Zurück in die Stadt

Und so standen die fünf Kinder von Sofia und Jakob im Herbst des furchtbaren Jahres 1939 ohne Eltern da. Hedwig hatte noch in der Nacht, in der sie vom Mord an ihrer Schwiegertochter erfuhr, ihre Koffer gepackt und war in das Haus, in dessen Erdgeschoss sich der Sebastianus-Hof befand, übergesiedelt. Mit tatkräftiger Unterstützung der Kinderfrau Amalie und der Büffetkraft Evelyn, die sie zur Haushälterin machte, gelang es ihr, den Kindern einen halbwegs normalen Alltag zu ermöglichen. Emma, die jüngste, war zu Ostern des Jahres in die Volksschule gekommen, während ihr ältester Bruder Heinrich seine Kochlehre im besten Hotel der Stadt schon fast beendet hatte. Und weil Hedwig so viel Unterstützung bekam und sich ihre Enkel allesamt schnell und klaglos auf das neue Leben als Waisen einstellten, gelang es ihr sogar, den Gasthausbetrieb aufrechtzuerhalten. Alle treuen Mitarbeiter standen ihr dort zur Seite, und die Nachbarn und die Stammgäste besuchten den Sebastianus-Hof als wäre nichts geschehen.

Tünn, der sich immer tiefer in seine Lebensdepression vergrub, blieb im alten Fischerhäuschen am Fluss und ließ sich von Hedwig aus der Ferne versorgen. Jeden Mittag fuhr Robert, der zweite Kellner, mit seinem Motorrad in den Vorort und brachte dem alten Mann das Essen. Bei Bedarf brachte er auch frische Wäsche, Lebensmittel für Frühstück und Abendbrot. Anton selbst verbrachte die Zeit mit Spaziergängen zu seinem Lieblingsplatz am Wasser, wo er auf einem Baumstumpf saß, seine altmodische holländische Pfeife rauchte, auf den Flus sah und grübelte.

So verging das erste Kriegsjahr 1940, in dem die deutsche Wehrmacht von Erfolg zu Erfolg jagte, und die Bürger, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber standen, immer betrübter werden ließ, während die Dumme sich an den Siegesmeldungen erfreuten als sei der Krieg bloß ein Fußballländerspiel. Tünn, der nun nächtelang am Radio hing, um Feindsender abzuhören, war nun 73 Jahre alt, und als er sich an seinem Geburtstag mit der Droschke zum Gasthaus kutschieren ließ, war Hedwig doch erschrocken, wie schlecht ihr Mann aussah. Nach dem kurzen Umtrunk am frühen Abend nahm sie Tünn beiseite und bat ihn, auch wieder in die Stadt zu ziehen, zu ihr in die Wohnung der Kinder. Ihr Mann tat empört und verließ das Haus grußlos. Aber drei Tage später – an einem ungewöhnlich heißen Septembertag – fuhr erneut ein Taxi vor, und Tünn stand mit einem Koffer vor der Tür.
Und als wäre das tatenlose Grübeln die wahre Krankheit gewesen und nicht sein Lebensalter, zeigte sich rasch, dass er mit jeder Aufgabe in der Wirtschaft, die er ohne viel zu fragen übernahm und ausfüllte, besser aussah, wacher wirkte, weniger deprimiert. So kam es, dass Anton Jeroen Grijpstra der neue Wirt des Sebastianus-Hofs wurde, während sich Hedwig nun mit aller Kraft um die Enkel kümmern konnte.

publiziert am 08.05.12 in Völkerwanderung ¦ 776x gelesen ¦ noch kein Kommentar