Heimkehr

Als Heinrich Antonius Greiper im Oktober 1947 aus britischer Kriegsgefangenschaft zurück in die Stadt kam, hatte er nach eigenem Bekunden nicht einen einzigen Schuss auf gegnerische Soldaten abgefeuert. Die Wehrmacht hatte ihm eine auf sechs Wochen verkürzte Ausbildung angedeihen lassen, die vor allem aus einer Reihe von Schikanen durch Vorgesetzte bestand. Dann verschiffte man ihn zusammen mit knapp tausend anderen jungen Burschen nach Libyen, wo der Feldmarschall Rommel gerade die Entscheidungsschlacht verloren hatte. Heinrich landete in einer völlig unbedeutenden Verteidigungsstelle mitten im sandigen Nirgendwo. Als sich im Februar 1943 britische Panzer näherte, entschied der Offizier, dem die zweiundsechzig Soldaten unterstanden, sich kampflos zu ergeben. Man hisste alle weißen Textilien und ließ sich widerstandslos entwaffnen. Die Kriegsgefangenen wurden anschließend auf eine lange Reise geschickt; weil die Lager auf der britischen Insel randvoll mit Gefangenen waren, brachte man Heinrich und seine Kameraden nach Amerika, wo er die Jahre 1943, 1944 und 1945 im berühmt-berüchtigten Großlager in Oklahoma verbrachte – und dort ein ziemlich perfektes Englisch lernte.

Ab dem Sommer des Jahre, in dem der Weltkrieg offiziell für beendet erklärt wurde, verteilten die Allierten ihre Gefangenen nach schwer durchschaubaren Regeln. Heinrich, der sich in diesen Jahren den Spitznamen „Heini“ eingefangen hatte, zog das ganz große Los. Er kam nach England, auf einen Bauernhof in Yorckshire, wo er wie ein Sohn aufgenommen und behandelt wurde. So blieb er auch bei den Clarkes, nachdem er im Dezember 1946 offiziell aus der Gefangenschaft entlassen wurde. Er lernte von seinem Pflegevater das Autofahren und die illegale Herstellung von Spirituosen; beides würde ihm bald nützlich werden. Aber dann wurde sein Wunsch immer dringender, seine Geschwister wiederzusehen oder zumindest herauszufinden, ob sie noch lebten. Außerdem wollte er nachsehen, was aus dem Haus, in dem die Eltern den Sebastianus-Hof betrieben hatten, geworden war.
Die Gasteltern ließen ihn ungern ziehen, und der Abschied war tränenreich, denn die Clarkes ahnten, dass Heini nie wieder den Weg zu ihnen finden würde. In Newcastle schiffte er sich nach Vlissingen ein zu einer Reise, die kaum sieben Stunden dauerte. Er fand die Gebäude der alten Firma Grijpstra in der Hafenstadt verwaist und erfuhr von den Nachbarn, dass Olav schon im August 1942 mit der eigenen Familie und den Kindern von Sofia und Jakob nach Aruba übersiedelt war, wo der Krieg nicht zu spüren war – bis auf die Beschränkungen des Handels, die durch den Seekrieg unvermeidlich waren. Die Niederlassung in den Niederlanden hatte man aufgegeben, den Gebäudekomplex, in dem die verschiedene Teile des Unternehmens untergebracht waren, der Gemeinde geschenkt, die aus diesen Jahrzehnte später ein Museum für zeitgenössische Kunst machen würde. Immerhin konnte man ihm im Rathaus mit der Postadresse der Auswanderer versorgen, und er setzte sich sofort ins Wirtshaus, um einen Brief an seine Geschwister zu verfassen.

Und wie er da so saß mit einem Glas Bier und einem Bogen Briefpapier vor sich, betrat eine wunderschöne junge Frau den Gastraum. Sie sah sich suchend um, und als die Wirtin aus der Küche kam, flüsterte sie mit der ein paar Sätze, bevor sie wieder verschwand. Später würde Heinrich immer sagen, er habe sich in diesen zwei, drei Minuten zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben verliebt, und die Liebe zu dieser Frau sei nie geringer geworden als in jenen Augenblicken. Die Inhaberin des Wirtshauses zögerte ein wenig, aber dann teilte sie ihm den Namen dieses Wesens mit und zeigte ihm, wo sie anzutreffen sei.
Anna Leonie Bernauer war eine deutsche Jüdin, deren Eltern es geschafft hatten, noch 1938 in die Niederlande zu flüchten, wo brave Bürger der Stadt Vlissingen sie versteckten. Sie war die jüngste von vier Kindern und die einzige Tochter. Ihre drei Brüder waren der Grippe zum Opfer gefallen, die im Winter 1943/44 hier wütete. Woraufhin sich die Mutter das Leben nahm, indem sie in das Hafenbecken sprang und ertrank. Der Vater starb nicht lange nach Kriegsende an einem Herzanfall, und die Familie, bei der sie alle zusammen zuletzt im Versteck gelebt hatten, nahm sie an Kindesstatt an. Als Heinrich sie sah, war Anna gerade neunzehn Jahre alt geworden.

publiziert am 19.06.12 in Völkerwanderung ¦ 951x gelesen ¦ noch kein Kommentar