Stein und Bein – Teil 3

Das Wetter hatte es sich wieder anders überlegt und die Stadt erneut mit einem kalten Nieselregen überzogen. Menschen, die gezwungen waren, sich draußen aufzuhalten, konnte nichts dagegen tun, dass die Feuchtigkeit zwischen Haut und Kleidung kroch und ihnen die Laune verdarb. So zogen mürrische Bürger durch die Straßen, die sich gegenseitig hassten, die ihre eigene Situation hassten und sich nicht vorstellen konnten, die Stadt und ihre Mitbürger irgendwann einmal wieder zu mögen. Wer eine einigermaßen brauchbare Laune behalten wollte, blieb zuhause, verschanzte sich im Büro oder suchte sich ein warmes Plätzchen, um heiße Getränke zu verzehren.

Johannes B. Felsheimer war insgesamt kein launischer Mensch. Dass was seine Zeitgenossen bisweilen für schlechte Laune hielten, war nur das Ergebnis seiner übergreifenden Verachtung gegenüber der großen Mehrheit der Menschheit, besonders gegen die Dummen und Schwachen. Für den Fernsehstar und Rechtsanwalt Felsheimer bestand die Bevölkerung zu weit über neunzig Prozent aus Amöben, die sich im Wesentlichen mit der Erhaltung der eigenen Körperfunktionen befassten und auf eine dumpfe, unappetitliche Weise mit der Arterhaltung. Weitere neun Prozent rechnete er zu den Arschlöchern, den Dummdreisten, die ständig versuchten, sich winzige Vorteile zu beschaffen, um den anderen eine Nase drehen zu können. Diese sah er als Zielgruppe seines juristischen Angebots an, und er hatte keine Skrupel, selbst die mieseste Type zu verteidigen, denn es war ja gleichgültig, welche Ratte welche andere verarschte. Sich selbst zählte Felsheimer zur Elite, zum Club der Einprozenter, zu den Machern, zu denjenigen, die Kraft ihrer Intelligenz und ihres Mutes die Geschicke der Gesellschaft in ihrem Sinne lenkten. Und nur mit seinesgleichen pflegte er einen Umgang, der sich durch Höflichkeit und Anstand auszeichnete. Amöben waren seiner Meinung nach dadurch gekennzeichnet, dass sie von nichts eine Ahnung haben, dass sie ungeschickt sind, hässlich und schwach. Für Felsheimer waren sie bloß Opfer, denen kein Mitleid zustand und kein Respekt. Sie waren für ihn nur Zielscheiben seiner aggressiven Fernsehscherze, die man jederzeit der Lächerlichkeit preisgeben und demütigen durfte.

Leider gehörte aber auch sein alter Fahrensmann Ronald nicht zu den Chosen Few, leider war der auch zu naiv, um bei den Arschlöchern mitspielen zu dürfen, leider musste auch sein Kompagnon, Rechtsanwalt Horben, zu den Amöben gezählt werden. Felsheimer hielt sich selbst für sentimental, dass er den Freund aus Kindertagen ständig mitzog, aber er konnte nicht anders. Und außerdem nahm ihm Ronny ja genau die Arbeit ab, auf die er keinen Bock hatte. Manchmal wünschte sich der ehemalige Spitzensportler, sein Kollege wäre motorisch wenigstens ein bisschen in Ordnung, sodass er mit ihm Joggen gehen könnte, denn dabei war er manchmal ein wenig einsam. Aber Ronny hatte neben der schlecht verwachsenen Hasenscharte ja auch noch einen Beckenschiefstand sowie einen rechten Fuß, der irgendwie auch falsch angebracht war. Der lebenslange Mangel an körperlicher Bewegung hatte ihn zudem so geschwächt, dass er sicher kaum mehr als zwei Kilometer schaffen würde. So absolvierte Johannes Felsheimer an diesem fiesen Montagmorgen seine Zehn-Kilometer-Runde am anderen Flussufer wie immer ganz allein, ärgerte sich über das Telefonat mit Schaidlers Assistent und dachte über das vergangene Wochenende nach.

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Die Anordnung seines Vorgesetzten brachte Greiper einigermaßen aus der Fassung. In seinen jungen Jahren hatte Robert als jähzornig gegolten. Wurde er wütend, schlug er zu, unkontrolliert, sinnlos, anhaltend. Einmal hatte ihn ein Klassenkamerad während des Unterrichts bis aufs Blut gereizt, und er war zu dem hingelaufen, hatte dessen Kopf an den Ohren gehalten und so lange auf die Tischplatte gehauen bis man ihn wegriss. Heute, dachte er immer, wenn ihm diese Geschichte einfiel, würde man meine Eltern mit Schuldgefühlen vollstopfen, mich in Therapien stecken und letztlich medikamentös ruhigstellen. Nein, er war nicht auf den Kriminaloberrat Schmörgel wütend, sondern auf die Tatsache, dass die Verhältnisse im Präsidium sich über die Jahre schleichend zum Schlechten verändert hatten. Als er in den Kriminaldienst eingetreten war, hatte es noch feste Strukturen gegeben. Erfahrene Kollegen leiteten Kommissariate, die hierarchisch sortiert waren, sodass jeder Jungbeamte wusste, dass er anfangs die Drecksarbeit zu machen hatte, sich aber auch ausrechnen konnte, wann er in den ruhigeren Bereich des Berufs kommen würde.

Sein Zorn schlug ihm auf den Magen, ein Baugefühl, das er auch aus Situationen unbestimmter Angst kannte. Vor ein paar Jahren hatte der Betriebsausflug ans Ijsselmeer geführt; man wollte ein bisschen mit einem Plattboot über die künstliche See schippern, dabei Fisch essen und viel Alkohol trinken. Seekrankheit war Robert fremd, aber er war bisher auch nur auf großen Autofähren gefahren. So bestieg er das plumpe Boot mit einem guten Gefühl. Kaum hatte der Skipper aber abgelegt, spürte er einen leichten Druck in der Magengegend, der sich in den folgenden Minuten steigerte und zu einer heißen Kugel wurde, die vom Solarplexus aufstieg, die Wirbelsäule hoch und dann unter dem Schädeldach landete. Hauptkommissar Greiper erlitt eine veritable Panikattacke, und das Schiff musste umdrehen, um ihn schnellstmöglich wieder an Land zu bringen. Nachdem sich seine Atmung wieder stabilisiert hatte, blickte er hinaus auf das Wasser, auf dem die Kollegen nun ohne ihn segelten und ahnte, dass dies nicht der einzige Anfall dieser Art bleiben würde. Später erkannte er, dass seine Wut, seine Aggression in manchen Situationen nur die andere Seite der Angst war.

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Junganwalt Raffael Weilch erreichte seinen Chef montags gegen acht auf dem Mobiltelefon. Er wurde mit einem „Was ist denn?“ begrüßt und wusste, das Gespräch würde unerfreulich werden. „Ich habe wie vereinbart diese Schriftsätze gegen den Blogger aufgesetzt.“ – „Gut. Und was willst du jetzt von mir?“ – „Das Problem besteht darin, dass die Angaben aus dem Impressum nicht stimmen. Nicht stimmen können.“ – „Versteh ich nicht.“ – „Im Blog-Impressum ist ein gewisser Herbert Nüttelmeier angegeben, wohnhaft in Remscheid. Die Adresse gibt es tatsächlich da.“ – „Ja, dann adressierst du das Ding an Nüttelmeier in Remscheid. Deswegen rufst du an?“ – „Ich hab am Sonntag die angegebene Telefonnummer angerufen. Da meldet sich das Pfarramt St. Peter und Paul, eine ältere Dame, und von einem Nüttelmeier hätte sie noch nie gehört. Das scheint also ein falscher Name zu sein.“ – „Was sagt Denic?“ – „Die Domäne roter-ritter.com ist auf einen Bernhard Arbogast mit Wohnsitz in, jetzt halten Sie sich bitte fest, Graz registriert.“ – „Auch kein Problem. Mit Abmahnungen an österreichische Arschlöcher haben wir auch genug Erfahrung.“ – „Es gibt keinen Arbogast in Graz.“ – „Hör mal, bin ich dein Privatdeketiv, oder was?“ schrie Felsheimer ins Handy, „krieg den Verantwortlichen raus und verklag ihn!“ Womit das Gespräch beendet war, ohne dass Weilch hatte berichten können, dass unter dem bewussten Namen mehrere Hundert Webseiten angemeldet waren, vorwiegend Weblogs, aber auch Foren, die sich allesamt dem Verunglimpfen prominenter Politiker, Showgrößen und Sportler widmeten. Nur wohnte dieser Arbogast an fast ebenso vielen Orten wie es Internet-Sites gab, die auf seinen Namen registriert waren.
Und letztlich verwiesen alle diese Webseiten auf einen Server, der laut einschlägiger, teils illegaler Recherchewerkzeuge, die der junge Jurist einsetzte, mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der Karibikinsel Antigua seinen elektrischen Strom bezog. Also genau an dem Ort, von dem aus die internationalen Geldwäschekartelle illegales Kapital per internetbasiertem Glücksspiel in saubere, investitionsfähige Dollars verwandelten. Ob es da einen Zusammenhang gab, würde er aus reiner Neugier auch noch herausfinden.

publiziert am 19.07.13 in Einzelteile ¦ 723x gelesen ¦ noch kein Kommentar