Kleine Skatrunde

skatDamals trafen wir uns regelmäßig zum Skat. Gastgeber war meistens Nigel, der schräg gegenüber in der Nummer 18 wohnte. Er war Brite, Engländer, um genau zu sein. Er war vor über 20 Jahren nach Deutschland gekommen und hatte in seiner Stammkneipe rasch das deutscheste aller Kartenspiele erlernt. Auch Eberhard war erst mit 22 zum Skat gekommen, hatte das Spiel aber ernsthaft studiert und war der einzige in der Runde, der es analystisch betrachtete. Dagegen hatten Michael und ich von den Feinheiten null Ahnung. Unabhängig davon, wann wir die erste Runde starteten, wurde es selten später als 24 Uhr. Und wenn wir noch nicht müde waren zu diesem Zeitpunkt, dann legten wir halt die Karten beiseite und saßen noch eine Weile gemütlich beisammen und rauchten und tranken. Legendär war der Abend, an dem wir Biertrinker – Eberhard trank ausschließlich Weißwein aus dem Frankenland – zusammen 27 Flaschen leerten.

Und auch der Tag, an dem Michael, der meistens verlor, beim Pfennigskat über 30 Mark gewann. Einen derart hohen Gewinner hatte bis dahin keiner von uns erreicht, udn der Rekord steht noch heute. Mein Ehrgeiz war ohnehin begrenzt, mir machte es einfach Freude, mit den Freunden die Zeit zu verbringen. Und das jetzt schon seit 33 Jahren! Für Außenstehende mag es langweilig wirken, aber jede Runde verläuft anders und oft entstehen Anekdoten und Legenden. Wie am Abend, an dem Nigel seinen 36. Geburtstag feierte. Er war damals Single und hatte uns zu einer Skatrunde außer der Reihe eingeladen. Wir hatten verabredet, dass jeder 40 Fläschchen Underberg mitbringt, die anstelle der üblichen Pfennige als Einsatz galten. Wer gewann, musste seinen Gewinn auf der Stelle leeren. Das funktionierte so gut, dass ich später noch runter zum Büdchen ging, um weitere 44 Flaschen zu besorgen.

Michael berichtete einmal, dass sein Vater erzählt hatte, in den letzten Kriegstagen des Jahres 45 hätten er und seine Kameraden praktisch durchgehend Skat gespielt. Es sei das einzige Vergnügen gewesen, dass ihnen noch geblieben war. Natürlich war der Satz Spielkarten nicht mehr vollständig, sodass sie die fehlenden Karten aus Pappe selbst gebastelt und bemalt hatten. Das sei sein Vater auch schon 46 gewesen und hatte bereits den zweiten großen Krieg durchstehen müssen.

Langsam arbeiten wir auf den 50. von Nigel zu. Der war ja bei der britischen Rheinarmee und hatte den Abschied genommen, nachdem er Erika kennen und lieben gelernt hatte. Die war Wirtin und hatte eine typische Eckkneipe von ihren Eltern geerbt. Später machten Nigel und sie das „Fifty-four’s“ – nach der Hausnummer der Wirtschaft – daraus, der Versuche, so etwas wie einen englischen Pub in der Stadt zu etablieren. Aber das Geschäft lief nicht. Das Paar zerstritt sich über den Misserfolg, und Erika warf ihn eines Tages raus. Jetzt heißt die Kneipe wieder „Zum goldenen Schwan“ und fungiert als Treffpunkt fürs ganze Viertel.

Nein, weitere 55 Jahre wird unser Vierer-Club sicher nicht mehr halten. Ich selbst werde im kommenden Jahr 59, und Eberhard geht mit Riesenschritten auf die 60 zu. Aber ein paar Jahre werden uns noch bleiben, in denen wir uns an jedem zweiten Freitag bei einem von uns treffen und Karten kloppen.

publiziert am 16.06.13 in Thibaud ¦ 874x gelesen ¦ noch kein Kommentar