Am Rheinstrand (1949)

mutter_oma_am_rhein_1949Auf der Rückseite dieses Abzugs steht lapidar „Düsseldorf 1949“ in der Handschrift meines Vaters. Und doch verbirgt sich dahinter eine ganze Familiengeschichte. Im Vordergrund sitzen meine Mutter, mein Bruder und meine Oma mütterlicherseits am Strand des Rheins, auf dem im Hintergund ein Lastschiff fährt. Auf dem Deich am gegenüberliegenden Ufer ist ein markanter Baum zu erkennen. Vieles spricht dafür, dass eine Bucht auf der linken Rheinseite in der Nähe der Anlegestelle Mönchenwerth zu sehen ist. Denn dann könnte die junge Familie mit der Großmutter zu Fuß dorthin gelangt sein.

Allem Anschein nach wurde das Foto im Frühsommer aufgenommen und dürfte damit eines der allerersten Bilder sein, die mein Vater je geschossen hat. Und wenn es beispielsweise im Juni 1949 war, dann lebten Vater, Mutter, Bruder und Oma erst seit wenigen Monaten in Düsseldorf, den mein Bruder wurde Ende Oktober 1948 noch in Sande in Nordfriesland geboren. Etwa um diese Zeit herum war mein Vater von der Düsseldorfer Baufirma Grünzig an den Rhein gelockt worden, die Familie kam erst Monate später dazu. Zuvor war mein Vater ein knappes Jahr als Bauarbeiter in Kiel unterwegs. Die Firma Grünzig rekrutierte bundesweit Arbeitskräfte mit dem Versprechen, dass diese im ersten wiederhergestellten Mietshaus eine Wohnung für die Familie bekämen.

Zuvor brachte man die Männer – und falls vorhanden: Frauen und Kinder in Behelfsunterkünften unter. Für meine Eltern samt Kind und Oma hieß das: Leben in einem umgebauten Pferdestall in Lörick; vermutlich am Grevenbroicher Weg. Die Erzählungen von der einzigen Wasserstelle für alle Bewohner und das Plumpsklo sind mir noch geläufig. Lange haben sie da wohl nicht gehaust, denn schon zu Weihnachten 1949 haben sie die Wohnung im Haus Corneliusstraße 118 bezogen.

Zur Zeit der Aufnahme ist meine Mutter 28 Jahre alt und hat noch tiefschwarzes Haar. Aus welchen Gründen auch immer ist sie bereits im Alter von knapp über 30 ergraut – ich habe meine Mutter nicht mehr mit dunklen Haaren erlebt. Mein Bruder sieht mit seinen acht oder neun Monaten ziemlich propper aus. Tatsächlich stellte man zur Zeit seiner Einschulung die Folgen von Mangelernährung fest, sodass er zur Kur nach Borkum kam. In den Familiengeschichten war davon immer als „Kinderlandverschickung“ die Rede – einer Einrichtung aus der Nazi-Zeit. Aber das war ja ohnehin in den Fünfzigern normal, Nazi-Begriffe weiter zu verwenden. So sprach ein gestandener Sozi und Gewerkschafter, ein Kollege meines Vater in der Brauerei, konsequent von der „Gefolgschaft“, wenn er eigentlich die Belegschaft der Firma meinte. Die Oma, die noch im selben Jahr starb, wird bereits deutlich über 70 gewesen sein. Wie hier schon berichtet war meine Mutter das jüngste von acht Geschwister, und ihre Mutter soll bei der Geburt bereits Mitte, Ende Vierzig gewesen sein.

Der Strand ist bevölkert mit Badenden, denn der Rhein bot weit und breit die einzige Möglichkeit, ins Wasser zu gehen. Im Jahr 1949 gab es in Düsseldorf noch kein wiederhergestelltes oder neues Frei- oder Hallenbad, und die Baggerseen entstanden erst im Zuge der großflächigen Einführung von Beton als Baustoff. Außer den linksrheinischen Sandbuchten zwischen Kierst im Norden und Uedesheim im Süden gab es nur wenige halbwegs ungefährliche Stellen am rechten Rheinufer: beim späteren Wasserwerk in Stockum, im Hafen und in Hamm. Eine bewachte Badestelle entstand um diese Zeit in Uedesheim; man konnte mit einer Personenfähre von Hamm aus übersetzen. Dorthin kam man mit der Straßenbahnlinie 8, deren Endhaltestelle damals fast am Deich lag. Dort bin ich dann auch als Säugling erstmals mit dem Wasser des Rheins in Berührung gekommen. Aber das ist eine andere Geschichte zu einem anderen Foto…

publiziert am 05.02.13 in Alte Fotos ¦ 928x gelesen ¦ noch kein Kommentar