1952 – Merkwürdige Stimmung bei der Geburtstagsfeier

erna_geburtstag_1952Am 18.04.1952 wurde meine Mutter 31 Jahre alt. Der Tisch steht im so genannten „Wohnzimmer“ der Kniestockwohnung an der Corneliusstraße 118. Den Esstisch, der mit zwei Platten zum Ausziehen vergrößert werden konnte, landete später im Kinderzimmer, das mein Bruder und ich teilten – wir missbrauchten ihn gelegentlich für Tischtennismatches. Die Stühle im Vordergrund zählten nicht zum Inventar; vermutlich waren sie ausgeliehen. Links sieht man den modern gemusterten Vorhang des Wandbettes, das man herunterklappen konnte. In der Mitte unter dem Fenster sitzt meine Mutter. Sie sieht krank, angeschlagen oder sauer aus. Da ich am 10.11.1952 geboren wurde, war meine Mutter zum Zeitpunkt dieser kleinen Feier schwanger mit mir und wusste es wohl auch schon. Da ich recht pünktlich zur Welt kam, wird sie in der zehnten oder elften Schwangerschaftswoche gewesen sein. Kann also gut sein, dass sie unter der klassischen Übelkeit litt.
Zu ihrer Linken sitzt Frau Metzlaff, eine Freundin der Familie, die auch nicht besonders gutgelaunt erscheint. Ihr Gatte war der Kapitän Erik(?) Metzlaff, der in den sechziger Jahren als Hafenkapitän in Bremerhaven eine gewisse Berühmtheit als Gastgeber des Hafenkonzerts erlangte. Ganz rechts (aus Sicht meiner Mutter) sitzt Resi, die spätere Gattin des Brauereibesitzers, meine spätere Babysitterin, mit einem unbekannten Herrn.

Auch der andere Mann am Tisch ist mir nicht bekannt. Dafür aber das Pummelchen im Vordergrund. Das ist Uschi, eine Cousine meiner Mutter, die der Nachkriegszufall ebenfalls nach Düsseldorf getrieben hatte. Und auf die wird meine Mutter ein Jahr später einen grossen Hass entwickelt haben. Denn Uschi war oder wird in jenen Tagen ebenfalls schwanger. Vom selben Mann, meinem Vater. Sie wird wenige Woche nach meiner Mutter einen gesunden Jungen zur Welt bringen, den sie Thomas nennt. Irgendwo lief oder läuft also ein beinahe gleich alter Halbbruder von mir herum. Wobei es natürlich aussichtlos ist, nach einem Thomas Müller (so Uschis Nachname) aus dem Jahrgang 1952 zu forschen. Meine Mutter erzählte in späteren Jahren oft und mit großer Wut in der Stimme, dass es sich ihre Cousine nicht nehmen ließe, mit dem Kinderwagen in provokanter Absicht auf dem Gehweg hin und her zu schieben und triumphierend aus der Wäsche zu gucken.

Vor vielen Jahren sind mir Unterlagen meiner Eltern in die Hände gefallen, aus denen sich ergibt, dass mein Vater ein weiteres illegitimes Kind gezeugt hat, denn er zahlte ab 1960 zusätzliche Alimente – an eine ehemalige Sekretärin der Brauerei, bei der er beschäftigt war. Nun hatte ich von meinem Vater in den wenigen Jahren, in denen ich ihn kannte, nie den Eindruck, er sei ein Weiberheld gewesen. Vielleicht hat er seine Ehefrau ja auch bloß zweimal betrogen, aber beide Male den goldenen Schuss gesetzt. Wie auch immer: Wenn ich mir ansehe, wie der verfluchte Krieg meinem Vater die Jugend genommen hat, die in Friedenszeiten dazu dient, Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht zu machen, dann liegt mir nichts ferner als ihn zu verurteilen.
Aber ganz offensichtlich haben diese Fehltritte die Beziehung meiner Eltern untereinander stark belastet. Mir kam es immer so vor, als habe mein Vater ein ganz schlechtes Gewissen gehabt und versucht, dies durch Geschenke und andere Zuwendungen zu kompensieren. Er mag sich auch schuldig gefühlt haben, weil seine Gattin ab etwa 1961, also ab dem vierzigsten Lebensjahr, nie mehr ganz gesund war, unter Herzproblemen und Rückenschmerzen litt. Vielleicht bilde ich mir das auch bloß ein.

publiziert am 16.02.13 in Alte Fotos ¦ 948x gelesen ¦ noch kein Kommentar