Präsidium

Der Notarzt hat die Verantwortung für den Örtzel übernommen, und Greiper kann gehen. Wind ist aufgekommen. Das Wasser fällt jetzt schräg. Immer hinein in den hochgestellten Trenchcoatkragen. Von hier aus sind es ungefähr 900 Schritte bis zum Präsidium, immer die schmale Straße entlang, die sich schnurgerade durchs Viertel zieht. An der Ecke die Apotheke, wo Robert manchmal nur deshalb etwas kauft – Papiertaschentücher, Vitaminpillen, Kopfschmerztabletten, Hustenbonbons – um mit der schönen Russin sprechen zu können, die dort bedient. Ihren wundervollen Akzent hören, wenn sie erklärt, wo die Risiken und Nebenwirkungen der gekauften Arznei liegt. In ihre tiefseeblauen Augen sehen. Das Eckbüdchen mit dem Schaufenster, in dem Stühle stehen, auf denen Leute beim Kaffee im Pappbecher sitzen und hinausschauen. Der Schuhof, auf dem Robert selbst Pause gemacht hatte zu Volksschulzeiten. Die Kirchen mit dem abgebrannten Dachstuhl. Das schicke Griechenlokal, wo er mit Elle hingeht, sobald es dort Kaninchen gibt. Vorbei am Krankenhaus, aus dem der Örtzel geflohen ist. Linkerhand das Plätzchen, auf dem dienstags und freitags der Wochenmarkt für die Grünwähler abgehalten wird. Rechts um die Ecke, und da steht er schon, der Klotz aus verwittertem Backstein, schmucklos, gewaltig, gewaltsam. Hauptkommissar Robert Greiper hasst diesen Bau, der seine Arbeitsstelle ist.

Denn so mächtig die rotbraune Trutzburg von außen auch wirken mag, so jämmerlich ist sie von innen. Angelatschte Linolböden an ranzigen Wänden. Quietschende Schritte, quietschende Türen mit blinden Glasfenstern. Sperrmüllmöbel. Technik von gestern. Eine Kantine mit Magengeschwürgarantie. Heizungen, die entweder glühen oder eiskalt sind. Mürrische Kollegen. Hier hat er vor gut dreißig Jahren angefangen mit dem Dienst. Und es hat sich wenig geändert. Andere Autos fahren sie heute, die Kollegen, es gibt Dienstmobiltelefone.

Er zieht den Dienstausweis durch den Kontrollschlitz und stößt die Eingangstür mit dem Fuß auf. Fährt hoch in die dritte, wo Schmörgel sein Büro hat. Klopft an dessen Tür und tritt ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Der Rat blättert in Akten, blickt auf: „Was machen Sie denn hier?“ Robert setzt sich ungebeten und antwortet: „Bevor Sie jetzt auf unsere Abmachung verweisen… Die Situation hat sich geändert. Ich weiß, wer der Täter im Fall der ausgebombten Bar ist. Mir fehlen noch Beweise oder ein Geständnis. Ich möchte den Verdächtigen unter Druck setzen, und das kann ich nur, wenn ich wieder im Dienst bin.“ Sein Vorgesetzter schweigt. „Sie kennen mich, Herr Schmörgel. Sie wissen, dass ich das einfach nicht kann, solche Fälle penibel und korrekt zuende zu bringen. Dass ich aber eine enorme Erfolgsquote habe. Und nun sagt mir alles, dass es dieser eine Typ ist, der nicht nur die Bar gesprengt hat, sondern auch das Wohnmobil mit den Nutten hat anzünden lassen, und wohl auch den jungen Burschen am Platz auf dem Gewissen hat. Und den Örtzel.“ – „Um ganz ehrlich zu sein, Greiper: ich glaube, Sie sind sehr, sehr urlaubsreif. Wir haben hier mit professionellen kriminaltechnischen Methoden am Fall weitergearbeitet, unter der Leitung von Frau Dr. Renz-Mogawi. Im Team, Hand in Hand, kollegial, systematisch. Der Fall ist gelöst. Wir haben das Geständnis von Lorenzo Bhy.“

Robert stockt: „Der hat auch die Bar…?“ – „So wie es aussieht, hat Bhy auch die Bar ausgebombt. Gut, da haben wir bisher noch kein sicheres Geständnis, und den genauen Tathergang sowie die Motive kennen wir auch nicht, aber…“ Sein Untergebener ist aufgesprungen, zeigt dem Kriminalrat den Vogel und verlässt das Büro. Und das Präsidium. Jetzt muss er doch wieder alleine ran. Den Fall komplett und wasserfest lösen.

publiziert am 21.03.12 in Völkerwanderung ¦ 810x gelesen ¦ noch kein Kommentar