Verschüttet

Natürlich wurden Antonius und die Enkel von Olav und seiner Familie mit großer Herzlichkeit aufgenommen. Der alte Freund der Grijpstras hatte sich Ende der dreißiger Jahre ein prächtiges Haus außerhalb Vlissingens gebaut, direkt hinter den Dünen, und dort war ausreichend Platz für die fünf Kinder, wobei die Großen selbstverständlich eigene Zimmer bekamen. Ihr Großvater wusste schon nach wenigen Stunden, dass er Hedwig und auch Heinrich hierher holen müsste, wenn sie alle diesen Krieg überleben wollten. Er beschloss, ein paar Tage zu bleiben, um Vorkehrungen für die Übersiedlung zu treffen und informierte seine Frau mit einem lapidaren Telegramm, aus dem die Gestapo, sollte sie die Nachricht abfangen, nicht zu viel würde entnehmen können. Schon am nächsten Tag schlug Olav vor, dass Antonius wieder offiziell in die Firma eintreten und Prokura erhalten sollte. Man suchte den Advokaten auf, und anschließend ließ Olav auf der Bank eine Vollmacht ausstellen, die Antoinus den Zugriff auf das Vermögen der Familie Grijpstra ermöglichte. Schließlich beantragte er zwei Tage später auf der Polizestation im Hafen von Vlissingen die niederländische Staatsbürgerschaft.

So reiste er am 14. Januar 1942 wieder ab mit dem Vorsatz in spätestens drei, vier Monaten mit Hedwig und Heinrich zurückzukehren. Die Rückfahrt war nicht ganz so beschwerlich wie die Tour nach Vlissingen, zumal er ganz legal über Venlo ins Deutsche Reich einreist, wo die Grenzbeamten ohnehin nur einen flüchtigen Blick in seinen Pass warfen und gar nicht merkten, dass darin gar kein Ausreisevisum eingetragen war. Er berichtet seiner Frau und seinem erwachsenen Enkel, wie sehr sich Olav und die Reste der Grijpstras in Vlissingen gefreut hätten, wie gut die Kinder untergekommen seien und dass er bereits wieder zur Firma gehöre. Als er vorschlug, sie sollten alle drei so bald wie möglich in die Niederlande auswandern, reagierten Hedwig und Heinrich unerwartet ablehnend. Heinrich meinte mit erhobener Stimme, er werde nicht flüchten, er sei schließlich Deutscher und werde nach dem Krieg, unabhängig davon wie auch immer der enden möge, dieses Land wiederaufbauen. Hedwig wiederum argumentierte, sie sei ein solch alter Baum, den man nicht verpflanze, und irgendwie werde man diesen fürchterlichen Krieg schon überstehen.

Dem Tünn gelang es nicht, die beiden zu überzeugen. Und so setzte er auf die Zeit, darauf, dass sich die Bedingungen immer weiter verschlechtern würden. Tatsächlich blieb die Stadt aber in den nächsten Monaten, vor allem das Viertel rund um den Sebastianushof, von größeren Luftangriffen verschont. Die Menschen richteten sich ein, und mit dem beginnenden Frühling des Jahres 1942 kamen auch wieder mehr Gäste ins Wirtshaus. Nach einer Bombennacht Ende Mai, die mehrere Häuserblocks auf der anderen Seite des Flusses ausradierte, versuchte der Tünn noch einmal, seine Frau und Heinrich zu überzeugen. Nach einigen nächtlichen Diskussionen stimmte Hedwig zu, und drei Tage später sagte auch Heinrich, er werde mitkommen. Man einigte sich auf die erste Augustwoche als Termin für das, was sie nun Flucht nannten, und Antonius machte sich an die Vorbeitungen. Wobei der schwierigste Teil daran war, Olav in Vlissingen zu informieren und dabei Wege zu benutzen, die abhörsicher waren und Formulierungen zu verwenden, die unverdächtig waren. Schließlich lernte er in der Schwemme des Sebastianus-Hofes einen Unteroffizier der Wehrmacht kennen, der zwischen Deutschland und den besetzten Niederlanden pendelte und sich bereit erkläre, Tünns Botschaften von einem niederländischen Ort aus an Olav zu telegrafieren und auch die Antworten zu empfangen und weiterzuleiten.

Am 25. Juli des Jahres, der Sommer hatte die ersten heißen Tage gebracht, kam auch die Rückmeldung des Schleusers, der schon die Kinder über die Grenze gebracht hatte. In der Nacht vom 7. auf den 8. August sei Neumond, da wäre die Gelegenheit günstig, und sie sollten sich gegen zwei Uhr morgens am bekannten Ort in Richterich einfinden und die Eisenbahnfahrt entsprechend reservieren.

Aber dann brach am späten Abend des 1. Augustes, es war noch nicht ganz dunkel, die Hölle über der Stadt los. Ein britischer Bomber nach dem anderen warf seine Fracht ab, später gaben Royal Airforce bekannt, fast 14000 Stabbomben seien niedergegangen. Der ganze Süden der Stadt stand in Flammen, die Innenstadt, und auch das Viertel, in dem die Greipers ihr Gasthaus betrieben, war zum ersten Mal in diesem Krieg schwer getroffen wurde. Eine der wenigen 500-Kilo-Sprengbomben traf den Sebastianus-Hof, der in sich zusammenfiel. Tünn und Hedwig waren als einige im Keller, weil sich sonst niemand im Haus aufgehalten hatte. Über ihnen lagen Hunderte Tonnen Trümmer, und niemand kam auf die Idee, sie könnten das Inferno überlebt haben. Heinrich war einen Tag zuvor ins Münsterland gereist, wo eine junge Frau wohnte, die er zu heiraten gedachte, wenn er endlich einundzwanzig geworden wäre. Als er zrückkehrte, fand er sein Heim vollständig zerstört. Auf eigene Faust und mit Hilfe der Nachbar versuchte er, den Keller freizulegen in der Hoffnung, Antonius und Hedwig lebend zu finden. Aber es gelang ihnen, die sie kein schweres Gerät zur Verfügung hatten, erst nach fast zehn Tagen ins Untergeschoss zu kommen und die Stahltür zum Luftschutzraum aufzubrechen.

Hedwig und Antonius lagen auf einer Decke mitten im Raum und hielten sich fest in den Armen. Am 16. August wurden sie auf dem kleinen Friedhof im südlichen Vorort beerdigt. Am 18. August meldete sich Heinrich freiwillig zur Wehrmacht.

publiziert am 05.06.12 in Völkerwanderung ¦ 766x gelesen ¦ noch kein Kommentar