Aufbau

Wie es der Zufall wollte, stammte Anna aus einer Stadt kaum vierzig Kilometer entfernt von dem Ort, an der aufgewachsen war. So stimmte sie gern zu, als Heinrich, den sie in Vlissingen gern Heintje nannten, einige Wochen nach der Hochzeit vorschlug, dorthin zu reisen, um nach dem alten Gasthof der Eltern zu sehen. Nach der ersten kurzen Begegnung im Krug von Oostburg hatte er vorsichtig, aber hartnäckig um sie geworben. Im Mai des Jahres 1947 willigte sie ein, ihn zur Kermes in Middelburg zu begleiten, wo es ein großes Tanzvergnügen auf dem Platz vor der Abtei geben sollte. Natürlich hatte sie sich auch in ihn verliebt, und sie war stolz und glücklich, mit ihm zusammen gesehen zu werden, mit ihm zu tanzen und, ja, in der folgenden Nacht auch zu schlafen. Alle Nachbarn fanden, Heintje und Anneke seien das schönste Paar, das man seit langem gesehen habe, und waren alle davon überzeugt, die beiden würden bald heiraten.

Beide wussten nicht, dass sie sich genau in dem Wirtshaus zum ersten Mal begegnet waren, in dem auch der Großvater Antonius Jeroen Grijpstra seine Hedwig kennen gelernt hatte. Die Frau seines Lebens, mit der er nach Deutschland ging, wo sie Deutsche wurden und ihren Namen änderten. Denn diese Geschichte hatten die beiden den Enkeln nie erzählt, sondern immer nur gesagt, dass sie eigentlich aus Holland stammten.

Das große Eckhaus mit der Wirtschaft der Großeltern, das wusste Heinrich, war in jener schrecklichen Nacht vor kaum fünf Jahren völlig zerstört worden. Nur der Anbau im Hinterhof hatte das Bombardement überstanden. Immerhin funktionierte die Wasserversorgung, und Strom ließ sich schnell legen. Also bezogen Anna und er zunächst ein provisorisches Heim unter dem einzig intakten Dach ihres Grundbesitzes. Die Behörden teilten ihm auf Antrag eine Gruppe von Helfern zu, die ihn beim Räumen der Trümmern halfen. Die Außenmauern waren auf der einen Seite bis zur halben Höhe der zweiten Etage stehengeblieben, zum Innenhof und zum kleinen Platz an der Ecke hin hatten sie dagegen nur bis zum ersten Stock standgehalten. Die Decken waren vollständig zerstört und bildeten mit den eingestürzten Wänden und dem Dach einen wirren Haufen, der die Räume der ehemaligen Gaststätte ausfüllten. Es dauerte vierzehn Wochen, bis alles weggeräumt war und ein Baumeister den Schaden einschätzen und Vorschläge für den Wiederaufbau machen konnte.
Dann legte er den Plan vor, der darauf hinauslief, die alte Fassade so weit wie möglich zu erhalten, aber ansonsten ein neues Wohnhaus mit vier Etage zu errichten. Und natürlich wieder einen gastronomischen Betrieb zu ermöglichen. Wie früher sollte die Eigentümerwohnung in der ersten Etage direkt über den Gasträumen liegen. Nur einen Saal zum Innenhof hin, den würde es nicht mehr geben. Dafür aber endlich die Kegelbahnen im Untergeschoss, von denen schon sein Vater geträumt hatte. Der Architekt berechnete die Kosten, und Heinrich machte sich auf den Weg zur Sparkasse. Wie der Zufall es wollte, traf er dort auf eine gewisse Emma Brünsicke, die eine Tochter des Bankiers Goldberg war, dessen Institut der Großvater schon sein Geld anvertraut hatte – aber das wussten weder Heinrich, noch die Bankbeamtin, mit der er über das Baudarlehen sprach. Frau Brünsickes Arbeit erwies sich nicht nur als hilfreich, sondern entscheidend: Sie erklärte ihm, wie und wo er an Zuschüsse kommen könnte, konzipierte ein Modell aus drei unterschiedlich lang laufenden Hypotheken und bereitete die Verträge vor, sodass die Eheleute Greiper am 30. Oktober 1948 nur noch bei Notar Wilhlem Heiermeier jun. erscheinen und die Urkunden unterschreiben mussten.

Als Bauunternehmer hatte Heinrich einen Mann ausgewählt, den ihm der Notar empfohlen hatte. Peter Szczepanowski hieß der. Nachfahre polnischer Einwanderer ins Ruhrgebiet, dessen Firma in der südlichsten Stadt des Reviers hatte, die schmucklose Sprache der Region sprach, ein zupackender Kerl voller roher Flüche, der nur ein Zeil hatte: Häuser zu bauen. Und zwar schnell und sauber. Entsprechend ging er mit seinen Leuten um, denen er keine Pause außerhalb der gesetzlichen Ruhezeiten gönnte, aber auch überdurchschnittlich gut bezahlte. Heini, so riefen ihn die Nachbarn inzwischen, konnte gut mit Peter. Er hatte Vertrauen zu ihm, und das wurde nicht enttäuscht. Am 7. März hatte die symbolische Grundsteinlegung stattgefunden, nachdem es zwei Wochen am Stück keinen Frost mehr gegeben hatte. Das Richtfest feierte man mit viel Bier und Schnaps, aber wenig Essen, am 2. August. Und schon am 8. Dezember des Jahres 1949 wurde der Sebastinus-Hof wieder eröffnet. Die Menschen aus dem Viertel strömten herbei, und weil es sich um ein wirkliches Traditionsgasthaus der Stadt handelte, waren auch der Herr Oberbürgermeister sowie zahlreiche Honoratioren anwesend. Die Zeitungen berichteten, und auch ein Radioreporter war da, der den Hörern da draußen an den Enpfängern hautnah vermitteln wollte, wie sehr sich die Bürger darüber freuten, diesen Mittelpunkt ihre Stadtteils wieder zu haben.

Wenige Wochen später bezogen Anni und Heini ihre flammneue Wohnung, die sie ganz im Stil der neuen Zeit eingerichtet hatten. Sie hatten in diesen Jahren des Aufbaus nie viel Zeit füreinander gehabt, waren aber durch die viele Arbeit und das Bewusstsein, sich so ein neues Leben zu schaffen, zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zweier Liebender geworden, die sich aufeinander verlassen konnten. Wer aber gedacht hatte, nach dem Wiederaufbau würden sie ehr Muße haben, sah sich getäuscht: Beide waren bereit und willens, aus dem Sebstianus-Hof eine wunderbare Wirtschaft zu machen, eine gutes bürgerliches Restaurant und eine angenehme Kneipe. Und dafür arbeiteten sie die nächsten zehn Jahre noch einmal hart, sehr hart.
Ihr ersten beiden Söhne, Bodo und Robert, wurden geboren, ohne dass Anna jeweils länger als zwei Wochen nicht in der Küche stand oder hinter der Thele. Die Jungen wuchsen nebenbei in der Wirtschaft auf und lernten so kaum ein Familienleben kennen. Erst als ihre Mutter fünf Jahre nach dem kleinen Robert noch ein Mädchen gebar und der Betrieb so gut lief, dass die Greipers jede Menge Personal beschäftigen konnten, nahmen Anni und Heini den Fuß vom Gas und begannen, das Leben zu genießen. Jedenfalls so weit dies in ihrer Rolle als Unternehmer möglich war.

publiziert am 21.07.12 in Völkerwanderung ¦ 919x gelesen ¦ noch kein Kommentar