Gojkos Monolog (1)

Wärst du ein richtig harter Bulle und nicht solch ein zweifelndes Weichei und wir beide säßen jetzt in einem fensterlosen Verhörraum und du würdest mich auffordern, endlich auszupacken, würde ich erstmal Angaben zur Person machen, wie sich das gehört. Aber du hockst da wie ein Häufchen Elend, hast die Hose gstrichen voll und überlegst die ganze Zeit, wie du mich überwältigen könntest. Vergiss es. Bevor du auch nur eine einzige Bewegung in meine Richtung gemacht hast, sind wir beide nur noch Partikeln in einer großen heißen Wolke. Also, halt jetzt einfach die Fresse und hör zu. Den Namen Walter Hinz habe ich ungefähr 30 Jahren angenommen. So hieß mein erstes Opfer. Besser gesagt: Das erste Arschloch, dem ich das Licht ausgepustet habe. Ich bin nämlich Ermittler, Richter und Henker in einer Person. Dazu später mehr. Geboren wurde ich vor ziemlich genau 62 Jahren als Gojko Trifunov in Widin. Sagt dir jetzt nichts, oder? Okay, rate mal.

Bevor du was Falsches sagst, hier die Auflösung. Widin ist eine der ältesten Städte Bulgariens und liegt am rechten Ufer der Donau. Gegenüber hast du das rumänische Städtchen Calafat. Und ein bisschen weiter im Norden und Westen liegt Serbien. Wir werden gerade berühmt. Die EU baut mit Steuermillionen eine Brücke zwischen Widin und Calafat. Als ob die seit mindestens 800 Jahren genutzte Fähre nicht genug wäre. Wer will schon nach Calafat? Egal. Die Rumänen interessieren mich nicht. Mit den Serben verbindet uns die Religion, und drum sind sie unsere Freunde.
Wie kam ich jetzt darauf? Ach ja, mein Lebenslauf… Langweilst du dich, Robert? Ich seh schon, du arbeitest fieberhaft an einer Lösung. Gibt keine. Vergiss es. Konzentrier dich, denn der Schlüssel steckt in meiner Geschichte. Ja, der Schlüssel zu einem Raum, der heißt ‚Happy End‘. Was wäre denn deiner Meinung nach die glücklichste Lösung, Jung? Wenn ich hopps geh? Und du nicht? Nein, ich sag dir was. Am besten für dich und mich wäre, wenn du ein komplettes Geständnis von mir hättest, schön getippt und von mir unter Zeugen unterschrieben. Dazu eine Tonbandaufzeichnung. Dann hättest du den Fall gelöst. Und ich wäre auf der Flucht, von mir aus auch auf der Flucht erschossen – muss ja nicht mich getroffen haben. Also brauchen wir ein Tonbandgerät, einen Zeugen oder eine Zeugin und dann noch irgendein armes Schwein, das an meiner Stelle abgeknallt wird. Kann ich übrigens selbst übernehmen, diesen Job.

Was meinst du? Okay, mein Geständnis kannst du mit dem Laptop aufnehmen. Prima. Und dann abtippen und ausdrucken. Gut. Tja, als Zeugin hätte ich an deine Olle gedacht. Die rufst du gleich an und bittest sie her. Wie, du willst die da nicht reinziehen? Hörmal, Jung, du hast hier gar nichts zu bestimmen. Also, was ist?

publiziert am 01.05.12 in Völkerwanderung ¦ 706x gelesen ¦ noch kein Kommentar