Hand und Fuß – Teil 8

Die Beziehung zwischen Schimmel und Greiper war über die Jahre gereift. Dass ein dahergelaufener Akademiker ohne jede Praxiserfahrung, der auch nur unwesentlich älter war als er, ihm etwas zu sagen haben sollte, hatte Greiper anfangs erheblich gestört. Die ersten Monaten schmeckten nach kaltem Krieg: Wo der studierte Kriminalist Fünfe gerade sein ließ, da pochte sein Hauptkommissar auf die Dienstverordnung. Und wenn sich Greiper kreative Freiheiten im Sinne der Aufklärung nahm, da drohte ihm Schimmel mit allfälligen Sanktionen. Aber der gegenseitige Widerstand hatte sich im Laufe von fünf, sechs Jahren abgeschliffen. Dann löste Greiper den Fall des explodierten Oberbürgermeisters mit einiger Eleganz und Geschwindigkeit und nahm so den Dezernatsleiter im Range eines Kriminaloberrates aus der Schusslinie, die von den gierigen Lokaljournalisten aufgebaut worden war. Ein netter gemeinsamer Abend in einer der hiesigen Hausbrauereien besiegelte den Frieden und begründete das gegenseitige Vertrauen.

Deshalb war es Robert Greiper im Wege einer Dauergenehmigung gestattet, seine Bürostunden auch zuhause zu absolvieren – jedenfalls so lange er auf die Weise die Fälle löste, die Schimmel ihm zuteilte.

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Angesichts der rasanten Entwicklung der Lage ließ der Deutschlandboss das geplante Krisen-Meeting am Freitag ausfallen und durch eine Telefonkonferenz ersetzen. Der Mitarbeiter der PR-Agentur, die sich an AMEK über die Jahre dumm und dämlich verdient hatte, war dieses Mal nicht nur wach, sondern völlig übernächtigt, hatte er doch bis in die frühen Morgenstunden an seinem Konzept für die Krisenkommunikation gebastelt, das auf insgesamt siebenundvierzig Powerpoint-Folien vom Allgemeinen zum Speziellen kommen sollte, um schließlich die Verhaltensregeln für alle Mitarbeiter und den Zeitplan der Maßnahmen zu definieren. Mit Entsetzen nahm der Mann mit dem störrischen Haarwuchs zur Kenntnis, dass diese Präsentation wohl unbeachtet bleiben würde und er nur die Gelegenheit bekäme, die wichtigsten Dinge am Telefon zu schildern. Natürlich würde er das Werk per Mail verteilen, wohl wissend, dass es keiner der Herren je ansehen würde.

Den Marketing-Vizepräsidenten erreichte der Rundruf in seiner Suite im frisch eröffneten Luxushotel an der Prachtstraße, wo er – wie gewöhnlich in charmanter Begleitung – genächtigt hatte. Den Marktleiter hatte man außen vor gelassen. So war Johannes Benedikt Felsheimer der letzte Teilnehmer, der zugeschaltet wurde.
„Sie sollten zunächst alle wissen, dass vor kaum einer Dreiviertelstunde ein menschlicher Fuß im neuen Megastore gefunden wurde. Auch dieses Mal handelt es sich um ein sauber abgetrenntes Körperteil, das vom Täter vakuumverpackt wurde“, eröffnete der Landeschef die Konferenz.
Als erster fand der österreichische Marketingboss die Fassung zurück: „Geh, herst, dös gibt’s doch goar ned. Da will uns doch wer was. Nur wer uns was will und warum, dös wissen wir ned.“
Nach diesem folkloristischem Zwischenspiel meldete sich der PR-Berater zu Wort: „Wer weiß denn, wer davon weiß?“
„Meine Herren“, fuhr der Deutschlandboss dazwischen, „könnten Sie bitte erst Ihre Gedanken ordnen, bevor Sie die Telefonleitung für Ihre Gefühlsausbrüche missbrauchen! Das Ding ist im Catering-Lager gefunden worden. Da standen zig Hilfskräfte herum, jeder hat es mitgekriegt. Und draußen sind über hundert Journalisten vorgefahren, die über die Eröffnung und das Konzert der Harten Hände berichten wollen. Ja, die Polizei wurde auch schon verständigt…“
„Da gehen wir als Allererstes juristisch dran. Fax an alle Redaktionen und Verlage. Rückfax mit unterschriebener Verschwiegenheitserklärung. Wer berichtet, wird abgemahnt. Streitwert in jedem Fall mehr als fünfhunderttausend. Wollen doch mal sehen, ob sich die Schmierfinken dann noch trauen“, bellte Felsheimer ohne einmal Atem zu holen.

Der Kommunikationsprofi schwieg in der Hoffnung, die AMEK-Leute würden den forschen Advokaten in seinem Sinne zusammenfalten. Aber auch die leisteten keinen Widerstand. Da beschloss der Dienstleister, einen wichtigen Teil seines Krisenkonzepts auf eigene Faust und heimlich auszuführen. Ja, nach dem Ende des Conference Calls würde er eigenhändig bei den Redakteuren der regionalen Zeitungen, den lokalen Rundfunksendern und dem dritten Programm des Landes anrufen, ihnen die Situation schildern, ihnen Teilexklusivität zuzusichern und um Stillhalten der Füße bis Montag zu bitten. Er musste bloß aufpassen, dass der verfickte Felsheimer nichts davon mitbekam.

publiziert am 17.07.12 in Einzelteile ¦ 859x gelesen ¦ noch kein Kommentar