Arm dran – Teil 1

Schaidlers Assistent hatte schon nach knapp sechs Stunden Antwort auf seine Mail bezüglich des Vertrags mit der rumänischen Pressspanfabrik erhalten. Das beruhigte ihn, zumal die Reaktion seines Chefs so ausfiel wie er das von ihm gewohnt war: „Geht klar. Schnell unterschreiben. Und nicht soviel Schmiergeld vergeuden.“ Die Nachricht war wie gewöhnlich mit dem Kürzel SCH – natürlich in Großbuchstaben – signiert. Das geschah an jenem Dienstag, an dem man das erste Ohr in einem deutschen AMEK-Markt entdeckt hatte, wovon die rechte Hand des obersten Herrschers des Möbelimperiums aber erst am Donnerstag erfuhr. Noch schien es ihm nicht opportun, seinen Boss mit dem Fall zu molestieren, denn der reagierte auf unliebsame Störungen meist spürbar gereizt. Und im gereizten Zustand war ein Schaidler selbst aus der Ferne nur schwer zu ertragen.

Das konnte der junge und schöne Mann, der dem AMEK-Chef nicht nur einiges abnahm, sondern manches Geheimnis Schaidlers teilte, gut nachvollziehen. Auch wenn er nie einen Bericht darüber bekam, was sein Vorgesetzter während der Urlaubswochen trieb, hatte er doch eine recht genaue Vorstellung davon. Da sah er den braungebrannten Schaidler an einem blaßgrün leuchtenden Pool in der Karibik, der Südsee oder in Thailand auf einem weißen Freiluftsofa sitzen, in jedem Arm ein leicht bekleidetes, rassiges Wesen, das ihn mit exotischen Cocktails fütterte, dahinter ein mächtiger Eingeborener, der dem Ensemble Kühlung zufächelte, während aus einiger Entfernung der Sound einer mild folkloristische Band herüber wehte und vom Meer her eine leichte Brise aufzog.
In solchen Situationen würde auch er, der einfache Assistent, nicht gern gestört werden. Wo er doch in seinen kurzen Ferien, die er meist im Kreise guter Freunde auf einer Ägäis-Insel verbrachte, keine Nachrichten aus dem Hause AMEK ertrug und in Abstimmung mit seinem Chef das Handy ausgeschaltet ließ.

***

Eine missmutige Mitarbeiterin unbestimmten Alters, die zur blaßgrünen Cargohose einen weißen Kapuzenpulli mit dem klaren AMEK-Schriftzug trug, holte ihn auf dem Dach ab. Greiper folgte ihr in ein eiskaltes, betoniertes Treppenhaus, das bis weit ins Untergeschoss der Möbelhalle führte. Dort landeten sie vor einer doppelflügeligen Stahltür. Seine Führerin zog einen einzelnen Schlüssel aus der Hosentasche, der mit einem Kettchen am Gürtel befestigt war.
„Moment“, sagte der Hauptkommissar, „haben alle Mitarbeiter einen Schlüssel für diese Tür?“
Die Frau, die jetzt eher wie fünfzig aussah, sah ihn, überlegte kurz und sagte dann: „Nö, glaube nicht.“
Greiper versuchte, ihr den Wurm aus der Nase zu ziehen: „Wer hat denn so einen Schlüssel?“
„Weiß nicht“, gab die AMEK-Dame zurück.
„Was ist das überhaupt für ein Schlüssel? Passt der nur auf diese Tür?“
„Nö, auf alle Türen in diesem Treppenhaus.“
„Auch oben auf dem Dach?“
Sie nickte und wollte weitergehen. Der Kripomann hielt sie am Arm fest: „Und wohin führen diese Türen in jedem Stockwerk?“
Die Frau wirkte jetzt leicht genervt: „Na, zu den Gängen hinter den Ausstel-lungsflächen.“
„Und im Erdgeschoss zum Verwaltungstrakt. Richtig?“
„Klar.“
„Wer also so einen Schlüssel hat, kann sich im ganzen Gebäude bewegen, ohne von Kunden gesehen zu werden.“
Sie zeigte deutliche Zeichen von Ungeduld: „Können wir jetzt weitergehen? Hab noch was anderes zu tun.“
Greiper gab’s auf und folgte ihr durch einen langen niedrigen Gang, von dem alle geschätzten fünf Meter links und rechts Türen abgingen. Sie kamen erneut an eine Stahltür, und er nahm an, dass sie nun den gesamten Komplex der Länge nach durchquert hatten.
„Sie haben eben hinter uns nicht wieder abgeschlossen. Ist das okay so?“
„Sicher. Ich geh ja denselben Weg wieder zurück.“

Damit schloss sie auf, zeigte auf eine Treppe vor ihm und sagt: „Da lang.“ Drehte sich um, schloss die Tür, und Greiper hörte, dass sie von der anderen Seite den Schlüssel im Schloss drehte. Er stieg die Stufen hoch, öffnete eine unverschlossene Tür und stand dann direkt vor einer weißen Zeltwand.
Aus der Nähe kam ein Gewirr empörter Stimmen. Von weiter her wehten Musikfetzen herüber. Er suchte einen Eingang und fand schließlich einen Schlitz zwischen den Planen, durch den er eintrat. An der gegenüberliegenden Seite stand eine Menschentraube, die meisten trugen weiße Kochuniformen. Greiper ging hinüber, räusperte sich und bellte dann einigermaßen laut: „Mein Name ist Hauptkommissar Greiper, wer ist hier verantwortlich?“

publiziert am 12.08.12 in Einzelteile ¦ 876x gelesen ¦ noch kein Kommentar