so gut wie nichts entgegenzusetzen und schwieg vorläufig zu diesem Themenkreis.

publiziert am 17.03.12 in Einzelteile ¦ 976x gelesen ¦ noch kein Kommentar