Arm dran – Teil 2

Der Berater, der als Mitarbeiter einer führenden PR-Agentur die deutsche AMEK betreute, hatte auch einen Namen, den aber die meisten Manager der Möbelhauskette nicht kannten. Frank Schreiner war das egal; so lange die Dame, die für die Kommunikation des Unternehmens verantwortlich war, ihn kannte und alles unterschrieb, war der Auftrag und damit sein Job sicher. Er arbeitete gern für AMEK und war selbst seit Jahren treuer Kunde des Hauses. Leider missbrauchte man ihn, der seinen Bachelor in Kommunikationswissenschaften mit Auszeichnung gemacht und kurz nach dem Ende des Studiums einen Nachwuchspreis der PR-Branche gewonnen hatte, vorwiegend für niedere Aufgaben im Bereich der Pressearbeit. So zählte es zu seinen Obliegenheiten, die von der Kommunikationsfrau verfassten Pressemeldungen zu überarbeiten; glatt zu bügeln, nannte er das. Da die Betreffenden einen Hauch soziophob war und vor lebenden Journalisten einige Angst hatte, hielt er den direkten Kontakt zu den Medien.

Das kam ihm bei seinem Alleingang an diesem Freitag sehr entgegen, denn viele Redakteure hatten den Eindruck, Schreiner wäre der offizielle Pressesprecher von AMEK Deutschland und damit befugt, verlässliche Informationen über das Unternehmen zu verteilen. Zuerst rief er den Chefredakteur des Boulevardblättchens an, das eigentlich aus der verhassten Nachbarstadt stammte und verzweifelt gegen die Übermacht der großen bundesweiten Zeitung kämpfte.

„Einen schönen guten Morgen, Herr Maaßen. Frank Schreiner von der AMEK. Ich glaube, ich habe da was für Sie.“
Sein Telefonpartner brummte einen Gruß und hatte starke Befürchtungen, der Mann wolle ihn zu einem Bericht über die Eröffnung des Megastores bewegen, der aber eindeutig außerhalb des Verbreitungsgebiets seines Blattes lag.
„Allerdings würde ich Sie um alleräußerste Diskretion bitten. Es geht um eine extrem heikle Angelegenheit. Und ich habe mir gedacht, bevor der liebe Kollege Maaßen aus sinistren Kanälen davon erfährt, rufst du ihn besser selbst an.“

Irgendein Instinkt in den Innereien des Chefredakteurs rührte sich: „Bin ganz Ohr. Sie wissen doch, dass Sie sich auf mich verlassen können.“
Klar, dachte der PR-Mann, wenn ich was streng Geheimes in die Öffentlichkeit bringen will, muss ich dir bloß sagen, es sei geheim. „Ich weiß, ich weiß. Bevor ich Ihnen erzähle, worum es geht, würde ich Sie bitten, mir zu garantieren, dass sie frühestens in der Montagsausgabe berichten. Dafür kriegen Sie die Story auch exklusiv.“

Der Journalist musste grinsen. Das liebte er, dass ihn PR-Fuzzis als Kollegen bezeichneten, diese Lügenbastler, die nichts anderes im Sinn haben, als die Redakteure für ihre Zwecke zu missbrauchen. „Okay, ist gebongt. Soll ich auf irgendwas schwören oder geht’s so?“
„Ich verlass mich auf Sie. Also, am Dienstag wurde in der hiesigen AMEK-Filiale ein abgeschnittenes Ohr gefunden und am Mittwoch ein zweites. Jetzt kommt’s: In Bracht ist heute ein abgeschnittener Fuß aufgetaucht. Alle Teile waren jeweils sauber abgetrennt und in Folie vakuumisiert.“
Schreiner hörte wie der Chefredakteur nach Luft schnappte.

„Sie können sich vorstellen, dass es einen erheblichen Imageschaden für das Unternehmen bedeuten würde, wenn diese Informationen einfach so an die Öffentlichkeit kämen. Ich würde Ihnen nun anbieten, dass Sie einen Ihrer Mitarbeiter zu mir schicken. Den nehme ich dann mit nach Bracht, wo er Interviews führen und Fotos machen kann. Was halten Sie davon?“
Die andere Seite schwieg ein paar Sekunden lang: „Ja, klar, machen wir so.“ Und der Chefredakteur dachte nur: Wem hat er sonst noch Exklusivität versprochen? Außerdem wusste er sofort, das war ein Fall für den jungen Meissler, der musste berichten, der war neu, der war frisch, der war hungrig. Der würde eine Knallerstory abliefern, das wusste der Chefredakteur.

publiziert am 22.08.12 in Einzelteile ¦ 1099x gelesen ¦ noch kein Kommentar