Hand und Fuß – Teil 1

Der diensthabende Gerichtsmediziner aß Fleischsalat aus der Plastikschale und benutzte dazu eine Art Löffel. Da er diese Mahlzeit nicht im Sezierraum einnahm, sondern in seinem Büro, konnte Greiper nichts Anstößiges daran finden. Überhaupt fand er, dass um Forensiker viel zu viel Pietät betrieben würde, was er auf die Fülle an Fernsehserien zurückführte, in denen den Zuschauer vorgespiegelt wurde, dass ein Mord ausschließlich anhand von Obduktionsergebnissen zu klären sei und die Wissenschaftler die wahren Kriminalisten seien. Tatsächlich konnte er sich nur an einen seiner Fälle erinnern, in dem erst die Zerlegung der Leiche die Spur zum Täter offenbart hatte. Es handelte sich um einen Kerl, in dessen Rücken eine minimale Stichwunde vorlag, der aber ganz offensichtlich an diesem Piekser verstorben war. Erst die vollständige Obduktion ergab, dass als Tatwerkzeug eine Rouladennadel zum Einsatz gekommen war, deren angebrochene Spitze sich dummerweise in eine wichtige Arterie gebohrt hatte und beim Ausbluten des Opfers weit in dessen Körper gewandert war. Da es sich um eine in Europa äußerst seltene Version der Kochnadel handelte, konnte der Mörder nach einiger Zeit entlarvt, gefasst und verurteilt werden.

Der Kollege hatte seine Zwischenmahlzeit beendet und wusch sich am Becken in der Ecke die Hände.
„Tja, wo ein Ohr ist, da ist meistens ein zweites in der Nähe. So auch hier“, eröffnete er das Gespräch.
„Soll heißen: Beide Teile stammen vom selben Kopf?“ fragte Greiper.
„So ist es. Schon der Augenschein hat das ergeben, und die Gewebeuntersu-chung lieferte die Bestätigung.“
„Was kann man über den Inhaber der Ohren sagen?“
„Männlich. Zwischen vierzig und fünfzig Jahre. Weiße Hautfarbe. Vermutlich dunkelhaarig.“
Greiper drehte sich zum Forensiker um: „Woher wissen Sie, dass das Opfer dunkle Haare hat?“
Der Kollege stocherte mit einem Fingernagel zwischen den Vorderzähnen herum: „Weil schwarze Ohrhaare dran waren.“
„Haben Blonde denn blonde Haare in den Ohren?“
„Nicht unbedingt. Aber auch die Pigmentierung der Muschel lässt auf einen eher dunklen Typ schließen.“
„Was ist mit der Folie?“
„Ja, das ist ein interessanter Punkt. Es handelt sich um eine spezielle Folie für diese Einschweißgeräte. Wissen Sie, die im Teleshopping angeboten werden…“
„Ja, ja, ich weiß…“
„Man hat da so einen Beutel, da tut man die Lebensmittel rein. Dann wird der Beutel in das Gerät eingespannt. Eine Pumpe saugt die Luft raus bis annähernd ein Vakuum entsteht. So kann man gerade gekochte Lebensmittel recht gut haltbar machen.“
„Ich kombiniere: Wer auch immer die Ohren verpackt hat, der ist Kunde beim Teleshopping.“
„Nicht zwingend, denn die Dinger bekommt man auch im Elektrofachhandel.“
„Ob das Opfer beim Abtrennen noch lebte, lässt sich nicht feststellen, oder?“

Der Gerichtsmediziner hatte sich auf die Schreibtischkante gehockt und dachte nach. „Nicht wirklich. Sagen wir mal so: Wenn der Besitzer der Ohren noch lebte, dann muss er bei der Operation betäubt gewesen sein, denn das Abschneiden ist äußerst schmerzhaft. In dem bisschen Blut, das wir aus den Gewebeproben gewinnen konnten, fanden sich keine Spuren irgendwelcher einschlägiger Substanzen. Nun kann der Täter sein Werk auch am unbetäubten Opfer ausgeführt haben – dann gab’s aber mit Sicherheit eine Mordsschreierei.“

publiziert am 14.04.12 in Einzelteile ¦ 1090x gelesen ¦ noch kein Kommentar