Königskinder 09

Und während sich Felsheimer immer mehr in die bunte Welt der Prominenz hineinzwängte und darüber die Kanzlei vernachlässigte, übernahm Ronny das Regiment, spezialisierte sich auf Medienrecht und Abmahnungen, was für in kurzer Zeit zu einem unerwarteten betriebswirtschaftlichen Erfolg führte. Da Jojo immer noch bestenfalls als B-Promi durchging und entsprechend geringe Honorare für seine Fernsehauftritte bezog, ernährte ihn sein Freund mehr oder weniger mit. Zumal der seine persönlichen Einnahmen lieber in teure Kleidung, Uhren, Luxusurlaube und seine Autos steckte. Mittlerweile hatte er seine erste gebrauchte Corvette gegen ein flammneues Exemplar dieser Marke getauscht und einen schweren Geländewagen dazu in die Garage gestellt. Ronny hielt das Geld dagegen zusammen und sparte am liebsten beim Personal, sodass über Jahre nur Praktikanten und Aushilfen in den überdimensionierten Büroräumen, die natürlich Felsheimer ausgewählt hatte, herum wuselten und niedere Dienste taten. Ronald Horben hatte inzwischen so etwas wie ein eigenes Sozialleben entwickelt, das konkret aus der Teilnahme am vierteljährlich stattfindenden Juristenstammtisch bestand. Und dort begegnete er eines Tages einem blutjungen Anwalt.

Der junge Anwalt stellt sich als Raffael Weilch vor, und Ronny war sofort ent-flammt. Nicht nur, dass Raffael aussah wie ein Engel, beeindruckte ihn. Der Jüngling war charmant, klug und witzig und strahlte eine solche umfassende Liebe aus, dass es nur schwer vorstellbar war, er könne in seiner Eigenschaft als Advokat das juristische Schwert schwingen. Es stellte sich heraus, dass RA Weilch auf der Suche nach einer Anstellung war. Ronny engagierte ihn, ohne Jojo zu fragen. Aber der ließ sich ohnehin selten in der Kanzlei blicken und interessierte sich nicht weiter für die Helfer, die in den Räumen irgendwelchen Kram erledigten. Ronald Horben aber beschloss, den jungen Raffael zu einem erfolgreichen Anwalt zu formen und sein väterlicher Freund zu sein.

Raffael erwies sich als Naturtalent in vieler Hinsicht. In der Kanzlei legte er eine schnelle Auffassungsgabe an den Tag, die – gepaart mit tadellosen Um-gangsformen – nach wenigen Monaten eine Reihe interessanter neuer Mandate einbrachte, denn er bewegte sich in der besseren Gesellschaft wie ein Maulwurf unter dem Rasen. Das hieß auch, dass Ronny von der lästigen Pflicht, für Auftragsnachschub zu sorgen, weitestgehend entbunden war. Sein Schützling wurde nicht müde, mehrmals wöchentlich Opern- und Theateraufführungen zu besuchen oder an Wohltätigkeitsgalas teilzunehmen und in den Salons der reichen alten Damen juristische Referate zu halten.
Und jedes Mal, wenn Ronny den jungen Kollegen beim Aktenstudium beobachtete, wurde ihm ganz warm ums Herz, und in stillen Stunden malte er sich aus, wie es wäre, wenn Raffael und er ein Liebespaar würden. Aber dann wurde ihm auch immer schnell klar, dass seine Phantasien in dieser Hinsicht immer Phantasien bleiben würden und es ihm nicht gut täte, weiter darüber nachzudenken.

publiziert am 28.10.12 in Einzelteile ¦ 855x gelesen ¦ noch kein Kommentar