Königskinder 02

Ungelenk war Ronny, weniger tapsig als motorisch unkontrolliert. So kam es zu Zusammenstößen mit anderen Kindern, und meistens war Ronny bei solchen körperlichen Auseinandersetzungen unterlegen. Dann griff Jojo ein, und die Gegner wurden nicht nur besiegt, sondern gedemütigt. Spätestens in der Grundschule fand Jojo Gefallen daran, andere Schüler einfach zu terrorisieren, sie zu beleidigen und zu schlagen. Ronny bewunderte Jojo und fühlte sich an dessen Seite immer sicher. Aber im Sommer, in dem sie acht Jahre alt waren, forderte Jojo Ronny zum ersten Mal auf, die Drecksarbeit zu übernehmen. Er hatte einem Mädchen aus der ersten Klasse das Federmäppchen geklaut, die weinte und rief einen Lehrer herbei. Unauffällig übergab Jojo das Diebesgut an seinen Gefährten, der damit verschwand. Dann begann er selbst zu schluchzen und behauptete gegenüber dem Lehrer, das Mädchen habe ihn gehauen, Ronny könne es bezeugen.

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Die Pubertät muss als eine der schwersten Perioden im Leben eines Menschen betrachtet werden. Was in der Kindheit einfach und sicher erschien, wird nun durch den Sturm neuer Hormone kompliziert und schwankend. Gerade der heranwachsende Knabe spürt die Veränderungen und ahnt, dass sie sein zukünftiges Leben bestimmen werden. Ronny und Jojo setzten zwar ihren gemeinsamen Weg fort und wurden in die fünfte Klasse am örtlichen Schlossgymnasium eingeschult. Aber doch unterlag auch ihr Verhältnis einer gewissen Veränderung. Der ehrgeizige Johannes hatte den Sport für sich entdeckt und verbrachte die Nachmittage im Sommer im örtlichen Stadion, wo er sich der Leichtathletik, insbesondere den Kurzstrecken zuwandte. Im Winter wurde die Turnhalle des Gymnasiums sein zweites Zuhause, und mit dreizehn galt er als eines der größten Sprinttalente weit und breit. Ronald, dessen Körperbau größere sportliche Aktionen nicht zuließ, wählte die Welt des Geistes für sich und wurde zum Stammkunden in der Stadtbücherei. Nur in der Schule, da galten sie nach wie vor als eine ungleiche Einheit, mit der man sich besser nicht anlegte. Denn wo der eine in der Lage war, jeden Gegner durch Rhetorik zu demütigen, da kannte der andere alle Tonlagen der Intrige und Denunziation. Zudem war Johannes für seine harten Nasenstüber und kräftigen Ohrfeigen gefürchtet.

publiziert am 17.03.12 in Einzelteile ¦ 996x gelesen ¦ noch kein Kommentar