Ocho klärt auf

„Ich sagte: unauffällig“, begrüßte Greiper den Sprecher Bande vom Platz, der in der Tür stand. Ocho trug nun schwarz. Schwarze Sneakers, bei denen das helle Markenzeichen mit schwarzem Edding gefärbt war, eine tiefschwarze Trainingshose vom gleichen Hersteller, bei denen jemand die Seitenstreifen fein säzberlich abgetrennt hatte, einen schwarzen Hoodie, der ihm mindestens drei Nummern zu groß war, eine schwarze Strickmütze und eine Sonnenbrille, deren Gläser so schwarz waren, dass sich der Hauptkommissar fragte, ob der Aussagewillige überhaupt etwas sehen konnte. Jedenfalls konnte man den Aufzug des Sohn eins Ghanaers und einer Deutschnorwegerin nicht als unauffällig betrachten. „Nun komm rein.“ Ocho nahm die Brille ab und benutzte die Fußmatte an der Wohnungstür mit erstaunlicher Ausdauer. „Rein jetzt“, wiederholte Greiper. Dieses Mal mit Erfolg. Der junge Mann schritt an ihm vorbei und inspizierte die Wohnung mit der Systematik eines Mietinteressenten. „Gute Bude“, gab er zuletzt zu Protokoll, während der die Mütze abtreifte und sich aus dem Kapuzenpulli befreite.

„Was trinken?“ Ocho nickte: „Aber kein Alkohol.“ – „Bist du jetzt Moslem?“ fragte der Hausherr. „Nein, Rastafari. Darf ich rauchen?“ Greiper nickte: „Aber kein Gras in diesen Räumen, ich krieg von dem Dampf Kopfschmerzen. Der junge Mann steckte den Beutel mit dem Cannabis wieder ein. „Kaffee oder Tee?“ fragte der Hauptkommissar, und Ocho nickte. Sie gingen zusammen in die Küche. Während der Ältere an der komplizierten Kaffeemaschine herummachte, sagte sein Gast: „Ganz schön in die Hose gegangen, der Fall, was?“ Vermutlich grinste er dabei, aber das konnte Greiper nicht sehen. „Wär einfacher gewesen, wenn dein Vater nicht diesen Cooka Jones erfunden hätte.“ Er spürte Ochos Hand auf der Schulter: „Was heißt ‚erfunden‘?“ – „Na ja, dein Alter hat irgendwann zugegeben, dass es diesen omniösen Burschen gar nicht gibt.“ – „Moment, natürlich gibt’s den Blödmann. Der ist sogar mal wieder hier aufgetaucht. So vor drei, vier Tagen. Ist um den Laden vom Pappa rumgeschlichen, hat sich aber nicht reingetraut. Haben wir alle gesehen.“

Der Hauptkommissar vergass den Kaffee, griff Ocho am Arm und zog ihn ins Wohnzimmer. „Hinsetzen! Erzählen.“ Der schlanke Kerl mit der Hautfarbe, die Mädels dahinschmelzen ließ wie Eis in der Sonne, gehorchte. „Kaffee gibt’s später.“ Und unternahm nicht dagegen, dass sich der Typ nun doch eine kleine Zigarette drehte und entzündete.
„Mein Vater liebt mich, aber er vertraut mir nicht. Hält mich für faul und glaubt, ich würde irgendwie auf kriminelle Art Geld verdienen. Dabei konzentrier ich mich total auf die Schule. Er wollte ja, das ich die drangebe und bei ihm arbeite. Wollt ich nicht. Jetzt verbreitet er Scheiße über mich. Hat sogar rumerzählt, ich hätte was mit der Bombe zu tun. Mein Vater! Verstehen Sie?“ Greiper nickte. „Dabei ist es sein alter Kumpel Cooka Jones gewesen, der diesem blöden Dänen gesteckt hat, was in der Bar lief, sodass der den ganzen Laden hochgehen ließ.“ Der Kripomann hob Ocho beide Handflächen entgegen: „Halt mal. Tun wir so, als wüsstest du alles über die Tat und ihre Hintergründe. Erzähl also mal in einer nachvollziehbaren Reihenfolge, was passiert ist.“ – „Kann ich machen. Aber rückwärts, okay?“ Er erntete Zustimmung. „Sie werden ja über den beschissenen Hinz wissen, wie das in der Nacht abgelaufen ist. Der Däne hat sich von seinem Chauffeur hinbringen lassen und hat die Bombe in den Eingang gestellt. Ne Stunde später ist der Ümit-Arsch aus seinem Haus gekommen, hat den Zünder angeschlossen und scharfgemacht. Wieder ne Stunde später hat’s Puff gemacht. Das halbe Haus ist weg, und in der Bar finden sich drei tote Frauen. Mutter, Tochter, Nichte. Aus Bulgarien, Nutten, die den Typen im Hinterzimmer der Bar gegen Kohle einen geblasen oder den Arsch hingehalten haben. Tochter vierzehn oder fünfzehn, die Nicht mindestens ein Jahr jünger. War der Hit für diese ganzen Kinderficker. Jede Nacht Hochbetrieb. Der Hinz kriegt das spitz und erpresst diese verfickten Kurden, die den Laden schmeißen: Freificken gegen Schnauzehalten.“

Ocho stieß zwischen den Sätzen gewaltige Dampfwolken aus, und Greiper spürte, dass er langsam ein leicht benebeltes Gefühl entwickelte. Also stand er auf und riss die Schiebetür zur Terrasse auf, um dem Kopfschmerz vorzubeugen. „Lass mich was dazwischenfragen.“ Der Typ mit dem Joint nickte bedächtig. „Hatte Møre Åkelomme eine Ahnung, was in der Bar ablief?“ Ocho lachte kurz: „Türlich nich. Der dachte ja, die beiden machen da bisschen Shisha und Softdrinks für die Islamisten im Viertel als Tarnung und organisieren nebenbei dieses Designer-Drogen-Ding. Dafür hatten ja die Bosse von dem Dänen die Kohle rausgetan. Der Kawa und der Asan, die hielten sich für schlauer und haben mit dieser speziellen Nuttensache nebenbei Kohle gemacht. Hat der Ümit dem Dänen gesteckt. Da hieß es: Die beiden Arschlöcher liquidieren und die Spuren vernichten. Schätze, der wusste nicht, dass die drei Frauen da drin waren als die Bar in die Luft flog…“

publiziert am 21.11.12 in Völkerwanderung ¦ 1303x gelesen ¦ noch kein Kommentar