Tote Frauen – reloaded

Die Tropfen schlagen Krater auf den Motorhauben der geparkten Wagen. Im Rinnstein spült der Regen den Dreck der heißen Tage weg. Robert geht mit hochgeschlagenem Kragen an der Hauswand entlang. Überquert die stille Straße und wird dabei schon durchnässt. Das Wasser tropft ihm aus den Haaren in den Kragen. Laufen bringt jetzt auch nichts mehr. Stetig fällt der Niederschlag, und die Autos fahren mit eingeschalteten Scheinwerfern durch den feuchten Vorhang, der alle Farben wegnimmt. Der Hauotkommissar außer Dienst ist auf dem Weg in Brankos Kneipe. Dort erhofft er sich die entscheidende Inspiration im Gespräch mit dem klugen Wirt. Er ist gerade am Klettergerüpst auf dem Platz vorbei, da sieht er eine dürre Gestalt von der Seite heranstürmen, bekleidet mit einem altmodischen Frisennerz und passendem Südwester. „Chef, Chef,“ ruft HH, „ich muss ihnen was berichten.“ Robert leitet ihn mit einer Handbewegung um, und wenig später sitzen sie dampfend am runden Stammtisch in der Kneipe. Branko macht in der Küche seine berühmte bosnische Sommersuppe warm. Vor ihnen stehen große Gläser selbstgemachter Limonade. „Nun kommen Sie mal runter, HH,“ sagt Greiper, „so dringend kann es doch nicht sein. Sein früherer Untergebener schüttelt den Kopf und nickt: „Nein, doch, nicht dringend, aber wichtig. Eisenhower-Prinzip, Sie wissen schon…“ Robert weiß nicht: „Worum geht’s?“ – „Na ja, um den Mordanschlag in der…“, er zieht einen schmalen Notizblock heraus und schlägt nach, „…Bombar. Also wir haben die Identitäten.“ Er sieht den Hauptkommissar triumphierend an. „Ja, und?“ entgegnet der.

„Nun, äh, es handelt sich um…“, HH fährt mit dem Finger über eine Zeile seiner Notizen, „..eine gewisse Elena Sofia Fedorowka und, jetzt halten Sie sich fest, deren Tochter Katarina. Es kommt noch verrückter…“ Robert Greiper hat sein Glas ausgetrunken und macht Branko, der gerade wieder hinterm Tresen aufgetaucht hat, ein Zeichen. „Also, noch verrückter. Die beiden toten Frauen im Campingbus auf dem Parkplatz, den der Feuerkünstler, wie heißt der noch gleich, angezündet hat, waren die 20-jährige Natalia Fedorowka sowie die vermutlich über dreißig Jahre, da haben wir keine Unterlagen gefunden, alte Ewa-Anastasia Dobrin, eine geborene, na, was meinen Sie, genau: Fedorowka. Alle miteinander verwandt! Mutter mit drei Töchtern! Aus Bulgarien!!!“ – „Schreien Sie nicht so, HH, ich hab’s verstanden.“ Branko stellt Robert ein Glas Alt hin: „Suppe jetzt?“ Der Stammgast nickt. „Sie auch, HH?“ Der ehrgeizige Kripo-Beamte schüttelt den Kopf und nickt dann.
„Beeindruckt sind Sie nicht, oder, Chef?“ Der Ermittler im verdeckten Einsatz trinkt von seinem Bier und schaut seinen Kollegen an: „Nein. Hab ich mir gedacht. Hat ja die Laborratte schon vermutet. Nur die Namen sind mir neu. Aber die helfen auch nicht weiter.“ HH ist frustriert und löffelt schweigend die Spezialsuppe. Dann sind sie beide fertig, und Robert sagt: „Sie gehen jetzt besser, bevor uns jemand zusammen sieht. Offiziell haben wir ja nichts mehr miteinander zu tun.“ „Okay, Chef“, sagt der Dünne und fischt in der gelben Regenjack nach seinem Portemonnaie. „Lassen Sie mal, ich lad Sie ein.“ – „Oh, danke, Herr Haupt…, äh, Herr Greiper“, ruft HH, zieht den Mantel über und verschwindet.

„Hab ich dich eigentlich schon mal gefragt, wie du zu Bulgarien stehst, Branko?“ Der Wirt in der leeren Kneipe kommt um die Theke herum, stellt sein Teeglas ab und setzt sich Robert gegenüber: „Ja, hast du.“ – „Und?“ – „Nix besonderes…“ Sie schweigen, und Greiper malt Kringel in den feuchten Fleck, den das Altbierglas hinterlassen hat. „Waren wohl Nutten, was?“ fragt Branko. Sein Gast nickt: „Interessante Truppe, für jedes Alter was dabei. Die Mutter war wohl so um die 50, die jüngste gerade mal fünfzehn oder sechzehn… Unser Gerichtsmediziner sagt, die müssen alle vier sehr attraktiv gewesen sein. Wie der das an derart verkohlten Resten erkennen kann…“

publiziert am 07.03.12 in Völkerwanderung ¦ 675x gelesen ¦ noch kein Kommentar