Hand und Fuß – Teil 6

Keine Frage, dass Schaidler jede Menge Feinde hatte. In der Arena der freien Marktwirtschaft hatte er aber über die Jahre auch jede Menge Köpfe rollen lassen, in den Anfangstagen mehr als jetzt, wo er sich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hatte. Da gab es Hunderte Menschen, denen er die Karriere zerstört hatte und von denen mancher insgeheim Mordpläne geschmiedet oder halböffentlich Rache geschworen hatte. Bedroht fühlte sich der AMEK-Boss aber erst, seitdem er in die Politik gegangen war. Ihm war klar, dass da draußen jede Menge Spinner frei herumliefen, die anderer Meinung waren als er und sich wünschten, er wäre nicht mehr in der Lage, diese Meinung in politisches Handeln umzusetzen. Und, ja, es hatte aus verschiedenen Kreisen mehr oder weniger ernst zu nehmende Morddrohungen gegeben. Viele dieser Drohungen verortete er ganz selbstverständlich in den Kreisen, die er die slawische Mafia nannte. Bisweilen fühlte er sich wie John F. Kennedy, der seiner Ansicht nach von gedungenen Killern des organisierten Verbrechens umgebracht worden war, weil er ihre Geschäfte störte. Aber auch den militanten Linken, die er in jedem dunklen Winkel vermutete, traute er Gewalt gegen Personen, insbesondere die eigene, zu. Deshalb hatte er sich eine kleine Truppe an Bodyguards zugelegt, von denen je zwei rund um die Uhr in seiner Nähe Dienst taten.

Er hatte sich für sechs Rumänen mittleren Alters entschieden, die schon in jungen Jahren als Securitate-Kadetten auf äußerste Brutalität gedrillt worden waren, jede Kampfkunst beherrschten und mit allen denkbaren Waffen – von der Pistole bis zum Raketenwerfer – umgehen konnte. Diesen Personenschützern hatte er ein Jahr lang Kultur, Zivilisation und Manieren beibringen lassen, sodass er sie überall hin mitnehmen konnte, ohne blamiert zu werden. Vor allem sahen die Männer nicht aus wie Bodyguards, waren eher zähe Hunde als breite Schränke, sie trugen dem jeweiligen Anlass angepasste Kleidung und repräsentierten ganze unterschiedliche Typen. Er hatte aber darauf geachtet, dass keiner von ihnen die deutsche Sprache aktiv und passiv beherrschte. So wollte er sicherstellen, dass in seiner Muttersprache in deren Gegenwart geäußerte und vertrauliche Informationen nicht in ihren Besitz gelangten. Befehlssprache war Italienisch, denn das hatten die Rumänen leicht gelernt. Natürlich begleitete die Schutztruppe Schaidler auf seinen Reisen. So auch dieses Mal.

Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass der Erfolgsmanager in einer gepanzerten Limousine und von einer Motorradkolonne zum Grazer Flugfeld fuhr, dort im Kreise seiner Schützer zum Privatjet geführt und schließlich in die Maschine geschleust wurde. Schaidler reiste unauffällig; mal mit dem eigenen Auto, einem dunkelblauen Audi A8, mal per Eisenbahn und nicht selten an Bord eines Charterflugzeugs. Seine Bodyguards erfuhren vom Ziel erst wenige Minute vor der Abreise und mussten ihren Transport selbst organisieren.
Einmal geschah es, dass der Chef sich aus unerfindlichen Gründen das mittelamerikanische Ländchen El Salvador als Aufenthaltsort erwählt hatte. Der Anführer seiner kleinen Armee dies aber falsch verstanden hatte, und seine Männer schließlich im brasilianischen Salvador de Bahia landeten, weil der oberste Bodyguard annahm, dass Schaidler erneut dorthin wollte, weil es ihm da schon einmal sehr gut gegangen war. Wohin der AMEK-Boss sich aber dieses Mal begeben hatte, wusste nicht einmal sein persönlicher Assistent.

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An diesem Freitag fand die Eröffnung eines AMEK-Marktes ganz neuen Zuschnitts statt. Der europäische Marketingchef hatte grünes Licht dafür gegeben, die neue Filiale AMEK-Megastore zu nennen, obwohl im das zu amerikanisch erschienen war. Zumal das riesige, flache Gebäude mitten im Niemandsland zwischen dieser gesichtslosen Provinzstadt und der Grenze zu den Niederlanden entstanden war, also fern jeder urbanen Struktur und man ganz wie früher auf Käufer vom Lande setzte. Der Megastore übertraf an Größe alle existierenden AMEK-Häuser um mehr als das Doppelte. Außerdem hatte man dem Komplex eine Veranstaltungshalle sowie ein Wellness-Center angegliedert, weil man in diesen Geschäftsbereichen Potenzial für mehr Umsatz sah.

„Wissen’s“, hatte der Vice President Marketing den Journalisten bei der Pressekonferenz zur Grundsteinlegung in die Schreibblöcke diktiert, „Möbelkauf ist Familiensache. S‘müssen ja alle damit leben. Das moderne Familienleben ist aber auch entertainment-lastig. Das meint, dass die Familien Unterhaltung brauchen, wenn sie gemeinsam etwas unternehmen. Wir glauben, dass die Leut‘ schon kommen, wenn wir in unserer Eventarena ein ganztägiges Schlagerfest anbieten, und zwischendurch in den Megastore wechseln, um Möbel auszusuchen. Ja, wir sind überzeugt davon, dass Mutti nach Sofas schaut, während der Vater mit dem Sohn einer Rockband lauscht.“

publiziert am 05.06.12 in Einzelteile ¦ 957x gelesen ¦ noch kein Kommentar