Die Straße der Patrioten

patriotenstrasseDieser Tage unternahm ich mit dem Hund eine Wanderung im Straberger Wald. Der gar nicht der „Straberger“ Wald ist, sondern der Mühlenbusch, welcher hinwiederum den südlichsten Abschnitt des Knechtstedener Waldes darstellt. Das Dorf Straberg, dessen Pech ist, vor Längerem der kotzfleckförmigen Stadt Dormagen (Kenner sagen „Dormagendarm“…) zugeschkagen woirden zu sein, grenzt an ebendiesen Busch. Folgerichtig heißt die Straße, die aus dem Ort in den Wald führt auch „Mühlenbuschweg“. Dortselbst lebte ich im Jahre 1977 in einer Wohngemeinschaft (kurz: WG). Die Greise unter den Lesern werden sich daran erinnern, dass eine WG damals für Otto Normalfamilie quasi Sodom und Gomera in einer Person war. WGler waren entweder faule Stundenten oder verschlagene Terroristen. Wir waren weder noch. Tatsächlich zeichnete sich unsere WG dadurch aus, dass alle sieben Insassen ihre Brötchen mit ehrlicher Arbeit verdienten. Was aber den Dorfkern, der sich aus den damals noch handelsüblichen, niederrheinsch-dumpfen Rübenköppen zusammensetzte, nicht daran hinderte, von unserer kleinen Gemeinde als „diesen Studenten“ zu reden. Okay, wir waren Städter, jung und wild dazu, aber als Studenten wollten wir uns dann doch nicht beleidigen lassen.

Zum Glück kam es über das eine Jahr, in dem die WG Bestand hatte, zu wenigen Zwischenfällen. Hier mal ein plattgemachter Autoreifen, da mal ein Stein übers Gartenmäurchen, das war’s auch schon. Wir hätten allerdings nicht unbedingt mit fünf Mann hoch im Alten Ulan einfallen sollen, dem ewigen Gasthaus am Lindenkirchplatz. Denn das war die Wirtschaft der Stammtische. Dort wurden die Vorurteile gegen alles, was nicht strabergerisch oder zumindest niederrheinisch, auf jeden Fall aber DEUTSCH war, ausgetauscht und befestigt. Und nun stiefelten diese Studenten da rein. Jedes Gespräch erstarb. Man beäugte uns aus finsteren Mienen. Und mancher Blick war als bedrohlich einzustufen. Es dauerte lange, bis die Bedienung uns fand. Wir tranken schnell unsere Kölschbiere aus, zahlten und machten, dass wir davon kamen.
Nicht alle Dörfler waren uns feindlich gesonnenen. Oma Müsch zum Beispiel überhaupt gar nicht. Das war die Bäckersfrau, die uns gern verwöhnte. Die fragte nicht „Wieviel Brötchen sollen es sein?“, sondern „Wieviel Leut seid ihr denn?“ Und bemaß die Menge der Teile in der Tüte nach ihrer persönlichen Einschätzung. Den Gesamtpreis ebenfalls. Und wenn Teilchen vom Vortag übrig waren, packte sie die gern einfach dazu. Nett auch die Behandlung im Hubertus, der Wirtschaft am Ende des Ortes, wo die Straße durch den Wald nach Gohr beginnt. Wir Düsseldorfer lernten hier die Freuden des Kölschbiers kennen, denn Straberg liegt eindeutig in der Kölsch-Zone. Gern kehrten wir dort ein, betranken uns gepflegt und wankten dann im Stockdunkeln durchs Feld nachhause.

Die endlose Party
Wir waren fünf Jungs und zwei Mädels, die jeweils mit einem der Herren verbandelt waren. Das Haus, das dem Bäckermeister Adam Schornstein aus Neuss-Holzheim gehörte, bot reichlich Platz, den wir auch systematisch nutzten. Unser Vermieter, än ächte rheinische Jong ohne Vorurteile, hatte seine Bäckerei aus Altersgründen an einen Türken verpachtet, den er in den höchsten Tönen lobte („Dä Ali, dä iss sowatt von fleissisch!“). Mit der WG, die vor uns dort residiert hatte, eine Truppe strammer DKPisten und MSBler ging er dagegen hart ins Gericht: „Isch hann ja nix jejen dä Lennin und jejen dä Marx, aber dänne Plakate MIT REISSNÄJELN an den ESCHTHOLZTÜREN anzumachen, nä, nä, nä…“. Da waren wir aus respektvollerem Holz geschnitzt. Apropos: Aus heutiger Sicht könnte man unsere 77er-WG als Avantgarde der Party-Bewegung sehen.
Gut, auch in den späten Sechzigern feierten junge Menschen, und Anfang der Siebziger reihte sich Fete an Fete. Wir aber erklärten unseren Aufenthalt zur Dauerparty. Da war auch immer Alkohol mit im Spiel, wohingegen bis auf vereinzelte Joints alle anderen Rauschmittel außen vor blieben. Weil wir das Leben als Fest sahen, hießen unsere Zusammenkünfte – woander schnöde WG-Sitzung o.ä. genannt – Festkommiteesitzungen. Wir waren alle waren das Festkommitee! Und das wichtigste Gemeinschaftsprojekt war der Bau einer Hausbar für das Fernsehzimmer im ersten Stock. Das war ganz praktisch: Wir Kerle guckten uns beispielsweise Eishockey-WM an, und der Schnaps war immer in Reichweite. Zu Ehren des großartigen Schrifstellers John Steinbeck und seines wunderbaren Romans „Cannery Row“ (deutsch: „Straße der Ölsardinen“) hatten wir unsere eigene Whiskey-Marke „Old Tennis Shoes“. Jemand hatte ein Etikett entworfen und für Hunderte Flaschen ausreichend oft kopiert. Ein Billigfusel aus dem Top-3-Supermarkt wurde jedesmal mit einem zuvor handkolorierten Label versehen.

Zugegeben, wir waren in vieler Hinsicht die Exoten des Ortes. Der nicht nur von Stumpfbauern bewohnt war, sondern über eine Kolonie Lehrer-Einfamilienhäuser sowie Mietwohnungen für Vollspießer verfügte. Hier war man gut deutsch allewege. Besonders unsere Nachbarn, die waren besser deutsch. Das Autofähnchen und anderes Nazions-Merchandising war noch nicht erfunden, und selbst die rechtesten der Rechten trauten sich nicht, Schwarzrotgold am Flaggenmast aufzuziehen – außer am 17. Juni, dem Tag der Deutschen Einheit. Da musste man seine patriotischen Gefühlen andersartig rauslassen. Die Nachbarn zur Linken taten dies bei den Spielen der Nationalmannschaft, die sie im Sommer vom Garten aus auf dem Riesenfernseher in der guten Stube anschauten. Dabei feuerten sie die Jungs von Helmut Schön, der damals noch Bunztrainer war, lautstark an und stimmten gern in „Deutschland, Deutschland“-Rufe ein. Folgerichtig hießen sie bei uns nur „die Deutschlands“ – die übrigens nach dem Ende der WG in unser schönes Haus umzogen und einer umfassenden Verspießerung unterzogen, Windmühlchen im Vorgarten inklusive.

Das irre Sommerfest
Höhepunkt unseres Daseins, ja, eigentlich auch einzige Daseinsberechtigung war aber das irre Sommerfest, auch bekannt als „Straberg 77“, quasi das Woodstock des Niederrheins, wenn auch ohne Live-Musik. Statt dessen hatte einer der beiden Hifi-Freaks aus unseren Kreisen seine mannshogen Lautsprecherboxen auf die Terrasse über dem Gartenzimmer verfrachtet, von wo aus wir mühelos das ganze Dorf sowie die Ortsteile Horrem und Delrath sowie die Nachbarorte Nievenheim und Delhoven beschallte. Später erfuhren wir von Bruder Norbert, unserem Kumpel aus dem Kloster Knechtsteden, er habe auch ein paar Mal Musikfetzen herüberwehen gehört.

Das Festkommitee hatte ganze Arbeit geleistet. Ja, man kann, sagen: Die Vorbereitungen waren absolut professionell. Trotzdem lief die Sache ein bisschen aus dem Ruder. Eingeladen waren rund 200 Leute, aber aus irgendeinem Grund hatte jemand die Parole ausgegeben, man möge gern Freunde mitbringen. Den Gartenrasen hatte wir zum Zelten freigegeben; es gab mehrere Grills und Feuerplätze. Wir waren fest davon überzeugt, genug Bier rangeschafft zu haben, aber schon gegen 20 Uhr mussten die ersten Zusatzfässer beim Getränkeschmidt an der Waldstraße geholt werden. Und gegen zwei Uhr klingelten unsere Bierboten den Getränke könig sogar aus dem Bett, damit er Nachschub rausrückte.
Ob es im Verlauf des Abends, der Nacht, des folgenden Morgens und Tages dreihundert Gäste waren oder mehr oder weniger, wird sich nicht aufklären lassen. Denn irgendwann hatten sich die weltoffenern Vertreter der Dorfjugend angeschlichen und sich der Party angeschlossen und manch völlig unbekannte Gesicht lugte hinter einem Bierglas hervor. Von Woodstock sagt man ja, es sei ein Mensch gestorben und einer geboren. Gut, das lässt sich von Straberg 77 nicht behaupten, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden in dieser Nacht ein paar Babys gezeugt; oder, sagen wir mal, Menschen unterschiedlichen Geschlechts haben es miteinander versucht. Das in den illegal okkupierten Zimmern der WGler oder gleich im Zelt auf dem Rasen.

Das Fest brachte einen reichen Anekdotenschatz mit sich. Eine der schönsten Sottise dreht sich um die beiden Dormagener Polizebeamten. Natürlich hatten sich so gegen elf die ersten Dörfler über die Lautstärke erregt und die Cops gerufen. Die kamen auch brav mit ihrem Bully angetuckert und schellten ordnungsgemäß an der Tür. Eher zufällig entdeckte jemand die Wartenden und brüllte, nachdem er die Tür geöffnet hatte aus vollem Hals „EY, die Bullen sind da!“ Die nahmen das aber nicht krumm. Eine unsere WG-Damen boten Bier und Suppe an, aber die Ordnungshüter lehnten dienstlich ab. Dafür ging dem einen die Mütze verlustig, die sich auf dem blonden Kopf einer hübschen jungen Frau wiederfand. Während der Plaudereien hatten sich einer der WGler nach draußen geschlichen und montierte dem VW-Bus die Scheibenwischer ab. Nachdem die Musik einen Hauch leiser gedreht worden war, machten sie sich wieder davon.
Irgendwann am nächsten Tag rief einer der beiden an und sagte – sofern die Überlieferung korrekt ist – in etwa folgendes: Er wolle da jetzt keine große Sache draus machen, aber wenn DIE SCHEIBENWISCHER NICHT INNERHALB EINER STUNDE auf der Wache abgegeben würde, dann würde es aber im Karton rappeln. Und zwar gewaltig. Wir taten wie geheißen.

Das blieb im Übrigen nicht die einzige Straftat, die man uns hätte zur Last legen können. Ich denke da an eine Kneipenschlägerei sowie eine angeröstete Schützenfahne. Aber darüber soll der Mantel des Vergessens gedeckt werden…

[Und wer dabei war, wird erkennen, dass dies keine Reportage ist, sondern ein subjektiv gefärbter Bericht, der zum Zwecke der optimalen Unterhaltung mit einigen hinzugedichteten Schleifen und Sternchen versehen wurde.]

publiziert am 30.07.12 in Stadtgeschichten ¦ 993x gelesen ¦ noch kein Kommentar