Arm dran – Teil 5

Das Wasser im Hafenbecken unter der ehemaligen Futtermittelfabrik lag an diesem unentschiedenen Tag unbewegt da wie eine graue Plastikfolie. Elle parkte das Rad an einem Verkehrsschild, das Autofahrer davor warnen sollte, versehentlich über die Böschung in den Fluss zu fahren. Sie ging die drei Schritte bis zu den Stufen im steinernen Deich und sah ihr zukünftiges Heim da unten liegen. Sie hatte Arbeiter erwartet, Scharen von fleißig vor sich hin werkenden Männern in Overalls und öligen Latzhosen, aber zumindest an Deck war kein Mensch. Da standen nur Farbeimer herum, eine geöffnete Blechkiste für Werkzeug, Taue und Planken und eine sinnlose Leiter. Elle betrat das schwankende Brett, das den Kahn mit dem Ufer verband, und machte einen großen Schritt an Deck. Das Schiff war vom Bug bis zum Heck dreiundzwanzig Meter lang und in der Mitte gut vier Meter breit. Die verschiebbaren Luken über dem Laderaum hatte man verschweißt und darüber drei gleich große Plattformen angebracht, die mit Terrassendielen belegt waren. Ins Inneren kam man über den Eingang zum ehemaligen Steuerhaus, das den Bewohnern als Küche und Wintergarten dienen sollte. Die Tür war nicht verschlossen, und sie betrat den Raum mit den großen Fenstern an allen vier Seiten. Die Einrichtung war bereits vollständig entfernt, aber an den metallenen Pfosten blühte noch der Rost. Sie hob das Luk an und kletterte abwärts in den Laderaum, der Robert und ihr demnächst Wohn- und Schlafraum sein sollte.

Auch hier war niemand. Überall lag Werkzeug herum, Material für den Ausbau, Reste der ehemaligen Einbauten und allerlei Kabel. Es war kühl hier, und durch die schmierigen Luken in der Seitenwand kam nur ein diffuses Licht. Elle war über eine Woche lang nicht auf der Baustelle gewesen, hatte jedoch angenommen, dass die notwendigen Arbeiten stetig vorangehen würden. Vielleicht, dachte sie, machen die Männer nur Pause, aber dann spürte sie, milde Panik aufsteigen. Was wenn sich der Umbauunternehmer davon gemacht hatte, wenn der pleite war, die Arbeiter nicht bezahlt hatte, sodass diese einfach abgehauen waren? Wie sollten sie das Hausboot dann in den verbleibenden sechs Wochen bezugsfertig werden? Der ganze Innenausbau war ja noch zu bewältigen. Sie sah im Bugraum nach, der das Badezimmer werden sollte. Das war wenigstens fast fertig. Den Boden hatten die Männer gefliest, die Wände frisch lackiert. Auch Badewanne, Dusche und Waschbecken waren ordnungsgemäß in-stalliert. Und in der winzigen Abseite stand das brandneue Toilettenbecken. Elle drehte an der Mischbatterie des Waschbeckens herum, um zu prüfte, ob auch der Wasseranschluss schon gelegt worden war. Tatsächlich kam ein dicker Strahl aus dem Hahn, und das Heizwassergerät sprang sogar an. Sie fand ein Tempotuch in der Hostentasche und weihte das Klo ein.

Irgendwas läuft hier ganz grundsätzlich schief, dachte sie, während sie auf der Brille saß und noch ein wenig sinnierte. Wenn die Götter gewollt hätten, dass Robert und ich hier gemeinsam einziehen, dann hätten sie schon dafür gesorgt, dass der Umbau reibungslos läuft. Als sie nach dem Abputzen den Kopf hob, blickte sie in das breite Grinsen eines großen Kerls, der in der Badezimmertür stand und auf den Absätzen wippte.

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„Ach, und noch was“, sagte Greiper im Hinausgehen zum Marktleiter, „sie sollten ihre Leute anweisen, nicht mit der Presse über den Vorfall zu sprechen. Das könnte denen als Behinderung polizeilicher Ermittlung ausgelegt werden. Und gut für die Firma wär’s wohl auch nicht, wenn morgen die Zeitungen voll von abgeschnittenen Körperteilen aus dem Hause AMEK wären.“ Aber da war es schon zu spät, denn der PR-Berater Schreiner war in Begleitung des ehrgeizigen Lokalredakteurs Meissler bereits in die Tiefgarage gefahren und auf dem Weg zum Aufzug, der ihn in die Führungsetage des neuen Megastores bringen würde. „Mahlzeit“, grüßte Greiper die beiden Herren, die ihm beim Aussteigen aus dem Aufzug begegneten. „Halt, Moment“, fügte er hinzu, „da bin ich ja im Tiefgeschoss gelandet. Nehmen Sie mich mit bis ins Erdgeschoss?“ – „Klar“, gab Schreiner zurück und drückte den Knopf. Man verabschiedete sich mit ge-genseitigem Kopfnicken. Greiper trat ins Freie, während die beiden anderen ihren Weg zum Leiter des Möbelhauses fortsetzten.

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Elle war nicht der Typ Frau, dem alles Mögliche peinlich ist, aber auf dem Klobecken hockend von einem Fremden beobachtet zu werden, das überstieg ihre Schamgrenze doch ein wenig. „Nein“, sagte der große Typ in der Tür, „ich bin kein Spanner, der sich darauf spezialisiert hat, pinkelnde Damen zu beobachten.“ Sein Grinsen wuchs in die Breite. Elle riss Slip und Hose hoch, ohne sich zu sortieren: „Was soll das?“ krächzte sie. „Keine Panik, Lady. Ist mir auch peinlich. Wollte dich wirklich nicht auf dem Pott erschrecken. Hatte nur gesehen, dass da jemand aufs Schiff gegangen ist und wollte mal nachgucken.“ Jetzt hatte Elle wieder eine kommunikationsfähige Haltung angenommen: „Ja, und wer sind Sie?“ Der Mann streckte ihr die Hand entgegen, und Elle zögerte, weil sie noch nicht zum Händewaschen gekommen war. Also grüßte sie mit einem Kopfnicken. „Philipp, nenn mich Phil, das machen alle so. Und du?“ – „Ich bin die neue Mieterin.“ – „So, so. Und einen Namen hast du auch?“ Sie wischte sich die Rechte an der Hose ab, schlug ein und sagte: „Elke Hülchenrath. Meine Freunde sagen Elle.“ – „Hi, Elle. Wie geht’s?“ Er stand immer noch im Türrahmen und machte auch nicht Platz als Elle versuchte, in den großen Raum überzuwechseln. „Oh, ‘tschuldigung“, sagte er mit einladender Geste und machte den Weg frei. Dann standen sie im Schiffsbauch und schwiegen verlegen. „Ich bin hier der Bauleiter für die Holzarbeiten.“ – „Interessant. Und von wo aus hast du mich ausspioniert?“ – „Ich wohn da oben auf der Böschung in dem Zelt. Saß gerade davor, baute mir ne Tüte und wollte ein bisschen Wasser gucken.“ – „Wenn du der Bauleiter bist, wo sind dann die Handwerker?“ – „Tja, das ist eine blöde Geschichte.“ – „Ja, den Eindruck hab ich auch. Ich komm vorbei um zu sehen wie es vorangeht. Nix ist vorangegangen. Keiner da. Und in sechs Wochen wollen wir einziehen. Dazwischen ist blöderweise auch noch Weihnachten.“ – „Sagen wir mal so: Der Saadr, also der Bauherr, der musste sich von einigen Mitarbeitern trennen. Es war da zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Kurz gesagt: Diese so genannten Arbeiter haben geklaut wie die Raben. Da hat er sie rausgeschmissen. Aber für Montag ist ne neue Truppe im Anmarsch. Polen, hauptsächlich. Auf die ist Verlass.“ – „Na, da bin ich ja beruhigt. Ich werd dann mal wieder…“ – „Oh, ich wollte auch gerade in die Stadt. Sollen wir zusammen radeln? Und ir-gendwo einen Kaffee trinken?“ Ihr gefiel der Kerl. Ja, Elle fand ihn einigermaßen attraktiv und halbwegs charmant. Und was sprach schon dagegen, mit einem gut aussehenden Mann mit ordentlichen Manieren einen Kaffee zu nehmen? Er holte sein Rad hinter dem Zelt hervor, und sie fuhren nebeneinander her über den Deich in die Stadt.

publiziert am 04.10.12 in Einzelteile ¦ 752x gelesen ¦ noch kein Kommentar