Eine Art Geständnis

Robert zieht in vorauseilendem Gehorsam die Pistole aus dem Hosenbund und legt sie auf den Tisch. Die Elektroschockwaffe behält er. Dann geht er in die Küche, Hinz folgt ihm. Holt zwei Flaschen Altbier aus dem Kühlschrank, öffnete sie und reicht einem der Täter. Der setzt an und leert sie in einem Schluck zur Hälfte. „Ist schwüll draußen, findste nicht?“ Der Hautkommissar legt sich eine Gesprächstaktik zurecht: maximale Frechheit. Und antwortet: „Wenn man im Gummimantel rumläuft, findet man jedes Wetter schwül.“ Der schwarze nasse Überwurf hängt über der Stuhllehne, das Wasser tropft aufs Paket. „Was genau wollen Sie?“ Hinz nimmt den Rest Bier und knallt die leere Flasche mitten auf den großen Esstisch. „Brauchst mich nicht zu siezen. Wir sind ja quasi Kollegen.“ Robert hat den Hinz doch schon so oft auf der Straße gesehen, wie der mit seinem Watschelgang vor ihm herläuft oder ihm entgegenkommt, aber den Mann nie so richtig gemustert; für eine grobe Personenbeschreibung würde es gerade noch reichen. Dürfte kaum größer als einssiebzig sein, ehemals wohl sportlich-schlank. Jetzt trägt er eine Wampe vor sich her, die von der Sprengstoffweste noch betont wird. Dünne Beine darunter, die ein deutliches O bilden. Schmale Schulter, kaum Hals, und einen kugelrunden Kahlschädel darüber. Wobei Robert den Eindruck hat, die Glatze sei rasiert, und der alte Mann habe eigentlich noch genug Haar.

Der hat sich umgewandt und steht an der geschlossenen Terrassentür. Die Falten in seinem Nacken stehen voller Schweißtropfen. „Verhaften wollste mich…“ Sie schweigen eine Weile. „Du meinst also, dass ich die Bar in die Luft gesprengt habe.“ Hinz legt noch eine Kunstpause ein. „Hab ich nicht. Musste ich auch nicht. Hat jemand für mich gemacht.“ Er wendet sich um und grinst Robert an. „Lorenzo Bhy?“ Hinz lacht leise in sich hinein. Der Ermittler erkennt dunkelblaute Augen, unter dicken Lidern, eine Nase wie bei einem Boxer und fleischige Lippen; im rechten Mundwinkel erkennt er die braunen Spuren der ständigen Zigarrenraucherei. „Nein, der musste das auch nicht machen, der war bloß mein Dozent…“ Robert stutzt. „Fangen wir mal von vorne an“, sagt Hinz, „Ich liebe Feuerwerk. Für eine richtig gute Knall-Bumm-Schau unternehm ich Reisen. Und dann dieses japanische Feuerwerk jedes Jahr – grandios. Als dieser Bhy – wie immer man den ausspricht – in die Stadt kam, bin ich den besuchen gefahren. Großer Künstler, aber…“ – „Aber was?“

Der Täter hat sich nun auf einen Stuhl fallenlassen und winkt mit der leeren Flasche: „Krieg ich noch eins?“ Robert holt Nachschub. Und wieder trinkt der alte Mann die Flasche mit einem Zug halbleer. „Also, der Lorenzo ist ein großer Künstler, aber sonst ein armes Licht. Ich hab keine Ahnung von diesem Psycho-Zeug, aber ich denke, der ist ganz schön gestört. Hat vor allem möglichen Angst. Kriegt Panikanfälle, Verfolgungswahn, alles was du dir vorstellen kannst. Der hat seine Bude auch nicht angesteckt, um die Versicherung zu bescheißen, der ist durchgeknallt in der Nacht. Der ist kein Verbrecher, der ist irre.“ – „Sind Sie doch auch!“ wirft Robert ein. Hinz richtet sich im Stuhl auf, sein Blick wird hart, er fixiert den Hauptkommissar: „Pass mal auf, Bürschchen, werd nicht frech. Ich hab nicht nur Sprengzeug dabei, sondern auch ein schönes Messer, mit dem ich gern an dir rumoperieren würde. Du wirst noch erfahren, warum ich was gemacht hab. Danach kannst du urteilen.“

„Jedenfalls hab ich mich beim Lorenzo eingeschleimt, und der hat mir so ziemlich alles beigebracht, was man über Sprengstoff und seine Verwendung wissen muss. Dann hab ich ihm Geld geboten, viel Geld. Damit er mir diese Explosionsweste bastelt und eine schöne, unauffällige Bombe baut. Wie geht’s dem denn eigentlich im Knast?“ Robert hat sich auch hingesetzt, schaut dem Hinz in die Augen. „Völlig durchgeknallt. Kommt wohl in die Psychatrie. Hat ja den Anschlag auf das Wohnmobil mit den Nutten gestanden.“ Der Mann mit dem runden Schädel lacht schallend: „Hat gestanden, ich lach mich kaputt!“ Nachdem er sich beruhigt hat, trinkt er den Rest Bier. „In der Nacht als diese Kiste am Fluss angefackelt ist, da saß der Lorenzo in seiner Werkstatt auf einem Stuhl, an den ich ihn eigenhändig gebunden hatte. Und schob Panik. Die Fernsteuerung hatte ich…“

publiziert am 05.04.12 in Völkerwanderung ¦ 688x gelesen ¦ noch kein Kommentar