Hand und Fuß – Teil 7

Eine ähnliche Funktion, so der Marketingmann, nehme auch das Wellness-Angebot ein mit dem Spaßbad, der Saunalandschaft und dem Angebot an Kosmetikbehandlungen und Massagen. Bei AMEK träumte man davon, dass Papa, Mama und alle Kinder gerne einen ganzen Tag rund um den Megastore verbringen würden und dass dabei erfreuliche Umsätze zu erzielen seien. Nun sollte der Möbelmarkt in Bracht am Niederrhein eröffnet werden. Schon seit den frühen Morgenstunden war die A61 zwischen Viersen und Nettetal hoffnungslos verstopft, der Verkehr stand auf acht Kilometern still, und die Polizei sah keine Möglichkeit, für eine reibungslose Anreise der AMEK-Fans zu sorgen. Vieles sprach dafür, dass das Gros der Besucher aus einem Grund kam, der mit Möbeln nichts zu tun hatte; in der Eventhalle würden nämlich die Harten Hände auftreten. Die hatten gerade nach sechs Jahren wieder ein neues Album auf den Markt geworfen und sollten am frühen Nachmittag zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder gemeinsam und live auftreten.

Die regionalen und bundesweiten Medien hatten, angefacht durch eine ge-schickte PR-Strategie der Möbelfirma, einen gewaltigen Hype veranstaltet. Der Sänger war in den Wochen zuvor in allen möglichen und unmöglichen Talkshows aufgetreten, und Homestorys über die anderen Musiker fanden sich in allen Printprodukten – von der Frauenzeitschrift bis zum Nachrichtenmagazin –, und mit einem Bericht über den auf einen Verbrauch von unter drei Litern getunten alten 3er-BMW des Bassisten hatte die Gruppe es sogar in alle Autozeitschriften geschafft. Und so sahen sich der Marktleiter des Megastores und seine Führungsmann-schaft einem Ansturm gegenüber, der ihnen mehr Angst machte, als dass er sie hätte erfreuen können.

Und dann entdeckte einer der Beiköche im Grillzelt zwischen den angelieferten Fleischpaketen einen sauber eingeschweißten Fuß. Diese Person war mit einem merkwürdigen Humor ausgestattet, was ihn dazu brachte, das menschliche Gliedmaß zu schwenken und laut zu rufen: „Wer hatte Menschenfuß geordert?“ Zwei weibliche Küchenhilfen kippten sofort um, eine weitere Dame brach in hysterisches Kreischen aus, und der Auszubildende im zweiten Lehrjahr übergab sich auf die Sicherheitsschuhe des Chefkochs.

Nun hatte der Marktleiter in Folge der Eröffnungshektik nicht alle Rundschreiben der Zentrale sorgfältig gelesen und wusste nichts von den beiden Ohren, die man in einer anderen Filiale entdeckt hatte. Nachdem man ihm zugetragen hatte, was im Catering-Bereich geschehen war, rief er stantepede die örtliche Polizei an. Immerhin war er gefasst genug, eine einigermaßen protokollfähige Schilderung der Ereignisse abzugeben. Die wiederum den Dorfwachtmeister dazu brachte, den Fall sofort ans nächste Präsidium zu melden. Von dort aus landete die Angelegenheit innerhalb einer Stunde bei Dr. Schimmel, dem unmittelbaren Vorgesetzen des Hauptkommissars Greiper.

„Schimmel, hier. Greiper, wo stecken Sie?“
„Bei Ermittlungen im AMEK-Fall. Momentan beim häuslichen Aktenstudium.“
„Das trifft sich gut, denn sie müssen auf schnellstem Wege zu diesem neuen Megastore von denen. Da hat man einen Fuß gefunden.“
„Einen Fuß? Wie originell. Bin schon unterwegs.“
„Ach, Greiper, sie sollten sich an die Flugbereitschaft wenden. Mit dem Auto ist kein Durchkommen nach Bracht – die eröffnen heute, und der halbe Niederrhein will mitfeiern. Ich empfehle den Helikopter.“

publiziert am 15.06.12 in Einzelteile ¦ 913x gelesen ¦ noch kein Kommentar