Hand und Fuß – Teil 2

Elle hatte sich den Tag freigenommen in der Hoffnung, noch einmal mit Robert auf Einkaufstour gehen zu können. Aus Erfahrung wusste sie, dass feste Verabredungen mit ihrem Liebsten sinnlos waren, denn eine Prognose darüber abzugeben, ob er vom Dienst unbehelligt blieb, war kaum möglich. Sie hatten vereinbart, dass er sich gegen Mittag melden würde. So saß sie beim heimischen Milchkaffee, blätterte in einer Fachzeitschrift, wartete auf seinen Anruf und fühlte sich wie eine getreue Ehefrau.
Tatsächlich dauerte es nur eine knappe halbe Stunde. Robert druckste ein bisschen herum: „Ich habe mir gedacht, wir könnten ja heute vielleicht doch mal einfach so und unverbindlich vielleicht eventuell möglicherweise zu AMEK fahren. Und wenn wir gar nichts finden“, beeilte er sich hinzuzufügen, „dann gehen wir halt bloß den berühmten Kaiserschmarren im AMEK-Restaurant essen. Was meinst du?“

Nun war Elle ja nicht umsonst im Besitz eines Doktortitels, wenn auch nur im Fach Ernährungslehre, was der gemeine Betrachter gern irgendwie in die Ecke Hauswirtschaft schiebt und – so er dumm und frech genug ist – nachfragt, weshalb man denn darin einen Doktor machen könne. Nein, die Geliebte des Hauptkommissars war außergewöhnlich schlau und feinfühlig dazu. Entsprechend fiel ihre Reaktion aus: „Oh, du hast also einen neuen Fall, und der Besuch bei AMEK dient der Ermittlung. Stimmt’s?“
Robert wand sich ein wenig, wusste aber genau, dass er sich nicht mit Ausreden aus der Affäre ziehen könnte: „Ja, ich muss mich da mal umschauen.“
„Ein Mord im Möbelhaus?“
„Weiß man noch nicht.“
„Was soll das heißen: Weiß man noch nicht?“
„Hör mal, meine Liebe, du warst es doch, die das Gebot aufgestellt hat, ich soll keine Einzelheiten aus meinem Beruf erzählen und Fälle nur dann schildern, wenn sie erfolgreich abgeschlossen sind.“
„Stimmt. Aber wenn du hier derart nebulöse Andeutungen machst, dann würde ich doch gern ein bisschen aufgeklärt werden.“
Sie hörte Robert am anderen Ende der Verbindung schnaufen: „Okay, du hast es so gewollt. Man hat abgeschnittene Körperteile beim AMEK gefunden.“
„Hört sich lecker an. Und jetzt wirst du die Kühlschränke in der Cafeteria durchwühlen, um vielleicht noch ein Eisbein oder ein Näschen des Opfers zu finden. Das mach du mal lieber alleine.“
„Moment“, Robert wollte im Hinblick auf die gemeinsame Zukunft Frieden und war zu fast jedem Einlenken bereit, „ich will mich wirklich einfach nur umsehen, ich war ja schon ein paar Jahre nicht mehr da. Einfach mal schnuppern. Und dann essen wir lecker Kaiserschmarren und fahren anschließend nach Holland auf diesen Bauernhof mit der Antiquitätenshow. Einverstanden?“
Sie nickte hörbar, und er sagte noch: „In zehn Minuten hole ich dich ab.“

***

Schnell hatte die Versammlung den PR-Mann mit der Out-of-Bed-Frisur vom Flipchart vertrieben und an dessen Stelle die Assistentin des Deutschlandchefs dort platziert. „Sie schreiben mit“, hatte ihr Boss angeordnet.
Dann hatte der Marktleiter, der trotz des Schocks seine Hausaufgaben ordentlich gemacht hatte, eine gut halbstündige Powerpoint-Präsentation von seinem Notebook über den Beamer auf die Leinwand geworfen, der man anmerkte, dass seine letzte Präsentationsschulung noch nicht allzu lange her war. Er hatte den Vorgang des Auffindens in knackigen Bulletpoints dargestellt und eine Fotoserie vom Schrank, von der Schublade und vom eingeschweißten Ohr geliefert. Beinahe hätten die Anwesenden ihm Beifall geklatscht.

Dann ergriff doch noch der Landesboss das Wort: „Meine Herren, nur eine Sorge treibt mich, gerade jetzt, wo ein zweites Ohr gefunden wurde, um: Dass die Öffentlichkeit etwas davon erfahren könnte.“ Er fixierte den Marktleiter: „Wie groß ist der Kreis der Personen, die den Vorgang unmittelbar mit erlebt haben? Wie groß ist der Anteil der Kunden darunter, wie viele Mitarbeiter waren zugegen?“ Der Angesprochene starrte auf den Bildschirm seines Notebooks und rührte hektisch mit dem Finger auf dem Touchpad.
„Ja, äh, das habe ich so nicht notiert. Warten Sie… Also da war die Familie, deren Söhne das Ohr gefunden haben, die Mitarbeiterin, die durch das Kreischen angelockt wurde, eine weitere Kollegin, die mich dann geholt hat und, äh, ja, ein paar Kunden.“
Das weckte den europäischen Marketingmann auf: „Geh’n’s, mein lieber Herr… Sie werden doch wissen, wer da noch war. Haben’s denn die Namen von denen nicht aufnotiert?“
Der Marktleiter schüttelte den Kopf. Woraufhin sich der PR-Berater, der sich zwischenzeitlich mit sieben, acht Tassen Kaffee gedopt hatte, erhob und zu einer Erläuterung anhob: „Tja, da haben wir eine astreine Kommunikationskrise. Da ist etwas geschehen, was der Reputation des Unternehmens schadet, da gab es Zeugen, und diese Zeugen haben wir nicht unter Kontrolle. Das bedeutet, dass wir sofort mit der Medienbeobachtung beginnen müssen. Ich werde das veranlassen.“ Und zog sein Handy aus der Gesäßtasche, um die Kollegen in der Agentur zu alarmieren.
„Was ist mit den Leuten, die das Ding gefunden haben?“
„Ich habe mich exakt an die Regeln für solche Fälle gehalten“, jammerte der Marktleiter, „und versucht, die Sache ganz aus der Öffentlichkeit zu halten. Also habe ich den Kunden gebeten, den Vorgang für sich zu behalten und weder die Polizei, noch die Medien zu informieren.“
„Und?“ fragte der Vice President Marketing Europe, „hat’s was g‘nützt?“
„Entsprechend der Guidelines habe ich der Kundenfamilie angeboten, sie könnten sich Möbel bis zu einem Gesamtwert in Höhe von 10.000 Euro, natürlich brutto und VK, aussuchen und bekämen diese im Gegenzug von der AMEK geschenkt.“

Die dünne, junge Frau hatte bereits drei Bögen am Flipchart vollgekritzelt und zeigte erste Zeichen von Erschöpfung. „Hören Sie, Marlies“, sagte der Deutschlandboss, „Sie müssen nicht alles im Detail mitschreiben. Stichpunkte reichen. Machen Sie mal eine Pause.“
Felsheimer saß sehr aufrecht am Tisch, wandte sich dem jeweils Sprechenden zu und fixierte ihn beim Zuhören.
„Leider hat der Kunde es sich anders überlegt und am folgenden Morgen die Polizei verständigt.“
„Mit anderen Worten“, der Chef von AMEK Deutschland hatte ein mild resignierendes Lächeln aufgesetzt, „die Sache ist bei der Polizei, und es gibt jede Menge undichte Stellen, über die das Ganze an die Presse kommen kann.“

publiziert am 04.05.12 in Einzelteile ¦ 698x gelesen ¦ noch kein Kommentar