Sie hieß Pina

sie_hiess_pinaAn dem Abend war Albert noch schweigsamer als sonst. Er sah übernächtigt aus, hatte Ringe unter den Augen. Als ob er in den letzten Tagen viel geweint hätte. Niemand traute sich, ihn anzusprechen. Als gegen zwölf die lauten Debatten am Tisch abebbten und ein paar Minute Stille eintrat, sagte er aus seiner Ecke heraus: „Wisst ihr eigentlich, wie ein Hund eingeschläfert wird?“ Wir, die wir an seinem Tisch in seiner Nähe saßen, wandten uns zu ihm hin. „Ich habe Pina auf den Behandlungstisch mit der Metallplatte gehoben. Nach all den Jahren beim Tierarzt Wouters hatte sie sich daran gewöhnt und war ziemlich gelassen. Hilde trat an die andere Seite und hielt Pin sanft fest, während ich ihr den Kopf streichelte. Der Doktor, so nannten wir ihn, obwohl er kein promovierter Veterinär war, gab den Helferinnen Anweisungen und erklärte uns das Vorgehen. Er würde eine Kanüle legen und ihr zunächst ein ganz normales Betäubungsmittel geben. Sie würde dann sehr schnell einschlafen. Danach käme dann eine andere, stärkere Substanz, die letztlich zum Herzstillstand führen würde. Er setzte ihr einen Shunt in die Vene am linken Vorderlauf. Pina zuckte nicht einmal. Sie hatte Vertrauen zum Doktor und war ohnehin nicht sehr schmerzempfindlich. Die eine Mitarbeiterin reichte ihm die Spritze. Er setzte an und drückte die Flüssigkeit in den Kreislauf unserer Hündin.“

Albert hatte Tränen in den Augen, sprach aber mit fester Stimme und als ob er einen vorbereiteten Text lesen würde. „Das war am vergangenen Freitag. Einen Tag nach diesen schweren Unwettern. Als am Donnerstag ein besonders schweres Gewitter über der Stadt tobte, bin ich mit Pina in den Keller geflüchtet. Sie hatte ja schreckliche Furcht vor Blitz und Donner, ja, und natürlich auch vor Sturm und starkem Regen. Dann geriet sie in Panik, hechelte wie verrückt und pinkelte nicht selten vor Angst aufs Parkett. Gab es nachts Gewitter, musste meist einer von uns bei ihr sein, auf dem Sofa liegen bei laufendem Fernseher, voller Beleuchtung und eingeschaltetem Radio. Aber da unten im kalten Keller, da nahm sie gar nicht wahr, was draußen los war. Ich hatte mir einen Stuhl hingestellt und ließ auf dem Smartphone Radio laufen. Außerdem hatte ich zwei Decken hingelegt, aber Pina wollte oder konnte sich nicht hinlegen. Ein paar Mal gingen wir hoch ins Erdgeschoss und beobachteten das Wetter dort. Auch das vertrug sie gut.“

Zilly nickte und warf kurz ein: „Kenn ich, ich hab auch schreckliche Angst bei Gewitter.“ – „War bei Pina von Anfang an so“, setzte Albert fort, „aber in der alten Wohnung hatte wir ja das große, fensterlose Bad als Panikraum. Dahin zog sie sich einfach zurück, und nur bei ganz, ganz schlimmen Unwettern musste sich einer von uns dazusetzen. Wir sagten immer, Pina sei nicht schussfest. Obwohl sie ja als Galgo zu den Jagdhunden gehörte. Schon in den ersten Wochen bei uns zeigte sie alle Symptome großer Panik, wenn es draußen knallte – und wenn es nur eine Tür war. Und das große Kirmesfeuerwerk und die Silvesterknallerei, das waren die schlimmsten Stunden im Jahr. Dann wurde aus der selbstbewussten Diva schnell ein Häufchen Elend mit eingezogenem Schwanz. Und das heißt bei einem Windhund, dass die Spitze der langen Rute am Bauch anliegt.“ Er schluckte.

„Jedenfalls hatte es ja in der Nacht zuvor schon ein extremes Gewitter gegeben, und Hilde, die bei Pina gewacht hatte, berichtete, dass die Hündin sich nicht eine Minute hingelegt hatte. Sie sei auf und ab getigert, habe minutenlang an der Wohnungstür gestanden oder sich vor Hilde aufgebaut. Wir wussten ja, dass sie ohnehin nicht mehr gut liegen konnte, weil sie dann schlecht Luft bekam. Dieses extrem vergrößerte Herz, das drückte auf die Lunge. Vielleicht hatte sie auch eine Art Angst vor dem Ersticken. Vermutlich hat sie vor dem letzten Gang zum Tierarzt in zwei Tagen kaum drei oder vier Stunden geschlafen. Ja, genau, nachdem die Front vorübergezogen und wir wieder nach oben in die Wohnung gegangen waren, legte sie sich sofort auf ihren Teppich und schlief ein. In der Nacht auf Freitag lief sie wieder die ganze Zeit herum. Am Freitagmorgen konnte sie nur noch durch den Fang atmen, überstreckte den Kopf, um irgendwie an Luft zu kommen.“ Er nahm die Brille ab, wischte sich über die Augen und trank sein Weinglas auf einen Sitz aus.

Evi hatte ihm die Hand auf den Arm gelegt, aber Albert schob sie sanft weg. Es war klar, dass er sich seine Trauer um den Hund von der Seele reden wollte. Vielleicht weil er sich an Thibauds Aussage erinnerte, Trauer sei nicht schweigend, sondern beredt. Und so erzählte er weiter von Pina, der spanischen Windhündin, die – ich erinnerte mich noch genau an die erste Begegnung mit dem Hund – seit acht oder neun Jahren bei Hilde und ihm lebte. „Ich wollte ja gar keinen Hund. Das heißt nicht, dass ich damals etwas gegen Hunde gehabt hätte, mir fehlte nur jede Vorstellung davon, was es bedeutet, mit einem Hund zu leben. Also hatte ich auch keinen Wunsch danach. Bei Hilde war das anders. Und als sie damals eine Putzstelle bei einer Familie hatte, die Fundhunde in Pflege nahm, lernte sie deren Windhunde kennen und schätzen. Lena Vonner war aktiv in einer dieser Organisation, die Streunerhunde aus den Tötungsstationen holen und zur Adoption vermitteln. Und damals kamen aus Spanien viele, viele dieser Galgos nach Deutschland. Klar, dass Hildes Wahl auf diese Sorte fiel. Pina war ungefähr fünfzehn Monate alt als sie zu uns kam. Im Hundepass war der Januar 2004 als Geburtsmonat angegeben. Aufgegriffen hatte man sie im September, und im Februar 2005 war sie nach Deutschland gekommen. Ich fand das ja nicht so toll, dass diese Tierschützer, die mir bis heute ziemlich hysterisch vorkommen, die sensiblen Galgos in engen Boxen über 2000 Kilometer im Bus transportieren. Tatsächlich hatte Pina auch anfangs eine großer Aversion gegen das Autofahren.

Unterernährt war sie, struppig und voller schlimmer Narben aus der Welpenzeit. Ich kannte das ja aus den Streunerrudeln auf Fuerte, dass die Jungtiere da sehr ruppig miteinander umgehen. Und so ein Galgo mit kurzem Haar und kein bisschen Fett unter dem Fell, der hat natürlich nach jeder Keilerei gleich einen deutlichen Schmiss. Sie hat uns sofort adoptiert, ließ sich anfassen, fraß gut, ging gern die vielen Stufen runter und dann rüber zur Düssel. Und nach wenigen Wochen hatte sie ihr optimales Gewicht von um die 23 Kilo erreicht. Ein komplett neues Fell war gewachsen, und sie strotzte vor Kraft und Lebensfreude. Und hatte gleichzeitig Angst: vor lauten Geräuschen, vor Gewitter, vor Feuerwerk, vor dem Autofahren und leider auch vor anderen Hunden. Ich fuhr damals meist zum großen Hundeauslauf im Rheinpark an der Cecilienallee, wo jede Menge hyperaktive und freche Köter das Regiment führten. Das war ihr immer unangenehm, und sie freundete sich auch mit keinem der anderen Hunde an. Nur Elvis, der Hund, den meine Tochter später übernehmen sollte, den mochte sie. Leider gingen wir nicht oft mit dem, sondern meistens war sie nur mit Hilde oder mir oder uns beiden unterwegs.“

Albert hatte sein Smartphone aus der Tasche gezogen und eine Galerie mit Fotos von Pina gestartet. Einer nach dem anderen sahen wir uns die Bilder an. „Sie war eine blonde Schönheit“, sagte Zilly. „Schau dir mal diesen wundervollen Augen an“, meinte Evi. Ich sah einen nicht allzu schmalen Windhund, der stolz in die Welt hinausschaute, auf starken Läufen stand, die Ohren aufmerksam nach vorne gerichtet. „Das Elend fing ja mit dem Umzug an. In der neuen Wohnung hatte Pina in den ersten Tagen durchgehend Panik. Vielleicht lag es an den bodentiefen Fenster zu beiden Seiten des Wohnraums; da sah sie natürlich jeden vorüberziehenden Wolkenschatten und hörte jedes noch so leichte Pfeifen des Windes. Jedenfalls war sie um Weihnachten herum kurz vorm Durchdrehen. Sie nahm keinen der vorbereiteten Liegeplätze an, winselte, hechelte, pinkelte auf den Boden und versuchte sogar, die Wohnungstür zu öffnen. Nachts zitterte sie durchgehend. Holte wir sie ins Bett, wurde es nur schlimmer. Über fast drei Wochen war an Arbeit nicht zu denken, denn wenn ich im Büro saß, kam sie dorthin, schlich um mich herum, hechelte und fiepte. Und so schnell wie sie damals nach ihrer Ankunft zu Kräften gekommen war, verfiel sie in jenen Wochen. Ihr Herz, dieses Windhundherz mit dem typischen, arhythmischen Schlag, flatterte, sie atmete schwer und eines Tages wollte sie nicht mehr raus. Wir gingen zum Tierarzt. Und der Doktor dignostizierte in Minuten, dass ihr angeborener Herzfehler sich in kürzester Zeit verschlimmert hatte, und unbedingt etwas unternommen werden müsse. Außerdem habe sie Wasser in der Lunge und im Bauchraum, was rasch zum Tode führen könne ohne passende Therapie.

Aber zunächst schickte er uns zum Hundekardiologen in die Tierklinik. Ich wusste nicht einmal, dass es solche Spezialisten gab. Und dieser hier, der war anscheinend andere Rassen gewöhnt. Für eine Ultraschalluntersuchung musste Pina rücklings in eine Art Halterung, was schlimme Panik bei ihr auslöste. Und dieser Fachmann erschrak, als er einen Puls von fast 400 bei ihr maß. Schockiert schien er auch über das Ergebnis der Untersuchung. Ein durchschnittliches Hundeherz sei etwa halb so groß wie eine Männerfaust, ein Windhundherz dagegen etwa doppelt so voluminös. Pinas Herz habe dagegen schon beinahe die Größe von zwei Fäusten. Das läge daran, so erklärte er, dass sie mehrere Löcher in den Herzscheidewänden hätte, die zudem hauchdünn seien, sodass vermutlich ständig neue Löcher entstünden. Um trotzdem den notwendigen Blutkreislauf zu gewährleisten, wüchsen die Herzmuskeln stetig. Was aber, wenn unbehandelt, zum baldigen Tod führen würde. Da helfe eigentlich nur, so der Experte, eine Transplantation, wenn es so etwas bei Hunden gäbe. Und den nächsten Sommer, den würde sie wohl nicht überstehen. Jetzt waren wir schockiert. Aber zum Glück relativierte Tierarzt Wouters, den ich immer einen Viehdoktor nannte, was ich ausgesprochen positiv meine, diese schlimme Diagnose. Am übernächsten Tag war ich bei ihm, und er führte weitere Untersuchungen durch. Am Ende verschrieb er drei verschiedene Medikamente und meinte, mit der Therapie könnte sie noch einige Zeit leben. Das war im März 2012. Da hatte Pina noch ein Jahr und knapp drei Monate.“

Über den Daumen gepeilt haben mehr als ein Drittel der Leute eigene Hundeerfahrungen. Vor Jahren hatte ich mich einmal für eine Artikelserie mit dem Thema befasst. Als ich Zilly davon berichtete, sagte sie sofort: „Boomer starb, da war ich zwölf. Ich habe drei Tage am Stück geheult. Meine Eltern haben sich nie wieder einen neuen Hund angeschafft.“ In den folgenden Wochen hörte ich Dutzende von Geschichten über Hunde, die es nicht mehr gab, ungezählte Anekdoten aus Kindertagen, aber auch oft von Menschen, denen ein Hund in Zeiten der Einsamkeit beigestanden hatte. Ich las mehrere Stapel Bücher zum Thema, erkannte bald die sentimentalen und hysterischen Titel an den ersten Sätzen, stieß dann auf die moderne Caniden-Forschung und vor allem auf die These von der Ko-Evolution von Mensch und Hund. Das öffnete mir, der ich zuvor eher ein Katzenfreund gewesen war, die Augen. Und jetzt sagte Albert: „Wisst ihr, was sicher ist? Der Hund gehört zum Mensch, aber der Mensch gehört auch zum Hund.“ Wer in der Runde dazu nickte, outete sich als jemand, der auch schon einmal einen Hund geliebt hatte.

„Wenn du einen Windhund in der Blüte seiner Kraft, also im Alter von anderthalb bis dreieinhalb Jahren hast, dann kannst du sicher sein, Bewunderung und Applaus von wildfremden Menschen zu erleben, wenn dein Hund mal so richtig schnelle Runden dreht. Ja, wenn so ein Galgo rennt, dann ist er ganz bei sich. Dann verändert sich sein Gesichtsausdruck, dann ist er nur noch eine Rennmaschine, ganz auf Speed optimiert. Und das zu beobachten, ist ein ästhetischer Genuss. Bei höchster Geschwindigkeit ist er Lauf ein gleichmäßiger Rhythmus aus Zusammenziehen und Strecken des ganzen Körpers – einmal ist der Galgo eine Kugel, aus der die Vorderläufe nach hinten ragen, während die Hinterläufe auf Kopfhöhe in den Boden krallen, dann ist er gestreckt wie ein Pfeil, der Körper fliegt ohne Bodenberührung, die Pfoten vorne sind gestreckt, die Hinterbeine liegen waagerecht in der Luft. Und das alles ist in diesem schlanken Körper perfekt angelegt. Schau dir mal die Pfoten und die Krallen an – auf maximalen Grip hin konstruiert wie Reigen an einem Formel-1-Auto. Apropos: Die Vorderpfoten stehen deutlich weiter auseinander als die Hinterpfoten, denn der Windhund hat Heckantrieb. Jedenfalls in Kurven. Dann dienen die Vorderläufe der Lenkung, und während sie beim Geradeauslauf beinahe gleichzeitig aufsetzen, kriegt der Hund die schnelle Kurve, in dem er erst die innere Vorderpfote auf den Boden setzt und dann die äußere. Springen können Galgos wie ihre Kollegen weit, aber nicht hoch. Besonders schnelle Rüden überbrücken im vollen Galopp mit einem Sprung während des Lauf bis zu fünf Meter! Aber ein Hindernis von fünfzig, sechzig Zentimeter Höhe kann schon das Ende der Raserei bedeuten.

Einige Forscher glauben, dass der Typus Windhund die älteste, von Menschen bewusst gezüchtete Sorte Canis familiaris ist. Darauf deuten fast alle Bildfunde hin, auf denen Hunde zu sehen sind. Deshalb stammt der Windhund – wie der nachsteinzeitliche Mensch – vermutlich aus dem Zweistromland. Also aus einer flachen Gegend ohne nennenswerte Berge. Dort hat man ihn zur Kleintierlagd eingesetzt – vor allem auf Hasen. Die Perser hatten Windhunde, von denen die heutigen Salukis abgeleitet sind. Auf der arabischen Halbinsel soll es in der vorislamischen Zeit Windhunde gegeben haben; die Pharonen hatten kleine, schlanke Hunde ähnlicher Art. Und Nordafrika ist das Mutterland der Windhunde wie wir sie kennen. Vermutlich gehen alle in Europa verbreiteten Rassen auf den Azawakh oder den Sloughi zurück – das sind die Windhunde der Berber und Touareg aus der Gegend rund um die Sahara. Wahrscheinlich haben die arabischen Eroberer den Sloughi mit nach Spanien gebracht, wo er zum Galgo wurde, der wiederum eng mit dem später durch Zucht entstandenen Greyhound verwandt ist. Es muss um das zwölfte Jahrhundert herum gewesen sein, dass auch in Italien ähnliche Jagdhunde gezüchtet wurden, und inzwischen hate fast jede europäische Region seinen eigenen Windhundschlag. Und von all diesen Rassen ist es der Galgo, der bis auf den heutigen Tag als Hetzhund eingesetzt wird. Ja, in Spanien kommt die Hasenjagd mit dem Galgo wieder in Mode. Dabei sitzen die Jäger zu Pferd, während Galgos, immer zwei als festes Team, ihm die Hasen zu hetzen.

Alles am Galgo ist auf diesen Beruf hin optimiert, nicht nur das Beine. So zählt diese Sorte zu den wenigen Sichtjägern. Ja, Galgos können sehr gut und auf sehr weite Entfernung Bewegung erkennen und einordnen. Dafür ist der Geruchssinn natürlich nicht annähernd so ausgeprägt wie bei einem Schweißhund oder anderen Rassen, die zur Färtensuche eingesetzt werden. Außerdem haben Galgos ein selektives Gehör, dass rein technisch durch das sogenannte Rosenohr ermöglicht wird. Das kann aufgestellt werden wie bei einem Schäferhund, faltet sich aber zum Rennen ganz klein und an den Kopf anliegend zusammen. Die Zwischenstufen dienen dazu, entweder feine und entferne Geräusche zu orten, aber aber den großen akustischen Überblick zu behalten. Pina war, was das alles angeht, eine typische Galgo-Hündin. Ihr Blütezeit begann nur wenigen Monate, nachdem wir sie bekommen hatte, und reicht bis weit in ihr achtes Lebensjahr hinein.“

Inzwischen war die ganze Runde zusammengerückt und hörte zu. Selbst Hansherbert, ein bekennender Hundehasser, saß da und lauschte und verzichtete auf seine üblichen Sprüche. „Ich möchte von Pinas großer Liebe berichten“, sagte Albert, „Ja, wir nennen das so, und es ist uns ausnahmsweise nicht peinlich, die Tiere zu vermenschlichen und ihnen humane Gefühle zu unterstellen. Vielleicht ist diese Sache auch ein Indiz dafür, dass der Hund so nah am Menschen ist, dass er echte Persönlichkeiten ausbildet, dass Haushunde in sozialen Beziehungen ähnlich agieren wie Menschen. Vielleicht ist es sogar so, dass sich soziale Verhaltensweisen von Mensch und Hund um Laufe der Ko-Evolution parallel entwickelt haben. Ich schweife ab, dabie wollte ich von Gomez erzählen. Es muss noch im ersten Jahr mit Pina gewesen sein, dass wir über das Thema Windhund Anke und Peter kennenlernten, die auch einen Galgo hatten. Bald verabredeten wir uns zu gemeinsamen Spaziergängen, fast immer auf den Rheinwiesen zwischen Uedesheim und der Ölganginsel, also nahe der Südbrücke und der Hammer Eisenbahnbrücke. Es war Liebe auf den ersten Blick. Dazu muss man sagen: Windhunde erkennen sich über weite Entfernungen gegenseitig als Windhunde. Und Windhunde sind sich in der Regel untereinander sympathisch, haben selten Streit untereinander und verbünden sich gern, wenn es gegen Köter irgendwelcher anderer Rassen geht. Wir standen mit Pina auf dem Deich, und in gut zweihundert Metern Entfernung kamen uns Anke und Peter mit Gomez entgegen. Pina guckt, Gomez hält an. Und dann spurten beide aufeinander zu uns treffen sich auf halber Strecke.

Anke sagte immer, Gomez sei ein Weltherrscher gefangen im Körper eines Galgos. Er war etwas größer als Pina, schwarz mit ein bisschen weiß. Er hatte wohl eine Ladung Schrot abbekommen in seinen jungen Tagen, wodurch ein merkwürdiger Laufstil entstanden war. Und gerannt sind die Beiden auf den Wiesen natürlich viel, schnell und gern. Oft hatte ich das Gefühl, die könnten miteinander so differenziert kommunizieren wie wir Menschen. Tatsache ist, dass Pina bis zu ihrem letzten Tag sofort die Ohren aufstellte, wenn wir fragten: Wo ist der Gomez? Das ging auch so in den gut fünf Jahren, in denen er nicht mehr in der Stadt war, sondern mit seinen Leute nach Ostfriesland gezogen war. Pina und Gomez haben sich also Jahre lang nicht gesehen. Und dann im Spätsommer 2011. Wiedersehen mit ihrem Seelenverwandten auf den Oberkasseler Rheinwiesen. Gomez war inzwischen stark gealtert und durch Krankheit geschwächt. Aber als er Pina sah, sprang er los. Und sie auf ihn zu. Und sie umtanzten sich wie damals. Gomez dieser stolze Clown ging vor ihr. Im November 2011 starb er in Ankes Armen. Gut dass die beiden sich vorher noch zwei Mal begegnet sind.“ Albert wischte sich erneut die Augen, und im Hintergrund schluchzte Evi, während Heinzhubert sich schnäuzte.

„Die erste Betäubung wirkte schnell. Pina sackte in sich zusammen, kam aber in einer ihrer üblichen Schlafpositionen zum Liegen. Die Vorderläufe gestreckt, den Kopf neben den Pfoten, den Körper halb verdreht, während ihre Hinterläufe mit den – wie wir sie nannten – Hasenpfote in leichter Grätsche standen. Wir streichelten sie. Dann legte ich meine Hand an ihre Brust und spürte den Herzschlag. Der Doktor hatte ihr die best möglichen Medikamente verschrieben und ihr damit diese Lebenszeit geschenkt. Das Herz wuchs nur noch sehr langsam. Zwar war sie fürchterlich abgemagert, aber so lange sie noch gut atmen konnte, war sie relativ fit, konnte lange Spaziergänge absolvieren und dabei die eine oder andere Runde rennen. Ich hatte nach der schlimmen Diagnose begonnen, ein, zwei Mal die Woche mit Jochen, dem Hundesitter, nach Lörick zu fahren. Dort traf Pina dann nicht nur auf Jochens Pflegehunde, sondern auf ein mehr oder weniger großes Rudel verschiedener Köter, mit denen wir bis zum Yachthafen und zurück gingen. Darunter auch Sam, der riesige Wolfshound, den sie in ihr Herz geschlossen hatte. Das ganze Jahr über ging das auch gut. Als Jochen dann nur noch in den Neusser Rheinpark fuhr, weil ihm ein paar der Hundehalter in Lörick auf die Nerven gingen, waren wir auch dabei. Bis etwa Januar dieses Jahres war Pina auch noch fit genug für die ausführlichen Gänge dort.“

Jemand hatte Albert ein volles Glas Wein hingestellt, und er nahm einen langen Schluck. Mir war über die Jahre nie aufgefallen, dass dieser Windhund in seinem und in Hildes Leben eine so wichtige Rolle gespielt hatte. Obwohl beide von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht hatten, dass Pina auch Kindersatz war – was mir persönlich einigermaßen merkwürdig vorkam. Zilly hatte aber gesagt, sie verstünde das gut. Er hatte jetzt auch dieses Glas geleert und sprach weiter: „Es gibt natürlich Hunderte Anekdoten über Pina zu erzählen, aber am wichtigsten sind die wenigen schlimmen Momente. Wie wir sie bei einem der ersten Spaziergänge am Wasserwerk von der Leine ließen und sie die erste Gelegenheit nutzte abzuhauen. Über den Deich Richtung Autobahnbrücke. Wo wir sie in gut anderthalb Kilometer Entfernung hinter Kaninchen herjagen sahen und es fast eine Stunde dauerte, sie wieder einzufangen. In Neuss am Rhein blieb sie nach einem Jagdausflug verschwunden bis es dunkelte. Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben, das rief uns Anke vom Parkstreifen an, Pina sei gerade selbstständig zu unserem Auto zurückgekehrt. In den ersten zwei, drei Jahren waren es diese Ausreißereien, die zu Histörchen wurden. Und dann wurde Pina in kurzer Folge zweimal kurz nacheinander schlimm gebissen. Ich war beide Male nicht dabei, aber Hilde wusste zu berichten, dass die Hündin fürchterlich geschrien habe. Allerdings blieben beide Attacken folgenlos, die Löcher heilten beide Male schnell ab, und es blieben kaum sichtbare Spuren.

Dann änderten ab Herbst 2006 unsere Lebensumstände ziemlich. Erst begann Hilde auf einer Vollzeitstelle zu arbeiten, und ich nahm Pina nun täglich mit zur Arbeit in der Agentur. Dann machte ich Mitte 2007 wieder selbstständig und begann von zuhause aus zu arbeiten. Da begann meine enge Beziehung mit diesem Tier, das ich meinen, unseren Lebenshund nenne. Bald ergab sich ein fester Rhythmus. Morgens gegen zehn ging ich mit Pina raus. Unser Hauptziel – gerade in der Zeit als ich kein Auto zur Verfügung hatte – war der Abschnitt der Düssel zwischen dem Hennekamp und der Erasmusstraße. Über all die Jahre werde ich wohl tausend Mal mit ihr dort gewesen sein. Genau so oft im Volksgarten. Wenn ich Zeit hatte, machten wir vormittags ausgedehnte Ausflüge: an die verschiedensten Stellen am Rhein, rechtsrheinisch von der Urdenbacher Kämpe bis nach Kaiserswerth, linksrheinisch vom Neusser Rheinpark bis nach Lank; im Grafenberger Wald an der Rennbahn und hoch bis zum Segelflugplatz, in den Straberger Wald. Abends ging Hilde dann noch einmal mit ihr. Pina war der optimale Bürohund so lange sie fit war. Nach dem Morgengang legte sie sich in ihr Körbchen oder gern auf ihre Decke auf dem Balkon und schlief. Bis gegen vier am Nachmittag hörte ich kaum etwas von ihr. Und ich war so nicht einsam an meinem Arbeitsplatz. Hatte jemand zum Reden in der Nähe. Das über mehr als sechs Jahre.“ Albert stand abrupt auf, drängte sich an den Stühlen vorbei und eilte in Richtung der Toiletten. Ich denke, er hatte begonnen zu weinen und wollte nicht, dass wir es sähen.

Dann kam er wieder zurück, setzte sich und trank sein Glas leer. „An ihrem letzten Tag ging es ihr wirklich schlecht. Unten an der Brücke über die Düssel blieb sie stehen und versuchte krampfhaft, genug Luft zu bekommen. Ich rief Hilde an und sagte, es gehe zu Ende. Der Doktor war noch nicht in seiner Praxis, und ich bat die Helferin, mich anzurufen, sobald er da sei. Pina schaffte es noch bis nachhause – wir wohnen ja nur ein Haus entfernt von der Tierarztpraxis. Ich setzte mich auf die Terrasse und forderte sie auf, sich dort auf ihre Decke zu legen. Aber sie blieb stehen. Ging die paar Schritte zur Gießkanne, um zu trinken, das tat sie gerne auf diese Weise. Dann kam Hilde. Wir blieben auf der Terrasse. Hilde hielt Pina aufrecht, der nun ab und zu die Hinterbeine wegsackten. Sie konnte die Augen kaum noch aufhalten. Leg dich doch hin, sagte Hilde. Pina konnte aber nicht. Dann das Telefon. Gemeinsam zum Doktor. Gut dass sie so entschieden haben, sagte er.“ Die Runde schwieg, während Albert sich sammelte. „Das Herz schlug weiter. Das große Herz. Langsam, aber stark. Pina hatte schon aufgehört zu atmen, aber das Herz schlug weiter. Zwei, drei, vier Minuten. Dann ein Herzschlag, dann nichts mehr. Der Doktor kam und hörte sie ab. Nickte nur und ließ uns allein mit unserem toten Hund. Ihr letzter Blick. Kurz bevor sie einschlief. Ein Blick über die Schulter, ein fragender Blick. Und jetzt vermisse ich meinen Hund so sehr.

publiziert am 23.06.13 in Windhund namens Clooney ¦ 3263x gelesen ¦ 1 x kommentiert

  1. Danke,
    „Und jetzt vermisse ich meinen Hund so sehr“
    Du sprichst mir aus der Seele. Das Loch, das Sally bei uns hinterlassen hat, kann der tolle Joey nur zum Teil füllen, ich habe immer noch Pipi in den Augen, wenn ich an mein altes Mädchen denke.

    kommentar von Kalle am 24.06.13 um 09:32