Ganz Ohr – Teil 6

Greiper war schwer erwacht, vom Telefon gegen neun unsanft geweckt. Erst nach der vierten Flasche Bier hatte er den Weg ins einsame Bett gefunden und sich dort noch eine Zeitlang mit diffusen Gedanken über sein zukünftiges Zusammenleben mit der Geliebten gewälzt.

Irgendein neuer Kollege aus dem Präsidium war am Apparat, einer, den Greiper nicht kannte, wie er alle Kripoleute nicht kannte und auch nicht kennen wollte, die in den letzten sechs Jahren ihren Dienst dort begonnen hatten. Er nannte sie, unabhängig von Alter, Geschlecht und ethnischer Herkunft nur die Junghasen und nahm sie grundsätzlich nicht ernst. Wer von diesen Theoretikern und -innen sollte ihm etwas sagen können, ihm, dem Praktiker, der seit fast fünfundzwanzig Jahren als Ermittler wirkte, der mit Erfolg mehr als dreißig Tötungsdelikte aufgeklärt und so ein großes Stück Narrenfreiheit erobert hatte?

„Greiper, was ist?“ meldete er sich. Und erfuhr, dass man in der AMEK-Filiale nach einer nächtlichen Durchsuchungsaktion, also keiner polizeilichen, sondern einer, die der Sicherheitsdienst des Unternehmens durchgeführt hatte, in einer Schrankschublade ein zweites, in Folie eingeschweißtes Ohr gefunden habe, das soeben im Labor eingetroffen sei.

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Schaidler selbst hatte auch feste Gewohnheiten. Nachdem sich seine Führungsarbeit darauf beschränke, alle vier bis sechs Wochen die Länderchefs zusammenzurufen, um sich Bericht erstatten zu lassen, nahm er sich zwei oder drei Mal im Jahr eine längere Auszeit. Ohne viel mehr Leute zu informieren als seinen persönlichen Assistenten, den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden und höchstens noch den Syndikus des Unternehmens, verschwand er mit unbekanntem Ziel, und über sein jeweiliges Urlaubsprogramm wurden in Kreisen der Firma und der Partei die unterschiedlichsten Gerüchte verbreitet.
Er ginge in ein tibetisches Kloster zum Meditieren, mutmaßten die einen. Nein, sagten andere, der Schaidler, der wäre ja Jäger und übe das Waidwerk im Schutze der Anonymität in den abenteuerlichsten Revieren aus. Wieder andere waren sich sicher, dass der große Boss sich einfach an schönen Plätzen eine schöne Zeit mit viel schöner Sonne und schönen Frauen mache. Selbst seine Gattin, die an seinem Treiben ohnehin nur ein mildes Interesse hatte, wusste nie Bescheid, wo und für welchen Zeitraum er außer Haus war.

So schöpften die üblichen Mitwisser erst Mitte September Verdacht, weil sich Schaidler zwar Anfang August regulär abgemeldet hatte, aber seit der letzten Woche des Vormonats nicht einmal per Mail Kontakt aufgenommen hatte, was ebenfalls zu seinen Urlaubsgepflogenheiten gehörte. Sorgen machten sich weder der Assistent, noch der Vorstandskollege, dafür aber der universelle Rechtsberater der Firma, ein gewisser Johannes Benedikt Felsheimer, der Schaidler bereits seit Jahren eng verbunden war und mit seinem Beratungsauftrag umfangreiche Honorare von der Austria Möbel- und Einrichtungskette bezog.

publiziert am 08.04.12 in Einzelteile ¦ 921x gelesen ¦ noch kein Kommentar