Negative

Wenn ich die Negative hätte, denkt Greiper, dann könnte ich es wie in diesem Film machen, wo der Fotograf in einem Park ein Bild macht, auf dem im Gebüsch etwas zu sehen ist, und der dieses Negativ immer mehr vergrößert, bis deutlich wird, dass es sich um eine Person, vielleicht eine Leiche handelt. Obwohl er selbst überhaupt kein Händchen fürs Fotografieren hat, liebt der diesen Film, weil der den Zeitgeist Mitte der Sechziger in London transportiert und er ja selbst ein Jahr als Austauschschüler in England gelebt und bei den zahllosen Fahrten mit dem Bummelzug von Reading die Hauptstadt ebendiesen Zeitgeist hautnah mitbekommen hatte. Aber Negative gibt’s nicht, denn Hinz hatte natürlich digital gearbeitet. Also müsste er die Dateien haben, und dann müsste ihm jemand helfen, der sich mit dieser Bearbeitungssoftware auskennt. Der Hauptkommissar durchwühlt die Kartons, findet aber keine Disketten. Fragt sich, ob man überhaupt noch Disketten verwendet, um etwas zu speichern, oder nur diese Stifte, die wie Festplatten funktionieren. Aber auch von der Sorte ist nichts beim beschlagnahmten Material.

Und die ganze Hardware, die zwei großen PCs, die verschiedenen Kameras und Festplattengehäuse, die Drucker und den ganzen Kram, den haben die Kollegen ins Präsidium geschafft. Daran zu kommen, das könnte dauern. Er musste auf einem anderen Weg herausfinden, wer der Zünder war, der aus den beiden Elemente vor der Bar die Bombe zusammengestellt und ausgelöst hatte. Der Ausdruck des entscheidenden Bildes ist von guter Qualität. Die Person scheint eher untersetzt, vielleicht einssiebzig groß; die Aufnahme kurz vor der Explosion, der Täter entfernt sich vom Tatort, lässt darauf schließen, dass der Mann ziemlich krumme Beine hat, also O-Beine. Mit der Lupe erkennt Greiper den Aufdruck auf dessen schwarzem Kapuzen-Sweater nicht. Zwei Zeilen sind es, dazwischen eine Art rundes Wappen. Gut eine Stunde lang starrt auf die Fotos, nimmt immer wieder eins davon in die Hand und untersucht es mit dem Vergößerungsglas.
Plötzlich weiß er, wer der Mensch ist, der den Laden letztlich in die Luft gejagt hat. Natürlich handelt es sich bei dem Sweatshirt um das Werbegeschenk einer bekannten Zigarettenmarke. Und, ja, er hat den Täter schon einmal mit diesem Kleidungsstück gesehen. Auch an den krummen Gang erinnert sich. Und fragt sich: Wo steckt eigentlich Ümit vom Kiosk an der Ecke?

publiziert am 19.08.12 in Völkerwanderung ¦ 835x gelesen ¦ noch kein Kommentar