Ganz Ohr – Teil 4

Natürlich war die Ehe von Siegbert Schaidler mit Magdalena Burbichler nicht glücklich. Dazu war sie von Anfang an auch nicht gedacht. Überhaupt war die Ehe mit einer Frau eigentlich auch keine Angelegenheit, die Schaidlers Neigungen entgegen kam. Er bevorzugte das Leben in einer Männerwelt. Dort wurde Klartext gesprochen, dort teilte man gemeinsame Interessen, dort konnte man seinen Wünschen freien Lauf lassen. Als Mann des Wortes, der es verstand, ganze Versammlungen mit seinen Ausführungen zu fesseln, zog es Schaidler in die Politik. Und zwar in eine, in der Frauen ideologiebedingt eher als schmückendes Beiwerk betrachtet wurden. Da kam ihm die steierische Mentalität sehr entgegen, die immer noch den Stammtisch als genuine Brutstätte von Meinung betrachtete und alles, was keinen Zugang zu den Stammtischen der Wirtshäuser hatte, als fremd und feindlich betrachtete.

So begann die Karriere des Siegbert Schaidler in seiner österreichischen Wahlheimat. Er nahm die dortige Staatsangehörigkeit an, trat der Partei bei, die an den Biertischen die Mehrheit hatte, und zeigte sich monetär äußert großzügig bei der Unterstützung ihrer politischen Arbeit. Manche spotteten hinter seinem Rücken, er habe sich seine Mandate mit dem Geld des alten Penzners erkauft, aber das erklärte nie ganz, wieso Schaidler, wo immer und wann immer er sich dem Votum der Wähler stellte, stets grandiose Ergebnisse erzielte. Experten, die sich mit so etwas auskennen, führten seine glänzende Rhetorik und sein Charisma als Erfolgsgeheimnis an und nannten ihn einen Populisten.

Seine Gattin saß derweil im Kreise ihrer Cousinen auf Schloss Altbachstein wie in einem orientalischen Harem, trank Kaffee, aß Kuchen, wurde immer schwerer und ließ sich Schneider kommen, die in der Lage waren, ihr die Mode auf den Leib zu schneidern, die sie in den Shopping-Malls der Welt für kein Geld hätte kaufen können.

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Während der Bericht der Polizisten in der Mappe landete, die Hauptkommissar Robert Greiper bei sich trug, fand das Ohr seinen Weg ins Labor. Der diensthabende Forensiker öffnete die Verpackung mit einem sicheren Skalpellschnitt und zog die Hörmuschel per Pinzette aus der Hülle. Dass es sich um das Ohr eines Mannes handelte, ergab der Augenschein, denn aus dem Gehörgang ragten drei schwarze Haare. Die Praktikantin bekam die Folie zur Analyse, während sich der Experte daran machte, eine Gewebeprobe zu entnehmen, die zum Zwecke der DNA-Untersuchung an die Spezialisten weitergeleitet wurde.

Wer auch immer für die Zerlegung des Ohrträgers gesorgt hatte, war mit großer Sorgfalt und einem sehr scharfen Messer, möglicherweise mit einem chirurgischen Instrument vorgegangen. Die Schnittkanten war glatt und sauber, das Ohr so abgetrennt, dass alle wesentlichen äußeren Bestandteile in Takt geblieben waren. Der Gerichtsmediziner vermaß das Teil und stellte fest, dass es beinahe genauso groß war wie sein eigenes Ohr. Aus dem Schnittmuster ergab sich, dass das Opfer ziemlich angewachsene Ohrläppchen hatte. Eine typische Narbe im Zentrum des weichen Teils wies auf das ehemalige Tragen eines Ohrsteckers hin. Weitere Verletzungen waren nicht zu erkennen.
Aussehen und Zustand ließen aufgrund der konservierenden Behandlung nicht auf den Zeitpunkt schließen, an dem die Abtrennung erfolgt war. So beschloss der Fachmann, die Ergebnisse der DNA-Analyse abzuwarten und Feierabend zu machen.

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Der regnerische Einkaufsbummel der zukünftigen Lebenspartner war ergebnislos geblieben. Während Elle in den Läden bei manchem Möbelstück vor Entzücken kleine Laute von sich gab, fand Robert das meiste einfach nur scheußlich. Ihm hatte es nur dieses eine Geschäft angetan, wo zwei Verkäufer, die aussahen wie eineiige Zwillinge, Wohngut unbestimmt asiatischer Herkunft feilboten. Dort gab es kubische Kommoden, eierschalenfarben lackiert und mit Messingbeschlägen versehen, schwarze Sessel und Sofas aus Rattangeflecht sowie Truhen, die hochkant zu stellen waren und als Kleiderschränke dienen könnten. Elle sah das Kompromisspotenzial, beschloss aber, Robert noch ein wenig zappeln zu lassen und auszutesten, wie weit sie ihn in ihre Geschmacksrichtung würde ziehen können.
So trennten sich die beiden am späten Nachmittag. Während Elle nach dem Sport einen Weiberabend mit den besten Freundinnen anstrebte, freute sich Robert auf stille, friedliche Stunden zuhause bei der Meditation über dem Bericht, den er nun schon seit dem frühen Morgen bei sich trug.

publiziert am 25.03.12 in Einzelteile ¦ 900x gelesen ¦ noch kein Kommentar