Belastungszeuge

Es hatte ihm noch nie Spaß gemacht, das Zeug zu durchwühlen, das seine Kollegen bei Tatverdächtigen eingesackt hatten. Aber bei den Papieren und Fotos, die sie bei Walter Hinz beschlagnahmt hatten, war die Sache noch eine ganze Kategorie übler. Ein Umzugskarton war vollgestopft mit Hunderten Briefen, also Kopien von Briefen, die das Schwein verfasst hatte, sowie den Antworten. Dabei handelte es sich zu über neunzig Prozent um die Korrespondenz, die der Pädophile im Verlauf von gut dreißig Jahren mit minderjährigen Mädchen geführt hatte. Teilweise hatten die Fotos von sich beigeheftet, und Greiper war schockiert, wie jung die Opfer der Drecksau waren. Natürlich nahm so ein Briefwechsel an Fahrt auf, wenn die Angeschriebene nicht rechtzeitig aufgehört hatte zu antworten, und vermutlich hatte das Ferkel auch Bilder von sich mitgeschickt. Die aktuellsten Briefe datierten von 1998, viele Empfängerinnen stammten aus dem Ostblock. Dann hatte Hinz offensichtlich das Internet für sich entdeckt.

Und dort Fotos gesammelt. Es mussten mehrere Zehntausend sein, vermutete der Hauptkommissar. Stapel von Ausdrucken, anfangs von mieser Qualität, später hochglänzend auf Fotopapier, eine ganze Kiste voll. Jedes einzelne Blatt war mit dem Namen des jeweils abgebildeten Mädchens und dem Datum versehen. Zuoberst lagen die Bilder aus den letzten vier, fünf Monaten. Greiper untersuchte die aktuellsten vierzig, fünfzig Aufnahmen genauer. Mehr als die Hälfte davon zeigten eine junge Frau, die merkwürdig alterslos aussah – auf den ersten Blick dachte er, es handele sich um ein Kind von vielleicht neun, zehn Jahren, dann wieder schätzte er sie auf siebzehn, achtzehn ein. Der Name war Yelena. Wie sich später herausstellte, ein beliebter bulgarischer Mädchenname.

Auch im dritten Karton fand er Fotos. Hunderte davon, Schwarzweißaufnahme, auf einem Laserdrucker im Format A4 gedruckt. Alle Bilder zeigten Szenen auf der Straße, aufgenommen vom Erkerfenster der Wohnung des Walter Hinz, alles sauber datiert. Und dann hielt Hauptkommissar Robert Greiper den Atem an: Er hatte einen Stapel Bilder aus der Nacht des Bombenanschlags gefunden – es waren rund fünfzig Blätter, die ganz offensichtlich automatisch fotografiert worden waren, vermutlich im Abstand von jeweils zehn Minuten. Nach den Lichtverhältnissen beurteilt, begann die Serie gegen zwanzig Uhr und endete deshalb etwa um halb vier in der Nacht. Die Fotos neununddreißig bis sechsundvierzig zeigten den Tathergang, deutlich und klar.

publiziert am 12.07.12 in Völkerwanderung ¦ 867x gelesen ¦ noch kein Kommentar