Walter Hinz reloaded

Aber das Schwein kratzte nicht ab. Walter Hinz war zäh. Er klebte am Leben wie er immer am Leben geklebt hatte: egozentrisch, skrupellos und voll auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse und Triebe konzentriert. Sie fanden Tagebücher in seiner muffigen Wohnung, in der kalter Rauch schlechter Zigarren alles mit einem stinkenden, geblichen Belag überzogen hatte. Nach hinten raus waren die Vorhänge zugezogen, und es gelang den Beamten nicht, sie zu öffnen – sie waren an den Gardinenstangen festgeklebt. In einem der hinteren Zimmer waren die Wände mit deckenhohen Regalen bedeckt. Darin lagerten Hunderte Videokassetten und Schatullen voller Fotos. Nur das Schlafzimmer war einigermaßen sauber und offensichtlich frisch gestrichen. Ein Spurensicherer hatte einen Verdacht, der sich bestätigte: Man fand unter dem neuen Anstrich, direkt neben dem Bett Blutspritzer. Und später in einer Wäschetonne blutige Bettwäsche. In der Wohnküche standen Dutzende Bierkästen mit Leergut, und den kleinen Balkon konnte man nicht betreten, weil hier – wie sich später herausstellte – zweiundachtzig weitere Kästen gestapelt waren. Der zur Straße gelegene Wohnraum erwies sich als Kommandozentrale, ausgestattet mit Feldstechern auf Stativen sowie Foto- und Videokameras, alles vernetzt mit einem PC, an den ein Riesenmonitor angeschlossen war.

Haupotkommissar Robert Greiper kam erst hinzu, als die Kollegen von der Spusi schon fast alle weg waren. Er wollte den Schreibtisch durchsuchen. Ein schwarzbraunes Monstrum mit grün-marmorner Platte und schweren Schubladen, von der jede einzelne vollgestopft mit Papieren war. Also rief er die Bereitschaft an, die mit Kartons kamen, in denen er die Funde komplett verstaute und zu sich nachhause bringen ließ.

Am Abend bestellte er bei Kostas Jägerschnitzel zum Mitnehmen und holte sich die Mahlzeit auf dem Heimweg ab. Er hatte den Kollegen einen Wohnungsschlüssel überlassen und stand nun vor sieben großen Umzugskisten voller Unterlagen. Er aß die Schnitzel und trank zwei Flaschen Bier dazu. Die Bilder von den Stunden vor ein paar Tagen, die er hier mit dem Biest verbracht hatte, standen ihm noch vor Augen. Der war eine Drecksau, so viel stand für ihn fest. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass es der Hinz gewesen sein sollte, der die Bombar in die Luft gejagt hatte. Zumal es in dessen Behausung keinerlei Spuren auf Sprengstoff oder technische Bestandteuile zum Bau einer Bombe gefunden worden waren. Nein, der miese Typ, der war bloß ein widerlicher Kinderficker, und vermutlich hatte er sich die jüngste der Opfer gekauft und mit ihr seine ekelhaften Spiele gespielt.

publiziert am 10.06.12 in Völkerwanderung ¦ 1235x gelesen ¦ noch kein Kommentar