Noch ein schönes Verhör

Manchmal sind es kleine Zufälle, die einem Kripobeamten, der vorwiegend aus der Intuition heraus ermittelt, den Erfolg bescheren. Zum Beispiel dass ein plötzlich dringend Tatverdächtiger ohnehin in U-Haft sitzt. Wobei Greiper in er aktuellen Situation das Glück hatte, dass Ümit Karadoglu noch immer hinter Gittern wohnte, obwohl der Haftprüfungsantrag seines Anwalts positiv beschieden worden war. Aber in der hiesigen Justizvollzugsanstalt mahlten die Mühlen etwa in dem Tempo, in dem sich die Menschen zum Zeitpunkt ihrer Erbauung bewegt hatten. Dass nun Schmörgel, der auch nicht der Schnellsten einer war, so schnell einen Haftbefehl gegen Ümit erwirkt hatte, grenzte an ein Wunder. Jedenfalls konnte es der Hauptkommissar kaum fassen, dass er den möglichen Bombenzündern würde vernehmen können, ohne ihn zuvor zu jagen und zu stellen. Die Chance, dem Büdchenmann ein Geständnis zu entlocken, schätzte er selbst nicht besonders hoch ein, zumal ihn letztlich mehr interessierte, welches Motiv der Beihilfe möglicherweise zugrunde lag.

Allerdings hatte er sich selbst in die Pflicht genommen, beim Gespräch über seine massive Antipathie gegen den passionierten Hehler hinwegzusehen, ihn also zu behandeln wie jeden x-beliebigen Tatverdächtigen. Ein Vorsatz, den er beinahe sofort vergas, als er die Verhörzelle betrat, wo der untersetzte Typ missmutig auf dem altmodischen Bürostuhl hing und ihn feindselig anstarrte. „Guten Tag, Herr Karadoglu“, eröffnete er die Sache einigermaßen formvollendet, kam aber nicht weiter, weil ihm der Türkei ein geknurrtes „Fick dich!“ entgegenschleuderte. „Oh“, gab der Hauptkommissar zurück, „du willst es also ein bisschen härter. Kein Problem.“ Und warf dem Verdächtigen acht Ausdrucke vor, auf den der Zünder bei der Arbeit zu sehen war. „Und, was meinst du, wer das ist?“ Ümit schien geschockt. Ja, der Typ mit dem großen Warenangebot schnappte regelrecht nach Luft – und brach in nullkommanichts zusammen. „Ich wollt das nicht“, jammerte er, „die haben mich gezwungen, erpresst.“ Und schluchzte wie ein zehnjähriger Junge, den man beim Süßigkeitenklau im Kiosk erwischt hatte. Greiper konnte sich nicht recht entscheiden, ob ihn das Gebaren des Verhörten rührte oder mit Genugtuung erfüllte.
„Mit anderen Worten: Sie streiten die Tatbeteiligung nicht ab.“ Ümit nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Ja, nein, doch, das bin ich da auf den Fotos. Der Däne hat die Bombe hingestellt. Dann haben die mich auf dem Handy angerufen. Bin ich rübergegangen. Hab den Zünder scharf gemacht. Und weg.“ Der Hauptkommissar forderte ihn mit einer Handbewegung auf, weiterzureden. „Mehr nicht. War bei einem Freund. Hab da geschlafen. Bin erst am Morgen wieder zurück.“ – „Was mich wirklich interessiert“, setzte Greiper an, „ist, wer Sie erpresst hat und womit.“ Der Kioskbesitzer hing im Stuhl wie ein angeknockter Boxer in den Seilen. „Ist doch klar“, stöhnte er, „du weißt doch, warum ich hier bin.“ – „Es geht um die Waffen, die Sie in Ihrem Laden verkaufen. Richtig?“ Dem Mann schien nun egal, ob man ihn wegen Hehlerei und Waffenschieberei verknacken würde. Wegen Mordes wollte er nicht verurteilt werden, so viel war sicher. Greiper schob ihm ein Blatt Papier hin: „Da schreiben Sie alle Namen auf, die mit der Sache in Verbindung stehen. Das reicht für heute. Ich lasse Sie dann in Ihre Zelle bringen.“ Sein Gegenüber schreckte auf: „Wie? Kann ich nicht gehen? Haftprüfung war doch positiv…“ – „Tja“, sagte der Hauptkommissar mit einer Spur Schadenfreude, „es gibt einen neuen Haftbefehl auf Ihren Namen wegen der Beteiligung an Mord in mindestens fünf Fällen.“

Der wird auf eine Art Kronzeugengeschichte setzten, dachte Greiper, und alle Beteiligten verraten. Tatsächlich schrieb Ümit Karadoglu eifrig Name um Name aufs Papier. „Ach ja, falls bekannt auch Adressen, Telefonnummer, Mailadresse…“ Ganz unverhofft machte sich der Verhörte daran, in einigen Zeilen die gewünschten Daten zu ergänzen; er schien einige Angaben auswändig gelernt zu haben.

publiziert am 10.09.12 in Völkerwanderung ¦ 819x gelesen ¦ noch kein Kommentar