Arm dran – Teil 3

Nachdem Greiper achtzehn der achtundzwanzig Augenzeugen verhört hatte, bekam er Kopfschmerzen. Die waren – das hatte er von Elle gelernt – weniger ein Zeichen von Erschöpfung sondern eher davon, dass irgendetwas nicht richtig lief. Achtzehn Mal hatte er die immer gleichen Sätze gehört, achtzehn Mal hatten Menschen in teilweise schwer dechiffrierbarem Deutsch berichtet, dass der Ion das Paket in der Luft geschwenkt und gerufen hätte „Hat jemand Fuß bestellt.“ Und der Finder, Ion Paschka, hatte sich gleich drei Mal in der Reihe angestellt, um dem Hauptkommissar die Geschichte mit der einen oder anderen Ergänzung erneut zu erzählen.
Also stand Greiper auf und fragte den Nächststehenden nach der Toilette. Eine fröhliche junge Frau mit lustigen Zöpfen in weißem Polohemd und blaßgrüner Hose begleitete ihn bis zur richtigen Tür. Er wählte eine Kabine und setzte sich auf den geschlossenen Klodeckel. Er wünschte sich eine Zigarette, da er aber das Rauchen mehr oder weniger aufgegeben hatte, schien ihm die Chance gering, eine zu finden. Er klopfte die Sakkotaschen ab und fand tatsächliche eine zerdrückte Schachtel der ehemals geliebten französischen Kippen. Tatsächlich steckte eine Filterlose drin und sogar ein Briefchen Streichhölzer. Greiper zündete sich die Zigarette an. Er nahm einen tiefen Zug und musste kurz husten.

Die ganze Sache lief schief, das spürte er deutlich. Überhaupt hätte er in dieser Phase der Lebensveränderung lieber Innendienst geschoben als sich hier im vollendeten Chaos mit Leichenteilen herumzuschlagen. Gleichzeitig stand ihm das weitere Vorgehen klar vor Augen, und er war sich sicher, dass hinter den Funden entweder eine Erpressung oder ein persönliches Drama stand. Um das zu klären, waren Hausaufgaben zu machen – das Verhören von irgendwelchen Kochclowns schien ihm da wenig zielführend. Aber er würde das jetzt durchziehen. Die eigentliche Arbeit könnte er dann in Ruhe zuhause oder notfalls im Präsidium erledigen.

***

Greiper hatte bei Elle übernachtet und war schon vor ihr aus dem Haus. Sie hatte sich vorgenommen, auch den zweiten freien Tag in Folge geruhsam angehen zu lassen, nahm sich viel Zeit fürs Frühstück, las dabei die Wochenzeitung und absolvierte später auf der heimischen Gymnastikmatte ihre Jogaübungen. Aber so recht wollte sie nicht zur Ruhe kommen, denn der bevorstehende Umzug lag ihr in jeder Hinsicht auf der Seele. Ob es wirklich eine gute Idee war, dass zwei freie Geister wie sie und Robert ein gemeinsames Heim haben sollten, fragte sie sich. Ob sie beide wirklich ihre in den vergangenen Jahren organisch gewachsenen Gewohnheiten aufgeben und dagegen eintauschen sollten, dass nie wieder einer zum anderen fahren müsste, um dort zu übernachten. Eigentlich hatten sie in den anderthalb Jahren nach der Wiedervereinigung einen ziemlich angenehmen Lebensrhythmus gefunden und sich mit den zwei Haushalten bestens organisiert.
Entscheidend schien ihr zu sein, dass Robert und sie es hinkriegen würden, sich gegenseitig auch einfach einmal in Ruhe zu lassen. Sie malte sich aus, dass er draußen auf Deck unter einem Sonnenschirm bei einem Gläschen Bier Akten studieren würde, während sie am anderen Ende des Hausboots in der Sonne läge, dass sie aufstehen und zu ihm gehen würde, fragen, ob er etwas bräuchte und ihm dann noch ein Glas einschenkte. Dass er umgekehrt käme und nachsähe, ob sie noch nicht von der Sonne verbrannt sei und anbieten würde, sie mit Sonnenmilch einzureiben. Dass es aber auch Tage geben würde, an denen sie beide ganz verschiedene Wege gingen und keiner den anderen fragen würde, wo er gewesen sei und was er getan hätte.

Elle begann, Sachen auszusortieren. Sie ging die Schränke durch und stopfte Kleidungsstücke, die sie nicht mehr anzog, in einen Müllsack, den sie zum Altkleidercontainer bringen würde. Dann machte sie sich über den Schuhschrank her, und gegen Mittag hatte sie einen Karton voller Geschirr und Küchengeräte für den Sperrmüll zusammengestellt.
Sie dachte daran, wo Robert zu diesem Zeitpunkt wohl war, was er tat und ob es ihm gut ging. Überlegte kurz, ihn auf dem Handy anzurufen, verwarf den Gedanken aber. Schließlich holte sie das Fahrrad aus dem Keller und radelte in den Hafen, um nachzusehen, wie weit die Arbeiten am Hausboot gediehen waren.

publiziert am 09.09.12 in Einzelteile ¦ 711x gelesen ¦ noch kein Kommentar