Hand und Fuß – Teil 3

Gehen, das war Elles Theorie, ist eine hervorragende Meditationstechnik. Jedenfalls, fand sie, eine bessere als beim Bier am Küchentisch zu hocken. Da sie andererseits der Meinung war, der Mensch in diesen gehetzten Zeiten müsse täglich mindestens einmal meditieren, ging sie jeden Tag zu Fuß.
Als ihr Freund mit dem Dienstwagen vorfuhr, öffnete sie die Beifahrertür, steckte ihren blonden Kopf ins Wageninnere und sagte zur Begrüßung: „Komm, lass uns zu Fuß zu AMEK gehen.“
„Steig erst mal ein“, entgegnete Robert und drückte ihr, nachdem sie das Auto tatsächlich geentert hatte, einen Kuss auf die gespitzten Lippen. „Du weißt, ich gehe sehr gern spazieren. Ich gehe vor allem ausgesprochen gern mit dir spazieren. Ja, ich kann sagen, dass ein Spaziergang mit dir zu den schönsten Beschäftigungen zählt, die ich mir vorstellen kann. Allein, ein Marsch zu AMEK stellt ein ernsthaftes Problem dar.“
„Wieso?“ fragte Elle, die das Möbelhaus am Stadtrand tatsächlich noch nie betreten hatte, „wir können doch bis zum alten Bahnhof fahren, den Wagen stehen lassen und den Rest laufen.“

„Erstens bin ich im Dienst, und Spazierengehen zählt eindeutig nicht zu meinen Obliegenheiten. Zweitens kann man schlicht und einfach nicht zu Fuß zu AMEK. Da müsstest du zwei Autobahnen überqueren, dann über einen Lastwagenumladeplatz gehen und schließlich das Loch im Zaun suchen, durch das du auf das AMEK-Gelände kommst. Fußgänger sind da als Kunden nicht wirklich willkommen.“
Und so kam es, dass Robert gegen eins den Zivilkombi in die Einfahrt zum AMEK-Haus lenkte.

***

In den Tagen, in denen man begann, Schaidler zu vermissen, herrschte Ruhe in der Politik. Zumal der Möbelfabrikant zu jener Zeit weder ein Parteiamt bekleidete, noch ein Mandat wahrzunehmen hatte. Insider, die von seiner Abwesenheiten wussten, munkelten, die Altvorderen der Partei seien eigentlich ganz froh, dass der Provokateur weg war und sie noch einmal im ganz alten Stil handeln konnten – also vorwiegend gar nicht.
Anders sah es bei der AMEK aus, denn Schaidler hatte sich trotz seines teilweisen Rückzugs aus der Geschäftsführung ein Veto bei allen relevanten Entscheidungen vorbehalten. Und nun stand die Übernahme einer rumänischen Pressspanfabrik an, die sich lange hingezogen hatte. Der Verhandlungsführer, ein schneidiger junger Mann aus Schaidlers Nachwuchsriege, drängte darauf, die Zustimmung des obersten Chefs einzuholen und sprach also bei dessen Assistenten vor.

Der befand, dass dies ein günstiger Moment wäre, dem Boss eine Mail zu schicken und so nebenbei zu testen, ob der noch in der Lage wäre, diese qualifiziert zu beantworten. Schaidler war den modernen Kommunikationsmitteln sehr zugetan und deshalb selbstverständlich immer per E-Mail zu erreichen. Ob er auf elektronische Post antwortete, stand aber in seinem Belieben. Der Assistent wusste, dass es in den langen Ferien seines Chefs durchaus vorkommen konnte, dass dieser Nachfragen einfach ignorierte und nach seiner Rückkehr auch noch schimpfte, ob man ihn den in seinen Entspannungsphasen einfach in Ruhe lassen könnte. Das Projekt Rumänien, soviel schien klar, war aber für die Zukunft des Unternehmens von entscheidender Bedeutung, eröffnete es doch die Option, noch billiger zu produzieren und die Rendite spürbar zu verbessern; da würde Schaidler sicher sein Machtwort beisteuern wollen.
Natürlich waren Mails aus dem Hauptquartier verschlüsselt, und es galt zudem die Regel, dass in der Betreffzeile mindestens eines von insgesamt zwölf Schlüsselwörtern vorkommen musste, damit Schaidler die zugehörige Nachricht überhaupt öffnete. Die Liste der Codewörter war natürlich nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt – dem erweiterten Vorstand, den Landeschefs, dem Syndikus und selbstverständlich dem persönlichen Assistenten. Also setzte dieser eine Mail an Schaidler ab, die mit der Betreffzeile „Schnee in Graz: Rumänen räumen mit“ gekennzeichnet war, wobei die Erwähnung des Wortes Schnee als Losung auf einem Insiderwitz beruhte, der auf die wilden Anfangszeiten Schaidlers im Unternehmen zurückging.

publiziert am 09.05.12 in Einzelteile ¦ 735x gelesen ¦ noch kein Kommentar