Arm dran – Teil 7

Lediglich der aufstrebende Meissler hatte sich rechtzeitig verdrückt, war zu Fuß in den Ort gegangen und hatte sogar ein Taxi erwischt, das ihn zurück in die Stadt und dort in die Redaktion gebracht hatte. Natürlich war er sofort ins Büro des Chefredakteurs gestürmt und hatte diesen von den Vorgängen in Bracht unterrichtet; nicht ohne darauf hinzuweisen, dass ihr Blatt quasi exklusiv berichten könne, denn ob die Kollegen den Redaktionsschluss noch erreichen würden, das sei ungewiss. Daraufhin hatte sein Vorgesetzter, der gleichzeitig sein Mentor war, ihn lange angesehen, schließlich die Brille abgenommen und mit einem Seufzer gesagt: „Ach, Meissler, Sie müssen noch viel lernen. Ist Ihnen bewusst, dass die Firma AMEK, gerechnet nach Honoraraufkommen, unser drittgrößer Anzeigenkunde ist? Ist Ihnen klar, dass das Unternehmen so für rund gerechnet ein Fünftel Ihres Gehalts steht? Vielleicht sind Sie nicht darüber informiert, dass der morgigen Ausgabe ein achtseitiger Farbprospekt des Megastores beiliegt, für den der Verlag einen recht hohen sechsstelligen Betrag einnimmt. Nun stellen Sie sich doch einfach einmal in die Schuhe des verantwortlichen Marketingdirektors bei AMEK – übrigens ein sehr netter Mensch, mit dem ich schon den einen oder anderen Golfball geschlagen habe. Was würden Sie von einer Zeitung halten, deren Redakteure unverantwortlich genug sind“, dabei hob er die Stimme, „aus lauter Sensationsgier einen der wichtigsten Kunden ins Gerede zu bringen, so dessen Image zu beschädigen und damit negativ Einfluss auf den Geschäftserfolg zu nehmen?“ Meissler galt nicht zu Unrecht als ziemlich schlau.

Er verstand. Er nickte und war innerlich doch sehr enttäuscht, dass ihm diese fulminante Story entgehen würde. „Sehen Sie, mein lieber junger Freund, am Montag werden die anderen die Sache auch im Blatt haben. Da sind wir dann nur eine Zeitung von vielen. Wenn uns die AMEK dann Vorwürfe machen würde, könnten wir immer noch sagen, es sei Chronistenpflicht gewesen, auch zu berichten. Außerdem, „der Chefredakteur hatte seine schwere Brille wieder aufgesetzt, „fände ich es auch in Ihrem Sinne viel besser, wir könnten in der Montagsausgabe nicht nur das Sensatiönchen präsentieren, sondern auch die Hintergründe beleuchten. Was meinen Sie, so ein Exklusivinterview mit dem AMEK-Boss wäre doch was für Sie, oder? Hier haben Sie die Nummer des Marketingchefs. Rufen Sie Ihn an, grüßen Sie Ihn schön von mir, erklären Sie unsere Situation und dann bitten Sie um einen Termin mit Siegbert Schaidler.“ Meissler gefiel die Idee. Er nahm den Zettel mit der Telefonnummer entgegen und eilte an seinen Tisch im Newsroom, in dem siebzehn von zwanzig Plätzen am diesem späten Freitagnachmittag schon verwaist waren. Ja, dachte er, ein Exklusivinterview mit dem medienscheuen Schaidler, das wäre was.

***

Angesichts des milden Wetters hatten Elle und ihr Begleiter sich für eines der Promenadencafés entschieden. Sie hatten beide Milchkaffe bestellt und saßen vor den dampfenden Tassen, ohne so recht zu wissen, worüber sie reden sollten. „Zimmermann bist du?“ begann Elle, „So richtig am Bau?“ Phil nahm einen Schluck, lächelte und sagte dann: „Ja, so richtig. Aber eigentlich arbeite ich selten am Bau. Hab mich auf das Innere spezialisiert. Internist, so zu sagen.“ – „Aber Zimmermänner bauen doch Dächer und ganze Häuser.“ – „Hab nicht nur Zimmermann gelernt, sondern auch Möbeltischler. War immer schon in Holz vernarrt.“ Ganz schön kantiges Kinn hat der, dachte Elle. Und eine ziemlich wirre Frisur, als ob er gerade erst aus dem Bett gekommen wäre. Phil kratzte mit dem Daumen seine stoppelige Oberlippe: „Könnte jetzt ne Geschichte erfinden, von nem Opa, der mich drauf gebracht hat. Oder dass ich als Kind immer im Wald gespielt und dauernd was geschnitzt hätte. War aber nicht so.“ Er beobachtete sie erwartungsvoll und hoffte auf ihre Nachfrage. Elle lächelte gleichbleibend und schwieg. Komische Haarfarbe, dachte sie, wie ein Rauhaardackel. Und die Augen, hellgrau wie das Licht an einem diesigen Herbstmorgen.

„Eigentlich gab’s keinen speziellen Grund. Hab die Schule in der Elften geschmissen und wollte unbedingt eine Lehre machen. Ein guter Freund lernte Zimmermann, und da dachte ich, schön. Wo ich doch immer einen Faible für Holz hatte.“ Er lachte ein wenig unmotiviert und trank noch einen Schluck. „Ich mag Holz als Material auch sehr“, sagte Elle und strich sich eine imaginäre Strähne hinters Ohr. „Besonders bei Möbeln. Ich finde immer, dass es ein Frevel ist, schön gemasertes Holz zu lackieren.“ Phil nickte zustimmend. „Meine Güte, was habe ich schon Schränke abgebeizt. Es müssen Dutzende gewesen sein. Ich war in meinem Freundeskreis schon richtig verschrien dafür. Hey, du stinkst nach Beize, sagte meine beste Freundin immer, neue Antiquität im Haus?“ – „Du bist also auch handwerklich begabt?“ versuchte Phil die Konversation in eine andere Richtung zu lenken. „Nicht wirklich. Eher so die Frau fürs Grobe. Schon mal ne Mauer umnieten oder ‘nen Fußboden rausreißen…“ – „Und was machst du sonst so außer Abbeizen und Steineklopfen?“ Diese Frage hatte Elle gefürchtet. Immer wenn ein Mann eine Frau fragt, was sie denn so macht, bereitet er damit nur einen Sermon über seinen Job und vor allem den Erfolg darin vor. „Ernährungsberatung. Auf hohem Niveau…“ Sie lachte verlegen und nippte am Milchschaum. „Ich kann nicht kochen“, sagte Phil mit einem Grinsen, „aber prima essen.“

Sie grinste zurück. Der Kerl gefiel ihr. Er gefiel ihr sogar sehr. Nur nichts anmerken lassen, dachte sie. Aber da hatte er auch schon ihren Unterarm berührt, den sie auf dem Tisch abgelegt hatte. „Apropos Essen: Wo nehmen wir das gemeinsame Abendessen?“ – „Keine Ahnung, mit wem du dein gemeinsames Abendessen einnimmst. Ich für meinen Teil werde es gemeinsam mit dem Typ einnehmen, mit dem ich in knapp sechs Wochen gemeinsam den Kahn beziehen werde.“ Er lehnte sich im Stuhl zurück und gab ein schallendes Lachen von sich, das die Blicke der anderen Gäste anzog. „Du bist klasse, Lady. Echt klasse. Besser hättest du nicht kontern können. Geht in Ordnung. Prima. War ja auch nur ein Versuch.“ Ihr kam das nicht wie ein Rückzug vor. Eher wie ein Aufschub. Und in diesem Moment wusste sie, dass sie diesen Phil noch öfters sehen würde. Ja, dass sie ganz sicher einmal ein gemeinsames Abendessen mit ihm einnehmen würde.

publiziert am 16.11.12 in Einzelteile ¦ 1015x gelesen ¦ noch kein Kommentar