Zur dicken Mutti

dicke_muttiDenkt euch ein Viertel in der Stadt mit normalen Leuten. Stellt euch eine Kreuzung vor zwischen einer breiten und einer schmalen Straße. Dann erfindet eine Eckkneipe. Das könnte das Gasthaus „Zur dicken Mutti“ sein. Natürlich heißt die Wirtschaft ganz anders, „Zur Post“ oder „Bei Heidi“ oder so, aber die Stammgäste sagen immer nur: „Ich geh zur dicken Mutti“. Dabei kann man Hildegard nicht wirklich dick nennen. Gut, sie hat ziemlich kräftige Oberarme. Das käme davon, sagt sie, dass sie als junges Mädchen Leistungsschwimmerin gewesen sei. Es fällt schwer, sich die Hilde – so dürfen nur die allerliebsten Tresenhocker sie nennen – als Delfin in einem chlorigen Becken vorzustellen. Allein schon wegen der Frisur. Aus irgendeinem Grund hat sie sich für den Look der frühen sechziger Jahre entschieden. Also für eine Wasserwelle, die mit vielen Zutaten in reinen Beton verwandelt wird. Einige Gäste würden einiges darum geben, einmal morgens neben ihr im Bett zu erwachen. Nur um zu sehen, wie ihre Haare dann aussehen. Nach allem was ich weiß ist Hildegard auch keine Mutti. Sie spricht ja nur wenig über sich selbst, der Verweis auf ihre sportliche Vergangenheit ist da die Ausnahme.

Wobei ohnehin niemand von den Kerlen, die da täglich oder mindestens dreimal die Woche auflaufen, einen Schimmer hat, wie alt sie ist. Keiner kennt ihr Geburtstdatum, und alle Fragen danach prallen an ihr ab wie an einer Panzerglasscheibe. Hildegard ist die perfekte Eckkneipenwirtin. Sie hat den Laden im Griff und setzt auf Speisen und Getränke wie sie Männer mögen, denen eine solche Gastwirtschaft zweites oder erstes Wohnzimmer ist. Das wissen besonders die älteren Semester zu schätzen, die späten Singles und frühen Witwer, denen niemand mehr das Essen kocht. Fünf Euro nimmt sie mittags für das Stammessen, das kann sich fast jeder leisten, zumal die Gerichte reichlich und nahrhaft ausfallen. Und wer könnte sich schon von 100 Euro im Monat mit warmen Mahlzeiten versorgen?

Das Publikum bei der dicken Mutti ist erstaunlich stabil. Ab und an entdecken irgendwelche jugendlichen Schnösel den Laden für sich, fallen grundsätzlich im Rudel ein. Wedeln mit Smartphones und Tabletcomputer umher und bestellen Sachen, die Hildegard nicht im Programm hat. Zuerst murren sie, und nach ein paar vergeblichen Versuchen, angesagte Getränke zu erzwingen, bleiben sie wieder weg. Dann habe alle Gäste und die Wirtin ihre Ruhe. Das Bier fließt wie gewohnt, und ab und an bestellt jemand eine der fünf verschiedenen Spirituosensorten dazu. Frikadellen sind immer vorhanden, die macht Hilde selbst. Gewürzgurken finden sich in einem riesigen Glas auf der Theke, und bis vor Kurzem wurden auch Soleier angeboten.
Eigentlich müsste die Eckkneipe irgendwann pleite gehen, denn natürlich sterben der dicken Mutti die Stammgäste nach und nach weg. Aber bevor sie das letzte Bier gezischt haben, sorgen sie für Nachwuchs. Meist sind es die erwachsen gewordenen Söhne, Neffen oder gar Enkel, die den Vater, Onkel oder Opa mal begleitet und Gefallen an der Atmosphäre bei Hildegard gefunden haben. Und natürlich sorgen die Kegelclubs und die Brauchtumsvereine für einen kontinuierlichen Strom an Umsatz.

Wenn ich mich recht erinnere, bin ich vor etwa fünfzehn Jahren zum ersten Mal bei der dicken Mutti gewesen. Den ersten Abend dort werde ich nicht vergessen. Barbara hatte mich endgültig rausgeschmissen, und weil ich den Bus verpasst hatte, flüchtete ich für die halbe Stunde Wartezeit in die einzige Kneipe, die geöffnet hatte. Einerseits war ich froh, dieses hässliche Viertel nicht mehr sehen zu müssen, andererseits erfüllte mich große Trauer angesichts der Aussicht, nie wieder mit dieser wunderbaren Frau zu vögeln. Wenn man in der kälteren Jahreszeit den Gastraum betreten will, muss man die Tür zum Windfang öffnen und dann zwei schwere, rotbraune Vorhänge auseinanderdrücken, um hinein zu gelangen. Dann ist es, als würde man aus einem Farbfilm aussteigen und einen alten Schwarzweißstreifen betreten, der in Sepiatöne schimmert. Bei Hildegard ist alles braun. Die Wände sind durchweg mit abgeschabten Paneelen bis auf gut zwei Meter Höhe verkleidet, darüber ist das ehemalige Weiß von Millionen Tonnen Zigarettenqualm verfärbt. Der Steinholzboden zeigt ein stumpfes Rot, und die Lampen im altdeutschen Stil, die tief über den Tischen hängen, verbreiten ein Licht, das zwischen Beige und Blassgelb changiert. Die Wirtin selbst trägt dazu gerne ärmellose Kleider in Schwarz, Grau und Tönen, die am ehesten Umbra genannt werden können.

Nie wird man direkt begrüßt. Hildegard erlaubt es jedem Neuankömmling, sich erst einmal zu sortieren, den Raum in sich aufzunehmen, einen Platz zu finden und den Gedanken über die Bestellung zu Ende zu denken. Manche Neulinge empfinden das als unhöflich, aber wer sich daran gewöhnt und den Sinn dieser scheinbaren Unfreundlichkeit begriffen hat, ist dankbar. In jener Nacht war ich sehr dankbar dafür, dass ich ignoriert wurde. Ich hatte eine schlimme Schramme von den Klauen Barbaras auf der Stirn, wohl auch ein blaues Augen und einen kleinen Cut an der rechten Braue, weil dieses wunderbare Weib mir zwei Schwinger mit der rechten und der linken Faust verpasst hatte. Außerdem hatte ich mehr als eine Woche nicht geduscht und mehrere Nächte in meinen Sachen geschlafen. Ich fand einen geschützten Platz am schmalem Ende des Tresens, direkt neben der Tür zu den Klos und unter dem Foto des Schützenkönigspaars von 1962.
Hildegard nahm sich vier, fünf Minuten Zeit, sich mir zuzuwenden. Und dass obwohl außer mir nur noch drei Herren, mit weitestmöglichem Abstand im Raum verteilt waren. Sie arbeitete sich heran. Schrittweise bewegte sie sich vom Zapfhahn zum Spülbecken, dann zum Regal mit den kleinen Speisen, um schließlich mit einem kleinen Zwischenstopp beim Weihnachtssterngedeck, das fünf Wochen nach dem Christfest etwas deplaziert wirkte, bei mir zu landen. „Und?“ fragte sie, und ich war mir nicht ganz klar darüber, ob sie meine Bestellung aufnehmen, sich nach meinen Verletzungen erkundigen oder eine beliebige Begrüßung abfragen wollte.
Ich orderte ein großes Pils und einen dreifachen Weinbrand. Sie nickte kurz und machte sich mit bewährten Bewegungen daran, das Bier zu zapfen und den Schnaps in ein Wasserglas zu füllen. Dann waren die Getränke bereit, und sie lieferte. Ich setzte den Becher mit der Spirituose an und sah aus den Augenwinkeln, dass sie mich musterte. „Geh mal auf Klo, da kannste dein Gesicht renovieren. Ich bring dir das Zeug.“ Ein Widerwort schien sinnlos, also folgte ich dem Befehl, während Hildegard den Sanitärbereich offensichtlich durch die Räume mit dem Privat-Schild an der Tür ansteuerte. Da stand ich inmitten einer Wüste aus gelblichen Kacheln und Piss- und Waschbecken, in den braune Flecken wuchsen, und starrte mein Spiegelbild an. Die Wirtin huschte herein, legte mir einen Lappen, ein Fläschchen mit braunroter Flüssigkeit, Pflaster, Seife und Handtuch hin. „Erst waschen, dann verarzten“, sagte sie und verschwand.

Es ist wie immer: Die Geschichte meines ersten Abends bei der dicken Mutti wurde zur Privatlegende, die Hilde und mich verband. Wenn wir gute Laune hatten, warfen wir uns Anspielungen zu und lachten. War einer von uns mies drauf, reichte ein „Weißte noch…“, um den Abend aufzuhellen. Ja, wir duzen uns. Das ist ungewöhnlich, denn die Wirtin siezt sogar Dauergäste, die schon seit den Tagen kommen, in denen sie die Kneipe von ihrem Ex, der damals in den Knast einfuhr, übernommen hatte. Und die liegen jetzt schon fast dreißig Jahre zurück. Ich gebe zu, Hilde und ich hatten für ein paar Monate ein Verhältnis, und noch heute kommt es ein paar Mal im Jahr vor, dass wir beide einsam sind, dass wir beide Wärme brauchen, und dann bleibe ich über Nacht.
Eine Wohnung hat sie nicht, nur ein ziemlich großes Schlafzimmer, ein Raum direkt über der Kneipe, der früher wohl Teil der Beletage-Wohnung war. Das Badezimmer findet sich auf dem Hof. Immerhin hat ihr der rüstige Klempner, der jeden Tag erscheint, um genau fünf kleine Biere zu trinken und zwei Frikadellen ohne Senf zu verspeisen, vor ein paar Jahren eine hochmoderne Nasszelle im ehemaligen Lagerschuppen installiert, der sich direkt an die Küche der Gastwirtschaft anschließt. Man könnte diesen Raum mit Fug und Recht ein Luxusbad nennen mit seiner Doppelbadewanne, der Dusche mit Massagedüsen und einer Zweipersonensauna, die wir beide im Winter gern nutzen.

Vielleicht ist die dicke Mutti meine beste Freundin. Sicher ist sie aber die Frau in meinem Leben, die mich am besten versteht und die sich an meinen Macken nicht stört. „Kann dich ja immer rausschmeißen, wenn du mir auf die Nerven gehst“, sagt sie manchmal. Tut sie aber nicht. Vielleicht weil ich der einzige Mann bin, der je ihr Freund war. Das weiß sie zu schätzen.

[Hinweis: Diese Geschichte beruht nicht auf persönlicher Anschauung oder Erzählung anderer, sondern ist von vorn bis hinten ausgedacht. Jede Ähnlichkeit mit existierenden oder ehemaligen Eckneipen und/oder lebenden oder toten Wirtinnen oder Damen namens Hildegard ist vollkommen zufällig. Ich schwöre!]

publiziert am 07.12.12 in Stadtgeschichten ¦ 767x gelesen ¦ noch kein Kommentar