Arm dran – Teil 8

Hauptkommissar Greiper sah sich genötigt, noch intensiver über das Verpacken von Lebensmitteln in vakuumversiegelten Plastikbeuteln nachzudenken. Er hatte vor Jahren auf einem Verkaufskanal im Fernsehen so ein Gerät gesehen, das man Hausfrauen aufschwatzen wollte. Der Moderator hatte sich begeistert darüber, dass man mit dem Vaccumate fast alles frisch halten könnte, ohne es einfrieren zu müssen. Dann hatte er riesige Fleischbrocken eingeschweißt, später geputztes Gemüse und dann ganze Mahlzeiten. Als er schließlich auch Socken und Unterhosen vakuumierte, hatte Greiper einen appetitlicheren Kanal angesteuert. Das Prinzip war ihm klar. Man stopft das frisch zu haltende Gut in eine Tüte. Dann legt man die in das Gerät ein und drückt eine Taste. Die eingebaute Pumpe saugt die enthaltene Luft heraus, und am Ende wird die Nahtschnittstelle über einen Heizdraht zu geschweißt. So weit er sich erinnerte, musste man keine speziellen Beutel nehmen, sie mussten nur dicht genug sein. Natürlich würde das Vakuum dafür sorgen, dass die in der Luft enthaltenen Bakterien nicht am Eingeschweißten ihr Unwesen treiben könnten. Vermutlich würde so auch die Luftfeuchtigkeit ferngehalten. Wenn die Leichenteile also ganz frisch nach dem Abtrennen verpackt werden, dann müssten sie sich beim Öffnen genau in dem Zustand wie beim Vakuumisieren befinden. Er griff das Telefon und rief erneut in der Forensik an.

Dieses Mal war Ulf, das Faktotum der Abteilung, am Apparat, ein spitzgesichtiger Mann unbestimmten Alters, den sie alle nur die Laborratte nannten. „Ulf, du altes Nagetier, wie schön, dich zu sprechen. Sag mal, von den Akademikern ist keiner mehr da. Ja, hab ich mir gedacht. Du hast doch die Sache mit den Vakuumbeuteln mitgekriegt. Fein. Weißt du, wo die sind? Schön. Dann tu mir doch den Gefallen, den Satz Ohren zu holen, der am Mittwoch eingeliefert wurde. Prima. Rufst du mich dann zurück. Okay, bis gleich.“ Vielleicht könnte man anhand des Tempos des Verfalls genauer feststellen, wann der Spender der Teile wirklich zu Tode gekommen war.

Aber das war nur die eine Baustelle, an der Greiper gleichzeitig werkelte. Eine andere Frage beschäftigte ihn mindestens im selben Maße. Wie hatte es der Täter geschafft, die Leichenstücke unbemerkt in die AMEK-Filialen zu schleusen. Die Aussagen der Frau im Megastore ließen ihn annehmen, dass nur eine Person mit annähernd unbeschränktem Zugang zu den für Kunden nicht vorgesehenen Räumen dazu in der Lage sein könnte. Da der Täter seine Aktion aber an mehreren Orten ausgeführt hatte, schieden die Mitarbeiter der einzelnen Filialen aus. Man müsste, dachte der Hauptkommissar, bei den Personen ansetzen, die jederzeit zu jeder Filiale Zutritt haben und nicht sonderlich auffallen, wenn sie sich dort herumtreiben. Das könnte, folgerte er, auf Lieferfahrer zutreffen, aber vor allem auf AMEK-Angestellte der Deutschlandzentrale oder gar des Hauptquartiers in Österreich. Er musste sich am Montag unbedingt eine Liste dieser Leute besorgen, so viel war klar.
Die Dunkelheit hatte sich angeschlichen, und Greiper fror ein bisschen auf seinem Terrassenstuhl. Er wechselte in die Küche, nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und leerte sie in einem langen Zug. Gleich würde Elle kommen und für ihn kochen. Und damit wäre das Wochenende eingeläutet.

***

Felsheimer tobte: „Verklagen! Wir werden dieses dreckige Arschloch verklagen! Was fragst du mich da erst? Ich lass mich doch nicht von so einem Schmierfinken öffentlich als schwul bezeichnen. Ist mir egal, dass das bloß auf irgendeiner Website steht, die kein Mensch kennt. Der kriegt ne Abmahnung, dass ihm die Tränen kommen, Streitwert mindestens 100.000 Euro! Mindestens!“ Seine fahle Gesichtshaut trug unregelmäßige Zornesflecken, die Adern an den Schläfen seines kahlen Schädels waren angeschwollen, und er stierte den jungen Mitarbeiter namens Raffael Weilch aus stahlharten Augen an: „Da hättest du Null auch selbst drauf kommen können. Wofür bezahle ich dich eigentlich? Fürs Bürostuhlvollfurzen?“ Der Frischling unter den Advokaten hockte auf dem Stuhl vor Felsheimers Schreibtisch und wippte auf den Absätzen. „Aber…“, begann er, doch sein Chef schnitt ihm das Wort ab. „Hör bloß auf. Und kannst du es bitte unterlassen, diese bescheuerten gelben Schuhe zu tragen? Ich krieg ne Allergie, wenn ich diese schwulen Treter sehe.“

Schweigen breitete sich im Eckbüro aus, dass sich Felsheimer gesichert hatte, nachdem sie die halbe Etage im siebzehnten Stück des Bürohochhauses am Hafen bezogen hatten. Er hatte sich abgewendet und sah hinab auf das Panorama der Promenade am Fluss. Jedes Mal bestätigte ihn dieser Ausblick in der Erkenntnis, er habe es geschafft. Er habe es ganz allein geschafft, erfolgreich zu sein und – je nach dem angelegten Maßstab – sogar vermögend. Die Kanzlei lebte zwar im Wesentlichen von dem einen großen Klienten, das aber nicht schlecht. Zudem hatte er kräftig auf die Kostenbremse getreten, sodass der Laden mit nur zwei Anwaltsgehilfinnen prächtig lief. Natürlich war die hohe Gewinnspanne auch der Tatsache geschuldet, dass sein Jugendfreund und Kompganon Ronald Horben sechs Tage die Woche mindestens je zehn Stunden arbeitete. Aber, dachte Felsheimer, was soll der olle Ronny auch sonst tun, wo er doch weder Freunde, noch Hobbies hat?
„Okay,“ sagte Rechtsanwalt Weilch, „ich setz gleich was auf. Haben Sie am Montag in der Unterschriftenmappe.“ Er schwieg einen Moment. „Sagen Sie mal, Chef…“ – „Nenn mich nicht Chef! Ich heiße Johannes B. Felsheimer und wünsche auch von dir mit meinem richtigen Namen als Herr Felsheimer angesprochen zu werden.“ – „Ja, Sie haben Recht, Herr Felsheimer. Ich wollte nur fragen, wann Sie mich denn mal mitnehmen zum Fernsehen, hatten Sie ja mal versprochen…“ – „Da musst du dich aber ganz hinten in der Schlange anstellen. Was meinst du, wie viele Leute gern mit mir ins Studio möchten. Ehrlich gesagt, sind die meisten anderen Angebote wesentlich attraktiver als die Aussicht mit dir irgendwo aufzulaufen.“ Raffael Weilch schlich aus dem Chefbüro, verkroch sich in seinem Arbeitsraum und setzte die gewünschten anwaltlichen Schreiben auf.

publiziert am 22.12.12 in Einzelteile ¦ 1142x gelesen ¦ noch kein Kommentar