Das Findelkind vom Red River

Die Wolken machen den Vorhang zu und der letzte Sonnestrahl malt einen Strich auf die Veranda, wo Matt auf seinen gepackten Sachen sitzt. Seit fünf Wochen hat es nicht mehr geregnet, bald kommt die Zeit der Tornados, die über den flachen Ebenen entstehen und in manchem Jahr auch Quanah treffen. Matt wartet auf seinen Cousin, der ihn nach Dallas fahren wird. Hinten über dem Red River fällt das Wasser aus dem dunkelgrauen Wolkenbauch, und Matt spürt den kalten Wind, dem der starke Regen folgt. Sie werden auf dem Highway 287 vor dem Wetter fliehen, südwestwärts, die ersten siebzig Meilen bis Wichita Falls in gut anderthalb Stunden schaffen und dann auf dem 81er bis nach Fort Worth noch einmal gut drei Stunden brauchen. Es ist kurz nach zehn am Morgen, und um sechs am Abend geht sein Flug nach Europa.

Mary Parkers Farmhaus liegt noch im Sonnenlicht, der Wagen von Ordell parkt hinter dem Busch an der Straße. Gestern hat Matt noch bei Mary vorbeigeschaut, hat ein Glas Milch in ihrer Küche getrunken und von seiner Reise erzählt. Sie trug ein sehr altmodisches Leinenkleid und hatte das rote Haar hochgesteckt, und wäre sie dreißig Jahre jünger, dann hätte Matt sicher versucht über Nacht bei ihr zu bleiben. Aber dann kam Tucker, den sie gleich küsste, den sie anlachte, und Matt war sich sicher, dass er besser gehen sollte.

Nachts hatte er wieder von den geschändeten Leichen geträumt. Den vier Körpern, von aufgebrachten Menschen in einem wüstengelben Ort voller kubischer, fensterloser Häuser, vom ausgetrockneten Fluss und der staubigen Brücke. Wie sie die Kadaver an ihre Geländewagen gebunden und laut hupend durch die Straßen geschleift haben. Salutschüsse ist Hunderten Gewehren nachdem die Getöteten am Geländer über dem leeren Flussbett hingen. Brennende Stars-and-Stripes, ein brennender Humvee. Und Matt weiß die ganze Zeit, einer der Toten ist sein Vater. Und die Stadt heißt Fallujah. Nach all den Nächten fühlt es sich nicht mehr an wie ein Albtraum. Ganz vertraut, ein Teil seiner Familiengeschichte.

Es war Mary, die ihm erzählt hat, wer sein Vater war. Seine Großmutter, die gar nicht seine Großmutter ist, sondern die Stiefmutter seiner Mutter. Die das Findelkind aufgenommen hatte. Ein spindeldürres Mädchen, das im August 1970, dem heißesten August seit Menschengedenken, mit bloßen Füßen, und nicht mehr am Leib als einer zerrissenen Latzhose hinter der Methodisten-Kirche von Quanah im Schatten eines Sumach-Baums schlafend gefunden wurde. Reverend Young war es, der sie zuerst sah, dann die Damen des Gemeindechors, mit denen er gerade geprobt hatte. Man weckte das Mädchen, aber sie sprach nicht. Man hielt sie für taubstumm. Aber nachdem man ihr ein großes Glas Milch und ein gewaltiges Stück Schokoladenkuchen verabreicht hatte, begann sie zu reden. Der Pastor kratzte sich am Kopf und war ratlos: Diese Sprache hatte er noch nie gehört. Er empfand sie als hart und mit vielen Kehllauten durchsetzt. Niemand verstand das Kind. Auch Richter Mumford und Schullehrerin Archer nicht, die man rasch herbeigeholt hatte.

Dann brachte man das Fundstück zu Doktor Martins. Als er versuchte, sie zu untersuchen, begann sie laut zu schreien und zu weinen und schlug um sich. Erst der jungen Mary Parker, der Praxishelferin des Arztes gelang es, das Mädchen zu beruhigen. Die Gemeinde beschloss, Mary solle sich um das Kind kümmern, man werde sie dabei nach Kräften unterstützen. Und so wurde die junge, rothaarige Frau, hinter der die Kerle aus dem ganzen County her waren, mit kaum zwanzig Jahren Mutter. Ob es daran lag, dass sie nie heiratete, wusste niemand so genau. Jedenfalls blieb Mary Parker bis zum Tag von Matts Abreise eine unverheiratete Frau, die auch ohne Gatten gut zurechtkam und eine ganze Reihe von Affären durchlebte, ohne dass man ihr, der vorbildlichen Stiefmutter, im Ort je übel nahm.
Über dem abgeernteten Maisacker verläuft die scharfe Trennlinie zwischen dem grellen Sonnenlicht und dem tiefblauen Schatten der Gewitterwolke. Matt ist nicht sicher, ob sich die Grenze auf ihn zu oder von ihm weg bewegt. Der Wind hat gedreht und weht jetzt in kurzen, heftigen Böen quer zur Straße. Sand wirbelt auf und gerät hinter die Gläser seiner Sonnenbrille. Ordell sollte längst da sein. Schon vor einer halben Stunden hatten sie losfahren wollen, aber der Cousin schien verschlafen oder sich in der Stadt vertrödelt zu haben. Dann sah er den schweren Kerl mit großen Schritten den Fahrweg zur Kreuzung hochstapfen. Ordell winkt, und Matt winkt zurück. „Sorry, Mann,“ sagt er zur Begrüßung, erklärt aber seine Verspätung nicht. Er geht zum Auto, steigt ein, startet und rangiert das Fahrzeug umständlich aus dem Schatten zwischen Hauswand und Hecke. Hält bei Matt und öffnet den Kofferraum. Der wirft seine Gepäck hinein, und der Cousin schließt die Klappe mit einem lauten Knall.

Dann bleibt er an der Fahrertür stehen und fragt Matt über das Autodach hinweg: „Warum fliegst du nach Europa?“ Der sieht ihn an: „Können wir das bitte während der Fahrt besprechen? Wir sollten los bevor der Tornado kommt.“ – „Kommt kein Tornado,“ sagt der Dicke, der zur Tarnfleckenhose ein blütenweißes T-Shirt trägt. „Wind hat sich gedreht“, fügt er hinzu. Sie steigen ein. Nachdem sie durch die Stadt sind, noch nicht ganz an der Kreuzung zum Highway, versucht Ordell es noch einmal: „Warum?“ – „Meinen Vater suchen.“ Der Cousin pfeift leise durch die Zähne. „Dein Vater ist tot.“ – „Das weiß keiner genau. Ich will ihn entweder finden oder sicher sein, dass er tot ist.“ Ordell schaut ihn aus den Augenwinkeln an: „Wär besser, er wär tot.“ Matt weiß, dass sein Vater in Quanah und Umgebung viele Feinde hat. Dass es Dutzende Leute hier gibt, die ihn gern tot sähen oder wenig Skrupel hätten, ihn zu töten. Er hat zu viel Unheil angerichtet hier an der Grenze zwischen Texas und Oklahoma, zu viele Bürger betrogen, verheiratete Frauen verführt und Prügeleien angezettelt. Mancher Bürger der Stadt Quanah vertrat die Ansicht, dass alle Konflikte, Streitereien, Trennungen und Tragödien in der Gegend letztlich auf Taten dieses bösen Mannes zurückzuführen seien, der vor rund zwanzig Jahren die minderjährige Stieftochter von Mary Parker geschwängert hat.

publiziert am 01.08.13 in Blinde Mäuse ¦ 707x gelesen ¦ noch kein Kommentar