Totschlag

So ging das nun immer weiter. Köbes wurde immer tiefer in die verschiedenen Aktivitäten der NSDAP-Organisationen gezogen und war eigentlich nur noch dann daheim, wenn einer Gruppen im Sebastianus-Hof Sitzung hielt. Ansonsten kam er meist spät und oft angetrunken nachhause. Dann fand er oft auch den Weg in die Wohnung im ersten Stock nicht, sondern schlief in seinen Kleidern in einem Nebenraum der Küche, wo man eine Matratze für Gäste, die zu betrunken waren, um den Weg in ihr Heim zu finden, untergebracht hatte. Und über den wunderbar warmen Sommer des Jahres 1939 hinweg war der Wirt oft tagelang in Sachen Propaganda unterwegs in anderen Städten und Regionen des Reiches. Es galt schließlich, die Volksgenossen auf den unmittelbar bevorstehenden Krieg vorzubereiten. Sofia und Erwin hatte so oft freie Bahn für ihre freie Liebe, die ganz ohne Zukunft war, ganz ohne Hoffnung auf Ewigkeit – weder bei ihm, den Wanderhandwerker, noch bei ihr. Beide wussten, dass es ein Zusammenleben nie geben würde, und es war ihnen so sehr recht, dass sie nie darüber sprachen. Der August kam, und alle Angestellten wussten längts Bescheid, die Nachbarn, die Gäste, die Leute im Viertel. Und doch denunzierte niemand das Liebespaar, steckte keiner dem Köbes, seine Frau gehe fremd.

Dann geschah, was geschehen musste. Am Freitag, dem 25. August, das deutsche Volk hatte gerade vom Nichtangriffspakt mir der Sowjetunion erfahren, reist Jakob Greiper in seiner Eigenschaft als Gruppenführer nach Neumünster. Die Veranstaltung dort würde bis zum Sonntag dauern, hatte er Sofia mitgeteilt. Und so landete sie schon am Freitag zur Polizeistunde im Bett des Geliebten, der nun den Schlafsaal dauerhaft für sich hatte, weil seine Geliebte natürlich dafür sorgte, dass kein Gast aufgenommen wurde. Für den Samstag hatte sie alles an Personal aufgeboten, was sie bekommen konnte, der treuen Büffethilfe Hildegard die Leitung des Gasthofs übertragen und war gegen Mittag an diesem warmen, aber nicht zu heißen Tag mit Erwin auf Fahrrädern an den Fluss gefahren, wo der Strände bildet, an den die Menschen damals gern lagerten, sich die Sonne auf den Pelz brennen ließen und bisweilen Abkühlung im Strom suchten.
Das Paar redete nicht viel, zu sehr waren sie mit Küssen beschäftigt. Und irgendwann am Nachmittag zog Erwin seine Sofia hinter ein Gebüsch, wo sie miteinander Liebe machten. Erhitzt kamen sie gegen Abends in Wirtshaus und aßen gemeinsam in der Küche. Sofia übernahm die Theke bis der letzte Gast gegangen und das Personal sich in den Feierabend verabschiedet hatte. Dann sah sie noch einmal nach den Kindern, die von der Kinderfrau in den Schlaf gesungen friedlich schlummerten. Gegen halb drei am Morgen kroch sie zu Erwin unter die Decke.

Derweil hatte sich das Treffen der Gruppenführer aus dem gesamt Nordwesten des Reiches anders entwickelt als geplant. Als die Lautsprechertechnik ausfiel und dann in der NS-Begegnungsstätte auch noch der gesamte Strom wegblieb, beschloss man, die Veranstaltung gegen zwanzig Uhr zu beenden. So erreichte Jakob noch den Nachtzug, der gegen vier in der Früh den Hauptbahnhof seiner Heimatstadt erreichte. Er fand eine Droschke, die ihn heimbrachte. Aber er fand seine Frau nicht, das Ehebett war unberührt, ihre Kleidung vom Tage hing über einem Stuhl. Und dann stieg ein heißer Verdacht in Jakob auf. In der Küche der Wirtschaft fand er ein schweres Messer, und dann stürmte er in den Schlafsaal, wo der Wandergeselle und seine rechtmäßige Gattin nackt und dicht aneinander geschmiegt friedlich schlummerten.
Köbes machte sich nicht einmal die Mühe, das Paar zu wecken. Er stach zu. Er stach immer wieder zu. Erwin starb innerhalb weniger Minuten an seinen Wunden, aber Sofia schrie und schrie und schrie. Das Kindermädchen kam hinzu, sah das Unglück, rannte in den Gastraum und verständigte die Polizei, die einen Krankenwagen vorbeischickten und dann selbst mit vier Mann ankamen. Jakbob Bodo Greiper geborener Grijpstra, ließ sich widerstandslos festnehmen und abführen. Seine Ehefrau war bewusstlos geworden. Man brachte sie ins Marienhospital, wo die Ärzte sofort mehrere Operationen vornahmen. Aus der Narkose erwachte sie nicht, obwohl ihr Herz schlug und ihr Kreislauf funktionierte. Am frühen Morgen des 6. September, die deutsche Wehrmacht war in Polen eingewandert, und jeder ahnte, dass dies den Beginn des Krieges darstellte, stellte eine Krankenschwester fest, dass Sofia keinen Puls mehr hatte. Ein Arzt stellte ihren Tod fest und legte als Zeitpunkt fünf Uhr fünfundvierzig fest.

Der Mörder selbst verweigerte jede Aussage. Ja, nach einer Woche stellte er das Sprechen vollständig ein. Sein Rechtsbeistand versuchte mit allen Mitteln, ihn zum Reden zu bringen, beschwor ihn, einfach die Tatsachen zu nennen, denn dann würde das Urteil höchstens auf Totschlag lauten. So aber könnte der Richter annehmen, Jakob sei mit voller Absicht so gereist, um das Paar in flagranti zu erwischen, und dann könnte Heimtücke unterstellt und das Todesurteil gefällt werden. Aber sein Betteln und Flehen blieb ungehört. Und nur die Tatsache, dass Jakob ein solcher engagierter Volksgenosse war, bewog den Richter in der Verhandlung verschiedene mildernde Umstände, unter anderem die politische Unzuverlässigkeit des Schreiners Erwin Schinowski, anzunehmen. Trotzdem sprach er den Täter schuldig – des Totschlags an dem Mann und des Mordes an der Frau. Er verfügte aber, die Vollstreckung des unumgänglichen Todesurteils für zunächst fünf Jahre auszusetzen. Das Urteil erging am 12. Mai des Jahres 1940.
Am 7. Dezember 1945 wurde im Rahmen der Überprüfung von Todesurteilen, die in der Zeit des NS-Regimes ausgesprochen worden waren, verfügt, dass der Jakob Bodo Greiper nach neuem Recht zu lebenslanger Haft verurteilt sei und wenigstens für weitere zehn Jahre im Zuchthaus zu verbleiben habe. Da war der Köbes gerade fünfzig geworden. Und sprach immer noch nicht wieder.

publiziert am 13.04.12 in Völkerwanderung ¦ 988x gelesen ¦ noch kein Kommentar