Königskinder 07

Schaidler hatte einen Narren an Jojo gefressen. Nachdem dieser mit Hilfe sei-nes Freunds sauber durch das erste Staatsexamen gekommen war, traten beide das Referendariat an; Ronny im hohen Norden des Landes an einem leicht angeranzten Amtsgericht, Jojo dagegen in München am Oberlandesgericht. Sie sahen sich selten, aber in der Distanz wuchs die gegenseitige Freundesliebe wieder an. Natürlich sehnte sich Ronny nach der Nähe des alten Kumpels, er vermisste die Abende, die vertrauten Gespräche und all die anderen Dinge, die sie früher gelegentlich gemeinsam betrieben hatten. Jojo dagegen fehlte die treue Unterstützung, vor allem in juristischen Belangen. So begann eine Art Wochenendbeziehung, die durch gegenseitige Besuche, aber auch Treffen in der gemeinsamen Heimatstadt geprägt waren. Dabei lebte die Intimität wieder auf, die gerade in der Pubertät das Verhältnis der beiden zueinander geprägt hatte. In den Ferien aber bevorzugte Jojo nach wie vor Reisen, oft lud ihn Schaidler ein an die schönsten Orte der Welt. Und schließlich machte er Jojo ein Angebot, das dieser nicht ausschlagen konnte. So wurde Johannes B. Felsheimer Darsteller in den Werbespots der Firma AMEK.

„Was willst du eigentlich aus deinem Leben machen?“ hatte Jojo gefragt. An deiner Seite sein, hätte Ronny am liebsten gesagt, aber er wusste, dass sein Freund das nicht hören wollte. „Eine Kanzlei eröffnen, als selbstständiger Anwalt arbeiten“, sagte er stattdessen. Jojo lachte: „Und wie willst ausgerechnet du an Klienten kommen?“ Beide waren in ihre gemeinsame Heimatstadt zurückgekehrt und schmiedeten Pläne. Für Johannes war sein Weg klar vorgezeichnet. Prominent würde er werden, reich und berühmt. Die Radioshows und der Auftritt in den AMEK-Spots waren da erst der Anfang. Siegbert Schaidler, das war einer, der würde ihm auch weiter helfen. Tatsächlich sprach ihn der Möbelboss an, als sie gemeinsam mit Freunden ein langes Wochenende auf Sylt verbrachten. „Sag mal“, begann Schaidler, „du bist doch Jurist. Aber zum Anwalt hast du es noch nicht gebracht, oder?“ Johannes nickte. „Ich könnte einen Anwalt gebrauchen, genauer gesagt: Eine Kanzlei, die so zu sagen die Drecksarbeit für meinen Laden macht, also Abmahnungen, einstweilige Verfügung und so was. Maßnahmen, mit denen wir der Konkurrenz das Leben schwer machen können.“ Johannes B. Felsheimer dachte an Ronny und willigte ein. Man einigte sich auf einen Pauschalvertrag, der jährlich so viel einbrachte, dass eine straff geführte Anwaltskanzlei davon bestens leben könnte.

publiziert am 10.06.12 in Einzelteile ¦ 923x gelesen ¦ noch kein Kommentar