Lauter Lügen

„Darf ich rauchen?“ Robert schüttelt den Kopf. Der Hinz nestelt eine Papschachtel aus der einen Hosentasche, Streichhölzer aus der anderen, holt einen bereits halb gerauchten Stumpen aus der Packung und zündet sich den an. Das Zündholz wirft er auf den empfindlichen Parkettboden. „Ich gestehe also“, sagt der Täter nachdem er drei, vier fette Rauchwolken ausgestoßen hat, „den schwer drogensüchtigen Feuerkünstler Lorenzo Bhy zum Bau einer – nun, Bombe würde ich das nicht nennen, eher – Brandmaschine angestiftet zu haben. Des weiteren gebe ich zu, ihm nicht die versprochenen neunzigtausend Euro gezahlt, sondern ihn statt dessen bei der Kripo angezeigt zu haben.“ Sein Gegenüber will aufstehen. „Bleib sitzen. Nichts wird aufgeschrieben. Musst du dir alles merken, Jung.“ Er pafft eine Weile und setzt dann fort. „Du weißt ja inzwischen, dass wir über vier bulgarische Weiber reden und die beiden Ölaugen von der Bar. Gute Arbeit, übrigens, von eurem Labor, die Herkunft der Mädels über eine DNA-Analyse rausgekriegt zu haben. Wusste nicht, dass das geht.“ Robert mischt sich ein: „Moment. Sie legen hier ein Geständnis ab. Ist Ihnen das klar, Herr Hinz?“ Der Mann mit dem kugelförmigen Schädel blinzelt ihn belustigt an: „Du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie klar mir das alles ist.“ Er macht eine Kunstpause: „Und wie wenig dir das nützt.“

„Denn in dem Moment, in dem du all die Fakten hast, von denen du träumst, werde ich hier auf diesen roten Knopf an diesem gelben Kästchen drücken. Es wird Bumm machen, und du und ich und vermutlich ein Teil dieses Hauses werden Geschichte sein.“ Er wirft den Zigarrenstummel auf den Boden und zertritt ihn. „Mach dir keine Sorgen ums Parkett. Wird nicht mehr gebraucht.“ Der Hauptkommissar versucht, das Gerede des Mörders zu ignorieren, um einen Ausweg aus der Situation zu finden. Den Taser anzuwenden, dürfte dem Hinz genug Zeit lassen, den Knopf zu drücken. Und ihm den Schalter zu entreißen dürfte einen Risikofaktor in der Gegend von 80 Prozent mit sich bringen. Er denkt an seine Gefährtin und Geliebte: Was würde Elle ihm raten? Klar, er solle auf seinen Bauch hören. Ja, denkt Hauptkommissar Robert Greiper, das wird das Beste sein. „…natürlich klar, dass ihr mich kriegt. Kennt man ja aus dem kriminalpolizeilichen Handbuch: Je überschaubarer das Millieu, je weniger Beteiligte, je kleiner der Raum, desto eher wird der Täter auch ohne große Ermittlungen identifiziert. Hab mich ja auch kaum versteckt.“

„Kann ich mal die Tür zur Terrasse aufmachen? Hier stinkt’s.“ Der Hinz bedeutet ihm, dass er nichts dagegen hat. Robert steht auf und öffnet die Schiebetür. Feuchte Luft strömt herein. Der Niederschlag ist nun feiner geworden, eine Art Wasserstaub. Vom Dach läuft ein Fluss die Wand hinab und quer über die Terrasse. Auch am anderen Ende läuft die Regenrinne über. Er wird den Täter genau auf diese Terrasse locken müssen, so viel ist ihm klar.
„Komm rein, Jung. Ich hab viel zu erzählen. Oder hast du ne Frage?“ Der Ermittler hat sich nun auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches gesetzt. „Ja, hab ich. Wenn ich an ihre Erzählungen neulich in Brankos Kneipe denken, dann müssen Sie mindestens 84 Jahre alt sein. Sonst hätten Sie ja nicht 1944 an den Kämpfen gegen die jugoslawischen Partisanen teilnehmen können…“ Der Hinz lacht laut und lange. „Du glaubst aber auch alles, was man dir erzählt. Dir kann man die Hucke volllügen, ohne dass du was merkst. Und sowas ist Bulle!“ Er Klopft mit der Bierflasche auf den Tisch, und Robert holt Nachschub aus der Küche. Sein Gast halbiert auch diese Portion auf einen Sitz und rülpst. „Fangen wir mal so an: Weder heiße ich Walter Hinz, noch bin ich 84, ich bin nicht mal Deutscher. Und, Junge, wir sind quasi Kollegen – das hab ich dir doch schon gesagt.“

publiziert am 09.04.12 in Völkerwanderung ¦ 915x gelesen ¦ noch kein Kommentar