Hand und Fuß – Teil 5

Natürlich hatten die AMEK-Märkte in den achtzehn Jahren seit der Eröffnung der ersten Filiale in Deutschland einige Metamorphosen durchlaufen. Anfangs hatten sie das Flair von Lagerhallen. Man betrat das Gebäude durch ein Rolltor und fand sich in einer Gasse zwischen Stahlregalen wieder, die exakt so breit war, dass einer der Transportwagen mit dem größtmöglichen Paket beladen hindurch passte. Es galten strenge Verkehrsregeln, und jeder Durchgang zwischen zwei Regalen war als Einbahnstraße gekennzeichnet. An den Stirnseiten waren Tafeln angebracht, die den Inhalt einer Regalstraße auflisteten; für jedes Produkt gab es einen kryptischen Code, den man im Katalog nachschlagen musste, den man am Einlass in Empfang nahm und an der Kasse wieder abgeben musste. Beratendes Personal stand nicht zur Verfügung, nur eine Horde muskelbepackter Helfer in weißen Hosen und blaßgrünen Polohemden, die durchnummeriert waren. Diese waren angewiesen, den Kunden beim Aufladen der Kartons behilflich zu sein, mehr aber auch nicht. Entsprechend dem Zeitgeist der späten achtziger Jahre strahlten die Hallen der Charme von Industrie und Hoffnungslosigkeit aus.

Dann errichtete man auf einem Teil des Parkplatzes der größten Filiale ein Zelt, in dem die beliebtesten Möbelstücke aufgebaut zu besichtigen waren und nannte diese Einrichtung mit einem Hauch von Übertreibung „Ausstellung“. Aus den Zelten wurden flache Gebäude vor den eigentlichen Hallen. Dann beauftragte man einen bekannten Architekten mit dem Entwurf eines Standard-AMEK-Marktes mit deutlich ausgeweiteter Ausstellung, riss innerhalb von nur zwei Jahren alle alten Filialen ab, um an deren Stellen Gebäude des neuen Typs zu errichten. Als ein ehemaliger Systemgastronom eher zufällig zum AMEK-Team stieß und dem Vorstand vorrechnete, dass man mit Restaurants zusätzliche Gewinne generieren konnte, schlug die Geburtsstunde der AMEK-Cafeterien mit ihrem überschaubaren Angebot an Speisen, die irgendwie alpin gemeint waren.

Jetzt saßen Elle und Robert auf blaßgrünen Stühlen an einem weißen Tisch und aßen Kaiserschmarren von weißen Tellern, die bei fortschreitender Vertilgung des zerfetzten Pfannkuchens das schlichte AMEK-Logo freigaben.
„Wenn du mich fragst“, sagte Elle kauend, „dann habe ich in der gesamten Ausstellung nur ein Stück gesehen, dass mir gefallen hat: den großen weißen Übertopf.“
„Alles Geschmackssache“, entgegnete Robert, der sich im Stillen wieder vollständig mit den dargebotenen Möbeln eingerichtet hatte, „mir gefallen die Sachen.“
Sie kauten schweigend.

„Und, hast du deine Ermittlungen schon aufgenommen?“
„Wenn ich im Dienst bin, habe ich die Ermittlungen schon gleich nach dem Aufstehen begonnen“, muffelte der Hauptkommissar.
„Ich meine, hast du schon was Konkretes beobachtet.“
Robert brummte und schüttelte den Kopf. Natürlich hatte er den Ort des Geschehens angesteuert und unauffällig registriert, aber das brachte ihn auch nicht weiter: „Ich müsste ins Lager. Mal gucken, wie die Ausstellungsstücke ausgepackt werden. Wer da alles seine Finger dran hat.“
„Kommst du aber als Kunde nicht rein.“ Elle grinste triumphierend. „Also war das wohl nichts mit dem Ermitteln.“

Ihr Lebensgefährte zeigte keine Reaktion und schob sich den letzten Bissen der süßen Mahlzeit in den Mund.
„Hab ich dir schon gesagt, dass du heute wieder aussiehst wie Peppone?“
Sie wusste genau, dass sie ihn mit dieser Standardbemerkung zur Weißglut treiben konnte. Schon kurz nach ihrer Wiederbegegnung hatte sie ihn eines Sonntags ins Kino des Filmmuseums gezerrt, weil dort ein Streifen aus der Serie „Don Camillo und Peppone“ lief. Ja, die Ähnlichkeit war nicht abzustreiten, die dunklen Haare, der dicke Schnurrbart, aber er war doch kein ignoranter Kommunist, der sich von einem bauernschlauen Pfarrer abledern ließ. Nein, er hatte nicht den Eindruck, dass etwas Bäuerliches in ihm schlummerte. Zumal er ja urkundlich nachweisen konnte, dass er einem uralten flämischen Geschlecht von Händlern entstammte, die sich nie die Hände hatten schmutzig machen müssen.
„Ja, ja“, gab er zurück, „und du siehst wieder aus wie eine Mischung aus Ellen Barkin und Marietta Slomka.“
„Blödsinn. Die sehen so verschieden aus, dass eine Mixtur nicht vorstellbar ist.“ Wobei ihr der Vergleich mit der Barkin insgesamt als Kompliment erschien und sie zugeben musste, dass sie öfters vor dem Spiegel übte, einen solch schiefen Mund zu ziehen wie der genannten Filmstar.
„Einigen wir uns also darauf, dass du einer gewissen Elle Hülchenrath sehr ähnlich bist, und ich einem gewissen Robert Greiper.“
„Schlechte Laune?“ Elle langte über den Tisch und legte ihre Hand auf seinen Arm.
„Geht so“, sagte Robert und dachte, dass er am Anfang der Ermittlung immer ein bisschen übellaunig war, ja, dass seine Stimmungen eindeutig den Fortschritten bei der Klärung eines Falles unterworfen waren.

„Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen freien Tag?“ fragte Elle und sah ihn unternehmenslustig an.
„Du hast frei, ich nicht. Mein Dienst endet heute um achtzehn Uhr. Danach stehe ich dir in voller Länge zur Verfügung.“ Was Elle als anzügliche Anspielung verstand und losprustete.
Die restlichen Stunden dieses Donnerstags nahmen entsprechend ihren Lauf. Elle widmete sich dem Sport, einem kleinen bisschen Shopping und der vorbereitenden Körperpflege. Robert Greiper hockte dagegen bis Schlag Sechs im Präsidium über den Akten und fuhr dann ganz schnell zu seiner Freundin, die ihn mit einer leckeren, wenn auch vegetarischen Mahlzeit und einem ziemlich kräftigen Rotwein begrüßte.

publiziert am 30.05.12 in Einzelteile ¦ 895x gelesen ¦ noch kein Kommentar