Königskinder 06

Ronny sah sich gezwungen, in einer Wohngemeinschaft Unterschlupf zu finden, während Jojo tatsächlich eine schicke Zweiraumwohnung in Godesberg fand; eine Dachgeschosswohnung in einem bestens ausgestatteten Neubau mit Terrasse und Rheinblick. Inzwischen hatte ein privater Fernsehsender bei ihm angefragt, und er bereitete das Konzept für ein Format vor, das seine frechen Straßeninterviews fürs TV umsetzen sollte. Die beiden hatten selten über Politik gesprochen, aber Ronny kannte die Einstellung seines Freundes bestens: Wer schwach war, war selbst schuld und durfte weder auf Mitleid, noch Hilfe hoffen. Der Staat, so Jojos Ansicht, solle sich aus dem Leben der Menschen heraushalten und lediglich den Rahmen setzen, also unter anderem in Form eines funktionierenden Rechtssystems. Aber auch die Juristerei verstand er äußerst darwinistisch. Gerechtigkeit war ihm unwichtig, und er betrachtete eine gerichtliche Auseinandersetzung als Kampf, den es zu gewinnen gilt, ganz gleich, was im konkreten Falle Recht oder Unrecht ist. So bewertete er selbst seinen Aufstieg in der Medienbranche samt der komfortablen Begleitumstände zu hundert Prozent als eigenen Verdienst. Und vom ersten Fernsehhonorar zahlte er eine gebrauchte Corvette an.

Während Ronny für das Staatexamen büffelte, genehmigte sich Jojo seinen ersten Winterurlaub. Auf irgendeine Empfehlung hin landete er in Schladming. Er hatte sich das Mercedes-G-Modell des stellvertretenden Chefredakteurs geliehen und ihm im Gegenzug seine schwarze Corvette überlassen. Jojo erschien es schick, Skifahren zu lernen, und außerdem hatte er gehört, dass zum Aprés-Ski wilde Partys und Mädchen gehörten. Sportlich wie er war, fiel ihm das Wedeln leicht, und schon am fünften Tag nahm er eine blaue Piste auf der Planai mit großer Leichtigkeit. Quartier hatte er in einem einigermaßen guten Hotel mitten im Ort genommen, und die Abende verbrachte er in der Bar des Sporthotels Royer. Nach einer Woche hatte er sich mit einem der Bartender angefreundet und erfahren, dass sich in den Wintermonaten jeden Samstag einige steierische Prominente hier trafen. So lernte er den Geschäftsführer des Möbelherstellers AMEK kennen, einen Deutschen namens Siegbert Schaidler. Der war in ziemlich angetrunkenem Zustand sehr spät an die Bar gekommen, hatte sich einen mehrfachen Scotch ohne Eis servieren lassen und Jojo nach einem langen Schluck angesprochen. Ihm ginge das ganze wichtige Pack auf den Zeiger, und er würde lieber wieder Tag für Tag abfahren und die Nächte auf den einschlägigen Hütten bei wüsten Feten verbringen. Warum er das nicht täte, hatte Jojo gefragt. Schaidler hatte geantwortet: Hey, du bist richtig. Du verstehst mich. Dann hatten sie zu zweit allein die Nacht in der längst geschlossenen Hotelbar versoffen.

publiziert am 22.05.12 in Einzelteile ¦ 910x gelesen ¦ noch kein Kommentar