Immer wieder Cooka Jones

Je mehr Ocho von der Tüte durch die Lungen zog, desto klarer wurde seine Sprache, desto präziser seine Aussagen. Greiper brauchte sich keine Notizen zu machen, so klar war die Sache auf einmal. Der Däne war Strohmann für irgendwelche Schwarzgeldbosse und hatte die Bar von Benzani und Nahash finanziert, um dort eine Verteilstelle für Chemodrogen zu betreiben. Die beiden Kurden wollten schlauer sein und hatten nebenbei einen speziellen Nuttenservice organisiert. Davon hatte Hinz erfahren und die Wirte erpresst, um kostenlos an die minderjährigen Zwangsprostituierten zu kommen. Da der sein Maul nicht halten konnte, wusste es bald die halbe Nachbarschaft, unter anderem auch der unsympathische Büdchenbesitzer Ümit. Der Kawa und Asan bei Åkelomme verpfiff in der Hoffnung, nach dem Rauswurf der Jungmänner selbst die Bar samt eigentlichem Geschäftszweck übernehmen zu können. Deshalb bot er sich dem Strohmann auch als Sprenghelfer an und wurde so zum Mörder an den drei Frauen, die im Hinterzimmer wohnten. Da blieben wenige Fragen offen. Und die stellte er nun zum Abschluss dem Sohn des ghanaischen Geschäftsmanns William Williams.

„Welche Rolle spielt dieser Cooka Jones?“ Ocho saß ganz entspannt im Hier und Jetzt der Dachterrasse im Plastikstuhl und lächelte den Hauptkommissar an. „Gute Frage, Mann, sehr gute Frage.“ Und nickte dazu rhythmisch mit der merkwürdigen Frisur, die auf Greiper einen asymmetrischen Eindruck machte. „Und die Antwort?“ Der junge Deutschafrikaner wippte weiter mit Kopf und Fuß und lächelte versonnen. „Mein Vater hat mir vor eingen Jahren mal eine Legende aus Bolgatanga erzählt. Das ist seine Heimatstadt. Wir gehören ja zum Volk der Lobi. Und das hat früher immer auf dem rechten Ufer des Flusses gelebt. Also des Mouhoun oder Schwarzer Volta, wie man auch sagt. Der Strom war für uns Lobi, so erzählte Vater, immer auch die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten. Und jeder lebende Mensch hat, so die Legende, einen Doppelgänger im Reich der Toten. So lange der Mensch lebt, schläft dieser Doppelgänger. Wenn der Mensch stirbt, erwacht sein Doppelgänger und bewegt sich auf dem linken Ufer des Mouhoun unter all den anderen aufgewachten Toten.“ Er stand auf und trat ans Geländer.

„Und weiter?“ Der schöne junge Mann drehte sich um, und Greiper sah, dass dessen Augen vom Kiffen rot geworden waren. „Und weiter, und weiter… Mann, Cooka Jones stammt von der anderen Seite! Ist doch klar. Den fängst du nicht. Den fängt keiner.“ – „Warum sollte ich Cooka Jones überhaupt fangen wollen?“ Ocho schüttelte resigniert den Kopf, ging am Hauptkommissar vorbei und hinein, griff seine Sachen und verließ wortlos die Wohnung. Greiper fühlte sich ratloser als zuvor.

publiziert am 01.01.13 in Völkerwanderung ¦ 1085x gelesen ¦ noch kein Kommentar