Arm dran – Teil 4

Natürlich hatte der PR-Berater Frank Schreiner nicht nur den Chefredakteur des Boulevardblättchens informiert, sondern gleich alle Redaktionen der drei Tageszeitungen der Region angerufen. So waren gegen eins vier Autos unterwegs zum AMEK-Megastore in der Nähe der niederländischen Grenze, wo zu dieser Zeit ein unerwartetes Volksfest tobte. Auf der Bühne absolvierte eine Vorband die besten Rockhits der sechziger, siebziger und achtziger Jahre sowie das Beste von heute. An jeder Ecke des Parkplatzes schenkte man Freibier, Cola und Wasser aus, und auch die eilends georderten Würstchen und Burger fanden reißenden Absatz.

Dann war der Marktleiter an der Reihe. Strahlend kam er auf Greiper zu, der an einem Tapeziertisch saß, und sagte: „Das ist eine Party, was?“ Der Hauptkommissar sah ihn von unten herauf an, brummte etwas und veranlasste den AMEK-Mann mit einer Geste dazu, Platz zu nehmen. „Betrachten Sie dieses Gespräch nicht als Vernehmung, Sie waren ja gar nicht Augenzeuge des Fundes. Okay?“ Der Marktleiter grinste immer noch und nickte eifrig. „Wenn ich es richtig verstanden habe, dann besteht diese Kochtruppe hier zu etwa der Hälfte aus zukünftigen Mitarbeitern und zur anderen Hälfte aus Hilfskräften, die Ihnen ein Zeitarbeitsspezialist für Gastronomie zur Verfügung gestellt hat. Richtig?“ Wieder bestätigte der Mann mit einem Kopfnicken. „Das heißt, dass Sie von fünfzig Prozent derjenigen, die anwesend waren, die Personaldaten haben. Davon hätte ich gern Kopien. Um den Laden, der Ihnen die anderen Leute geschickt hat, kümmere ich mich selbst.“ Der Marktleiter kam aus dem Nicken gar nicht mehr heraus.

„Was ich von Ihnen gerne wüsste: Wer kann sich im Markt frei und unkontrolliert in den versteckten Treppenhäusern und Gängen bewegen?“ – „Äh, verstehe ich nicht,“ sagte der AMEK-Mann, „was hat das mit dem abgeschnittenen Fuß zu tun?“Greiper hob den Kopf, zog die Brauen ungeduldig zusammen und sagte: „Das will ich Ihnen gern erklären. Irgendwie muss das Teil ja in Ihr Kochzelt gekommen sein. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ist der eingeschweißte Fuß mit den Würstchen von außen hereingebracht worden, oder jemand hat ihn eingeschmuggelt nachdem die Lieferungen schon da waren. Um die erste Möglichkeit kümmern sich meine Kollegen. Ich versuche herauszufinden, ob wer wann eventuell hier vor Ort unterwegs war, um das Ding zu verstecken.“ – „Ja, gut, das ist klar. Sehen Sie“, begann der Leiter, „im gesamten Komplex gibt es mehrere Treppenhäuser…“ – „Weiß ich. Bin ja von einer freundlichen Mitarbeiterin schon durch die Geheimgänge geführt worden.“ – „Okay, ja, entschuldigen Sie. Es gibt nur zwei Zugänge von außen – einen auf dem Dach, der andere verbirgt sich hinter einer unscheinbaren Tür auf der Rückseite, also der Längsseite des Gebäudes, die parallel zur Bundesstraße verläuft. Im Inneren gibt es auf jeder Etage, vom zweiten Basement bis zum dritten Stock jeweils zwei Zugänge aus den Ausstellungs- und Verkaufsräumen. Der offizielle Eingang und der einzige, der nicht ständig abgeschlossen ist, führt direkt aus der Büroetage in das westliche Treppenhaus.“ – „Alle anderen Türen sind immer verschlossen?“ – „Ja, jedenfalls besteht die Anweisung an alle Schlüsselinhaber, nach jeder Durchquerung einer Tür hinter sich abzuschließen. Das wird auch von der Sicherheitszentrale kontrolliert; an den Monitoren kann man sehen, welche Türen nicht abgeschlossen sind.“ – „Apropos Schlüsselinhaber“, Greiper beugte sich ein wenig vor, „wie viele Schlüssel gibt es, und wer hat einen?“ – „Auch das ist ganz im Sinne der AMEK-Sicherheitsrichtlinien geregelt. Natürlich habe ich einen, den ich auch immer bei mir trage. Dann haben alle sieben Abteilungsleiter einen Schlüssel, die Security hat drei davon, und dann gibt es noch drei, die gegen Quittung von der Sicherheitsabteilung herausgegeben werden.“ – „Ja, danke, das wollte ich wissen. Vielen Dank und viel Erfolg weiterhin.“ Der Hauptkommissar reichte dem Marktleiter die Hand, worauf dieser etwas verwirrt reagierte und fragte: „Das war’s schon?“ – „Ja“, antwortete Greiper, „das war’s zunächst. Wenn ich weitere Informationen brauche, dann melde ich mich. Und wenn Sie irgendeine Idee haben, wie die Sache passiert sein könnte, rufen Sie mich einfach an. Greiper ist mein Name, die Kollegen im Präsidium wissen, wie Sie mich erreichen.“

***

Als die Nachricht von der gefundenen Hand bei Schaidlers Assistent eintrudelte und wenig später auch der Vice President Marketing Europe anrief und ihn über das erste Treffen und die Telefonkonferenz informierte, war dem jungen schönen Mann klar, dass er handeln musste. Sofort setzte er sich an den PC und schrieb eine Mail mit dem Betreff „Ungrün sind die Wälder“, wobei dieses Mal das Wort „Wälder“ aus der Liste der Codes stammte, an denen sein Chef erkennen konnte, dass die Nachricht wichtig war. Er schilderte die Ereignisse chronologisch und im Telegrammstil, bat um Anweisungen und schickte die verschlüsselte Mail ab. Kaum zwanzig Minuten später traf die Antwort ein. Die Betreffzeile lautete: „Viel Lärm um nichts“, und Schaidler hatte nur zwei Sätze geschrieben: „So lange die Medien nicht im Spiel sind, alles kein Problem. Halten Sie bitte den Felsheimer raus. Danke. Gruß SCH.“

Der zweite Satz beunruhigte den Assistenten ein wenig, war Johannes Felsheimer ja nicht nur der Rechtsberater des Unternehmens sondern ein guter Freund von Siegbert Schaidler, vielleicht sogar der beste. Wieso ausgerechnet der nicht in die Sache eingebunden werden sollte, wollte dem jungen Mann nicht einleuchten. Aber, dachte er sich, der Boss wird seine Gründe haben.

publiziert am 25.09.12 in Einzelteile ¦ 896x gelesen ¦ noch kein Kommentar