Der Tornado von Brüggen

Am 9. Juli 1974, einem Samstag, saß der spanische Bäcker José Luis Pereira am frühen Morgen im Hof hinter seiner Backstube und drehte sich eine Zigarette. Als er das Papier anleckte, bemerkte er aus den Augenwinkel, dass es am westlichen Horizont finster wurde. Er rückte den Schemel ein wenig zur Seite und hatte nun freie Sicht über den angrenzenden Gemüsegarten und das freie Feld dahinter. José, den sie im Dorf Josef nannten oder Jupp, sah eine blauschwarze Masse, die sich himmelhoch auftürmte. Direkt über der Linie zwischen Land und Luft schwebte ein schwefelgelber Rand, aus dem graue Fetzen den Grund berührten.
Im Laufe weniger Stunden war westlich von Brüggen eine Superzelle entstanden. Schon seit Tagen lag feuchte Luft über dem Ort, schwere Gewitter hatten die Nächte schlaflos gemacht. Nun schob der Wind kalte Luftmassen als Deckel über diese Schwüle, die das Grenzgebiet zwischen den Niederlanden und Deutschland lähmte. Den Flugbetrieb auf dem NATO-Gelände in der militärischen Zone hatte man bereits eingestellt. Ungewohnte Stille hatte sich über die Landschaft gelegt. Josef zündete die Zigarette jetzt an und nahm einen Zug. Er würde sich um die Hündin kümmern müssen, die bei Gewitter panisch reagierte und sich nie entscheiden konnte, ob sie fliehen oder sich verstecken sollte.

Unmerklich hatte sich die schwere Front in seine Richtung verschoben, und der Wind frischte auf. Dann fielen die ersten dicken Tropfen und schlugen Krater in den Staub zu seinen Füßen. Er stand auf und betrat den Anbau mit seinen Wänden aus Glasbausteinen über denen ein transparentes Dach Schutz vor dem Wetter bot. Seine Windhündin lag im hintersten Winkel flach auf den Boden gepresst und hechelte. Links und rechts der bedrohlichen Wolkenmasse malten Blitze grelle Muster, und der Boden vibrierte vom fernen Donner. Der Himmel links und rechts des Unwetters sah aus wie schmutzige Milch. Halblinks wuchs ein Rüssel aus der Gewitterwolke.
Und dann brach das aus, was als Tornado von Brüggen in die regionale Historie eingehen würde. Die Luft pfiff, der Wind kam aus allen Richtungen. Wie das Rohr eines Staubsaugers fuhr der Wirbelwind über die Felder. Über den Hof wirbelten Blätter und Äste, Papier flog umher. Der Tornado kam direkt auf die Bäckerei zu. Dann prasselte ein Gemisch aus Hagelkörner, manche so groß wie Tischtennisbälle, und Kieseln, aus Holzstücken und Lehmbrocken auf Haus und Anbau nieder.

José war unfähig, ins Haus zu gehen. Er stand bei der Hündin im Durchgang zur Backstube, zog an der Kippe und sah zu, wie der Rüssel über den Acker tanzte, durch den Garten kam und dann den Anbau traf. Er sah die Glaswände hin und her schwanken, wie sich einzelne Bausteine nach innen schoben. Dann brach die südliche Wand zusammen. Das Dach hielt sich noch ein paar Sekunden. Der Schemel, den er zurück gelassen hatte, flog davon. Vor ihm lag ein See aus Scherben. Ein Fahrrad fuhr ohne Passagier durch die Luft, wirbelte herum und prallte neben ihm an die Außenmauer der Backstube. Dann nahm das Tosen an Lautstärke zu. Der Regen kam waagerecht und nässte sein Gesicht. Die Zigarette erlosch.

Ganz plötzlich wurde es still. Kein Wind mehr, kein Regen. Dann hörte José das Krachen und Splittern von jenseits seines Hauses und wusste, dass der Tornado weiter gezogen war, die Hauptstraße entlang in Richtung der Mühle. Er durchquerte seinen Arbeitsraum und den Flur, öffnete die Haustür und trat hinaus. Die Straße war übersät mit zerbrochenen Dachziegeln, mit den Scherben von Fensterscheiben, mit Ästen und Gegenständen, die er nicht identifizieren konnte. Den Lieferwagen der Klempnerei Hülchrath hatte der Sturm quer zur Fahrbahn geschoben. Die Schützenfahne am Haus des Bürgermeisters hing in Fetzen vom Flaggenstock über dem Eingang.

So schnell wie es gekommen war, so schnell war das Unwetter über dem Ort wieder verschwunden. Ein grauer Schleier lag in der Luft, und von Holland her zog der blaue Himmel herüber. Sein Haus hatte bis auf den eingestürzten Anbau keinen Schaden genommen. Nicht eine Ziegel fehlte, und kein Fenster war zerbrochen. Drüben trat die Witwe Müsch in ihrer Kittelschürze aus dem Haus. Das Haar war zerzaust, und sie winkte ihm hektisch zu. Josef aber ging einfach die Straße entlang und folgte den Spuren des Tornados. Der Windhund war ihm nachgelaufen und ging nun ruhig und gefasst an seiner Seite.

Im Biergarten der Alten Post war die mächtige Linde umgestürzt und hatte den Ausschank mit seinem Wellblechdach zerschlagen. Anne stand neben den Bänken und Tischen, die der Sturm zu einem Berg aus Holz und grünlackiertem Metall aufgetürmt hatte. Dann trafen auch Willi und Hannes ein. Man schwieg, denn keiner wusste, was zu sagen war. Die Wirtin ging zurück in den Schankraum, die Männer folgten. Wortlos zapfte Anne drei Bier und stellte sie den Gästen hin. Von irgendwo her wehte das Geräusch einer Sirene hinüber. Alles nicht so schlimm, sagte Hannes schließlich, und leerte sein Glas in einem Zug.

Später berichtete die lokale Zeitung, der Versicherungsschaden habe sich auf kaum zehntausend Mark belaufen. Brüggen sei noch einmal davon gekommen, denn die Windhose, die alle nur den Tornado nannten, habe einen Durchmesser von kaum drei Metern aufgewiesen und sei weniger als zehn Minuten aktiv gewesen. Josef räumte die Trümmer des Anbaus weg und installierte von dem Geld, das ihm die Versicherung zusprach, eine stabile Konstruktion für das neue Vordach.

Dies geschah an dem Tag, an dem General Franco dem Thronfolger Juan Carlos die Amtsgeschäfte übergab. In der Woche danach endete die Diktatur der Obristen in Athen, und Eddy Merckx gewann die Tour de France zum fünften Mal. Am folgenden Samstag schoss der US-Soldat Johnny Bianco mitten auf der Hauptstraße von Brüggen auf seinen Kameraden Vernon Schwartz und verletzte ihn lebensgefährlich.

publiziert am 05.07.13 in Blinde Mäuse ¦ 824x gelesen ¦ noch kein Kommentar